Fahndungserfolg durch Dauerüberwachung

11. Juli 2007, 16:18
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Jeder Londoner wird 300-mal am Tag gefilmt – CCTV half Attentate von 2005 aufzuklären

London – Bei der Identifizierung von Tatverdächtigen spielen die allgegenwärtigen Überwachungskameras auf der Insel eine immer größere Rolle. Nach den Terroranschlägen von London wertete die Polizei systematisch alle Kameras in den Straßen Haymarket und Cockspur Street aus, in denen die Autobomben geparkt waren.

Bei der Suche half ein Computerprogramm, das die automatisierte Identifizierung von Nummernschildern ermöglicht. So konnte ein Beamter die Kennziffern der beiden grün-metallic-farbenen Wagen der Marke Mercedes in den Computer eingeben, der das Nummernschild mit den gespeicherten Daten verglich. Binnen weniger Stunden entstand so ein genaues Bewegungsbild der verdächtigen Fahrzeuge.

Was Datenschützer in vielen kontinental-europäischen Ländern auf die Palme bringt, ist in London gang und gäbe: Seit Einführung der City-Maut 2003 wird die Innenstadt flächendeckend überwacht; aber auch in vielen Außenbezirken sind Kameras allgegenwärtig. Unabhängigen Schätzungen zufolge werden die Londoner im Durchschnitt jeden Tag 300-mal gefilmt; die Kameras gehören 30 unterschiedlichen Betreibern, der Verkehrspolizei, aber auch Geschäften und Banken. Die ersten Kameras in Bahnhöfen und U-Bahnstationen wurden in den 70er-Jahren installiert. Seit den Neunzigerjahren hat die Bedeutung von CCTV ("Closed-Circuit-Television") explosionsartig zugenommen.

In keiner der bisher vorgelegten Studien mochten sich Kriminologen darauf festlegen, dass Überwachungskameras potenzielle Täter abschrecken. Eine Untersuchung des Innenministeriums von 2005 registrierte zwar einen generellen Rückgang der Kriminalität, stellte aber keinen ausdrücklichen Zusammenhang mit den Kameras her. Einen klaren Effekt aber hat der Überwachungsstaat: Die Angst der Bürger vor Verbrechen ging deutlich zurück, sobald in ihrer Nachbarschaft Kameras installiert wurden.

Während Personalausweise seit Jahren hochumstritten sind, stören sich Bürgerrechtler kaum an der Dauerüberwachung durch Kameras. Das dürfte mit einer Straftat zusammenhängen, deren Scheußlichkeit im Frühjahr 1993 die Nation wochenlang bewegte. In Liverpool nahmen zwei Zehnjährige in einem Einkaufszentrum den zweijährigen James Bulger, den seine Mutter für einen Moment aus den Augen gelassen hatte, an der Hand, entführten, folterten und töteten das Kind. Das ahnungslose Opfer zwischen den beiden Tätern – dieses Bild der Überwachungskamera hat sich unauslöschlich ins Unterbewusstsein der Briten gebrannt. Seither gab es immer wieder spektakuläre Fahndungserfolge, die auf die Auswertung von Videobändern zurückgingen. Im Juli 2005 ermöglichten sie die rasche Identifizierung der vier Rucksack-Bomber, die in der Londoner U-Bahn und einem Bus 52 Menschen ermordeten und Hunderte verletzten.

Der prominenteste Kritiker der Überwachung war im Mai ausgerechnet ein Polizist. Der Vizepräsident der ländlichen Grafschaft Hampshire warnte vor zu vielen Kameras auch in kleinen Ortschaften. "In so einer Gesellschaft möchte ich nicht leben", sagte Ian Readhead. (sbo/DER STANDARD, Printausgabe, 3.7.2007)

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