Monumentale Socken: Sigmar Polke im Mumok

28. Juni 2007, 17:26
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Die große Personale ist mit mehr als 170 Exponaten die erste diesem Künstler in Österreich gewidmete Ausstellung

Die Mumok-Retrospektive vereint Werke aus den Sammlungen Frieder Burda, Josef Froehlich und Reiner Speck und.


Wien – Seine erste Ausstellung hatte er gemeinsam mit Manfred Kuttner und Konrad Lueg in der Düsseldorfer Kaiserstraße 31A. Eine potente Kombination: Aus Konrad Lueg wurde mit der Zeit unter seinem eigentlichen Namen Konrad Fischer einer der einflussreichsten Galeristen für Minimal Art und Konzeptkunst mit Positionen wie Sol LeWitt, Bruce Nauman, Carl Andre, Richard Long, Lawrence Weiner, Hamish Fulton und Hanne Darboven.

Aus dem Maler Sigmar Polke wurde einer der wichtigsten Künstler der Nachkriegszeit. Kennen gelernt hatten die beiden einander an der Kunstakademie Düsseldorf, wo sie zusammen mit Gerhard Richter bei Bruno Goller und Karl-Otto Götz studierten. Zu dritt "erfanden" sie als Reaktion auf den im ehemaligen Ostblock verordneten Sozialistischen Realismus den Kapitalistischen Realismus, eine kritisch ironische Betrachtung des konsumorientierten Westens ebenso wie der Moderne und der Sujets der amerikanischen Pop-Artisten.

Sigmar Polke, 1941 im niederschlesischen Oels geboren, kam durch Flucht der Familie 1945 zunächst nach Thüringen, 1953 nach West-Berlin und dann schließlich nach Düsseldorf. Sigmar Polke – Eine Retrospektive präsentiert den wichtigen Zeitgenossen. Die Retrospektive führt aus drei renommierten Sammlungen – Frieder Burda, Josef Froehlich und Reiner Speck – Hauptwerke aus über vier Jahrzehnten zusammen und ist mit über 170 Arbeiten damit eine der weltweit größten Polke-Ausstellungen der letzen Jahre.

Große Personale

Die umfassende und detaillierte Gesamtübersicht über sein Werk ist die erste groß dimensionierte Personale des hoch dotierten Gegenwartskünstlers in Österreich. 60 großformatige Bilder sowie über 110 Arbeiten auf Papier aus den letzten vier Jahrzehnten belegen die Experimentierfreude und den Stilpluralismus des Künstlers.

Witz und Ironie werden schon früh im Werk manifest. Polke zeichnet mit Kugelschreiber banale Werbesujets auf billiges Papier, überhöht Alltägliches wie Reis, Würste oder Socken auf Monumentalgemälden. In hunderten Zeichnungen aus den frühen 1960er-Jahren liefert er sarkastische Kommentare auf die bürgerliche Wohlstandsgesellschaft und deren politische Ideale.

Eigener Mythos

Dem Kunstbetriebssystem und den vor allem mit der Arbeit am eigenen Mythos beschäftigten Künstlerhelden antwortet er 1969 mit dem Bild: Höhere Wesen befahlen: Rechte obere Ecke schwarz malen! Parallel beginnt Polke mit der Arbeit an Streifen- und Rasterbildern und verwendet kitschige Deko-Stoffe als Bildträger, etwa bei den Gemälden Dürer Hase oder Carl Andre in Delft (beide 1968).

In den Rasterbildern, die zwischen 1963 und 1969 entstanden sind, hat Polke nicht bloß den Druckraster vergrößert, um die Bilder der Printmedien dadurch in der Nahsicht als Ansammlung scheinbar willkürlich gesetzter Punkte erscheinen zu lassen. Er hat – im Gegensatz etwa zu Roy Lichtenstein – "seine Raster" in einem komplexen Verfahren manuell übertragen und in mehreren Schichten übereinandergelagert.

Daraus ergibt sich ein transparentes Flimmern, das Raum schafft und den Bildern auch "Tiefe" gibt. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.6.2007)

Zu sehen bis 7. 10.

Link: mumok.at

  • Sigmar Polkes "Gangster", aus 1988, Sammlung Reiner Speck.
    foto: mumok

    Sigmar Polkes "Gangster", aus 1988, Sammlung Reiner Speck.

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