Mutmaßliche Mörder des Journalisten Dink in Istanbul vor Gericht

1. August 2007, 18:50
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18 Angeklagte aus dem rechtsnationalen Spektrum - Behörden ignorierten Hinweise auf den Mord

Ein halbes Jahr nach der Ermordung des türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink in Istanbul müssen sich nun die mutmaßlichen Täter vor Gericht verantworten. In dem Mammut-Prozess gegen insgesamt 18 Angeklagte aus dem rechtsnationalen Spektrum, der an diesem Montag vor dem Schwurgericht in der türkischen Metropole beginnt, fordert die Staatsanwaltschaft Freiheitsstrafen bis zu lebenslang. Die Anklagebehörde wertet den Mord als rechtsextremen Terrorakt gegen Dink, der eine Aufarbeitung der türkischen Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg gefordert hatte. Die Anwälte der Familie Dinks sind davon überzeugt, dass die im Staatsapparat vermuteten wahren Hintermänner der Tat geschützt werden sollen.

16-Jähriger als Todesschütze

Als Todesschütze war schon einen Tag nach dem Mord am 19. Jänner der 16-jährige Arbeitslose Ogün S. aus dem nordosttürkischen Trabzon festgenommen worden. Er hat die Tat gestanden und soll nach Willen der Staatsanwaltschaft für 24 Jahre ins Gefängnis, der Höchststrafe nach dem türkischen Jugendrecht. Für die beiden anderen Hauptangeklagten, die volljährigen Erhan Tuncel und Yasin Hayal, fordert die Staatsanwaltschaft lebenslange Haft. Den Beschuldigten wird auch Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Der Prozess wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt, weil Ogün S. noch minderjährig ist.

Dink war auf offener Straße vor der Redaktion seiner armenischen Wochenzeitung "Agos" mit Schüssen in Nacken und Kopf getötet worden. Yasin Hayal soll den Schützen Ogün S. zu der Tat angestachelt und auch die Waffe besorgt haben. Erhan Tuncel, der zweite mutmaßliche Drahtzieher, ist ein ehemaliger Polizeispitzel aus Trabzon.

Behörden ignorierten Hinweise

Nicht nur wegen Tuncels Beziehungen zur Polizei war schon kurz nach dem Mord der Verdacht aufgekommen, dass die Sicherheitskräfte in das Mordkomplott verwickelt sein könnten. So stellte sich heraus, dass die Behörden in den Monaten vor dem Mord zahlreiche Hinweise auf die geplante Gewalttat ignorierten. Nach seiner Festnahme wurde Ogün S. von Polizisten wie ein Held gefeiert. Fethiye Cetin, eine Anwältin der Familie Dink, wirft den Behörden zudem vor, bei der Vorbereitung des Prozesses viele Dokumente vernichtet zu haben.

Spekuliert wird über eine Verbindung der Täter zum so genannten "tiefen Staat" der Türkei - einem rechtsnationalen Netzwerk aus Sicherheitskräften, Bürokraten und Politikern, die mit Gewalt gegen angebliche "Staatsfeinde" vorgehen. Dink war den Nationalisten wegen seiner Einstellung zur Armenier-Frage ebenso verhasst wie der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk. Der Dink-Angeklagte Yasin Hayal bedrohte Pamuk auf dem Weg zu einem Verhör öffentlich mit den Worten, der Schriftsteller solle "sich vorsehen". Pamuk und andere erhielten daraufhin Polizeischutz.

"Wir sind alle Armenier"

In der türkischen Gesellschaft wurden nach dem Mord an Dink tiefe Gräben sichtbar. Während sich in Istanbul hunderttausende Menschen bei einem Trauermarsch unter dem Motto "Wir sind alle Armenier" mit Dink solidarisierten, kritisierten Nationalisten diese Parole als Verrat. Vereinzelt wurden christliche Einrichtungen angegriffen. Nun könnten diese Fronten erneut aufbrechen. Zum Prozessauftakt wollen Vertreter verschiedener Gruppen und Verbände unter dem Motto "Sag' Stopp zu Rassismus und Nationalismus" zu dem Istanbuler Gericht marschieren. (Susanne Güsten/APA)

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