In der Kirche von "Love and Mercy"

10. Juli 2007, 19:16
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Brian Wilson, genialer Visionär und Mastermind der Beach Boys, gastierte im Rahmen des Wiener Jazzfests in der Staatsoper

Auch ohne größeres Zutun des enigmatischen Meisters entfalteten seine Songs die ihnen eigene Magie.


Wien - Noch bevor er zum ersten Ton anhob, erhob sich seinerseits das Publikum aus den Stühlen und begrüßte Brian Wilson bei seiner Österreich-Premiere in der Wiener Staatsoper mit stehenden Ovationen. Ein erster Moment der Rührung, dem an diesem Abend noch viele folgen sollten. Aber zuerst nahm der 65-jährige Kalifornier hinter seinem E-Piano Platz und eröffnete mit "Catch A Wave" eine Surfstunde, die jenes Geheimnis offenlegte, das Brian Wilson als musikalisches Mastermind der Beach Boys Anfang der 60er-Jahre preisgab: Wo die Sonne großzügig scheint, da wirft sie auch ordentlich Schatten.

Denn die vordergründigen Gute-Laune-Songs wie das pflichtschuldig gegebene Fun Fun Fun, das eine damals eben erst erfundene Jugendkultur unter der Sonne Kaliforniens bereitwillig als Soundtrack zum neuen Lebensgefühl annahm, kam von einem Mann, einem Wesen, der schon früh feststellte: "Musik ist mein einziger Freund."

"Ich wandte mich der Musik zu, weil mein Daddy so grausam zu mir war", erzählt Wilson in "I Just Wasn't Made For These Times", einem Film von Don Was aus 1995.

Um den Schlägen des Familientyrannen zu entgehen, denen Wilson verdankt, auf einem Ohr taub zu sein, verabschiedete sich Klein-Brian nach der Schule in sein Zimmer und verinnerlichte in stundenlangen Sitzungen Platten der Four Freshmen - einer Vokal-Band aus den 50ern, deren Harmonien Wilson mit dem Rock 'n' Roll eines Chuck Berry zusammenführte und daraus - plus den prächtig größenwahnsinnigen Walls of Sound von Phil Spector - den typischen Beach-Boys-Sound kreierte.

Ohne Berrys "Johnny B. Goode" ging es auch bei seiner Live-Show im Rahmen des Jazzfests nicht, in der Wilson reichlich Songs aus dem Frühwerk der Strandbuben vortrug. Etwa das Gänsehaut verursachende "The Warmth Of The Sun" - einen Song, den der Mann mit der rechts hängenden Oberlippe gemeinsam mit Mike Love an jenem Tag geschrieben hatte, an dem John F. Kennedy erschossen wurde und dem der Schmerz und die Verunsicherung dieses die Welt erschütternden Ereignisses auch über 40 Jahre später noch anzumerken ist.

Anzumerken sind Wilson auch seine Drogenexzesse. Unter Einfluss von LSD und angestachelt vom Beatles-Album "Rubber Soul" ging er daran, "Pet Sounds" zu produzieren. Ein Album, das nach seinen Erscheinen 1966 Andrew Loog Oldham, den damaligen Manager der Rolling Stones, dazu veranlasste, ein aus eigener Tasche bezahltes ganzseitiges Inserat in der englischen Presse zu schalten, in dem er "Pet Sounds" das beste Album aller Zeiten nannte. Das muss man sich einmal vorstellen! Auch deshalb war das am Dienstag nicht nur ein Konzertbesuch, sondern ein Kirchgang.

Die großen Visionen, das Genie hinter "Pet Sounds" oder dem die Beach Boys aufreibenden Folgewerk "Smile", ließ die Live-Begegnung mit Wilson nur erahnen. Im Konzert ruhten seine Hände, die einst die unerhörtesten Akkordfolgen möglich machten, meist in seinem Schoß, dirigierten die Band oder illustrierten, wie das ein Märchen erzählender Onkel tut, seine Texte: Brian, das freundliche Enigma. So saß er als drolliger Oldtimer auf der Bühne. Als Edel-Bentley. Als einer, der nur einmal gebaut wurde.

Abgefederter R 'n' B

Seine tragische Biografie - Drogen, Depressionen, Jahre im Bett - ist heute längst mit der Melancholie seiner Songs verschmolzen und wurde live von einer immer wieder in einen lässig abgefederten Rhythm 'n' Blues verfallenden Band zart versüßt.

Dazu taten Stücke wie "Sloop John B", das wie ein Weihnachtslied instrumentierte "God Only Knows" oder die Ballade "Caroline, No" auch ohne gröberes Zutun ihres Schöpfers ihre Wirkung. Bei dem an "Rhonda" gerichteten Hilferuf erhob sich schließlich der Saal und ließ die letzten 20 Minuten zu einer den Umständen entsprechenden "Strandparty" werden, die die G"ood Vibrations" von der Bühne dankbar aufnahm und retournierte.

Mit vielen "Uuuhs" und "Aaahs" aus dem Background wurde der Signation-Song der Beach Boys, "California Girls", gegeben, für den Wilson die Bassgitarre übernahm. Zum finalen Höhepunkt geriet die vielleicht schönste Ballade, die der Mann je geschrieben hat: "Love And Mercy", in dem er angesichts der Fernsehnachrichten die naive wie wahre Zeile "Love and mercy that's what you need tonight" formulierte.

Was sollte man da noch sagen? Nur eins: Do It Again! (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.7.2007)

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"A-Humm-Ba-Didi": So einfach lassen sich große Gefühle übersetzen, wenn man Brian Wilson heißt.
    foto: standard / newald

    "A-Humm-Ba-Didi": So einfach lassen sich große Gefühle übersetzen, wenn man Brian Wilson heißt.

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