"Stirb langsam 4.0": Kinder, wie die Zeit vergeht

26. Juni 2007, 09:32
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Kann derselbe Mann ein viertes Mal in dieselben Turbulenzen geraten? Bruce Willis macht es in seiner Paraderolle als selbstironischer Action­held John McClane vor: "Stirb langsam 4.0"

Wien – Fast zwanzig Jahre ist es her, dass ein Mann zur falschen Zeit am falschen Ort gewissermaßen im Alleingang eine terroristische Vereinigung ausschaltete und nebenbei das Innenleben eines Wolkenkratzers kennen und nutzen lernte.

Die Hard / Stirb langsam hieß der Film von John McTiernan, mit dem 1988 ein neuer Actionheld namens John McClane das Licht der Leinwand erblickte. Ein Durchschnittstyp, von Haus aus mit Verantwortungsbewusstsein und ausreichendem Improvisationsvermögen ausgestattet – und von Berufs wegen mit gewissen körperlichen und taktischen Nahkampffertigkeiten.

Gewitzt, nicht auf den Mund gefallen, aber auch verwundbar. Keine stoisch-stupide Kampfmaschine, eher schon die Reinkarnation eines Westernhelden, der mit Abgeklärtheit und Selbstironie zur Kenntnis genommen hat, dass sich die eigene Position mit ihren (physischen) Unzulänglichkeiten längst im Widerspruch zum aktuellen (technologischen) Stand der Dinge befindet. Der aber auch begriffen hat, dass genau darin sein Vorteil liegen könnte.

Damit war der Mann recht erfolgreich, und musste wiederkommen. Zweimal. Anschließend vergingen zwölf Jahre, aber noch die jüngste Aktualisierung des Kernszenarios, die nun unter dem Titel Stirb langsam 4.0 – beziehungsweise Live Free or Die Hard – in die Kinos kommt, lebt von diesem Bewusstsein: McClane hat wenig dazugelernt, aber er ist anpassungsfähig geblieben.

Zwar wurde die räumliche Komponente – vom Hochhaus zum Flughafengelände bis zum Terrain von New York – von Film zu Film ausgedehnt, und nun sind die USA das Angriffsziel: Unbekannte Aggressoren hacken sich in zentrale Rechner und verbreiten mörderisches Chaos.

Computer als Geschoß

Der Fokus der Erzählung hat sich im Gegenzug jedoch noch mehr auf das Moment der "Unzeit" verschoben (ein schönes Bild dafür ist jener terroristische Eingriff, der die Ampelschaltungen manipuliert – wo also erst die Veränderung des Zeitplans im räumlichen Außen Kollisionen produziert). Das passt gut zum gealterten Helden, dessen Darsteller Bruce Willis inzwischen 52 ist. Und nicht nur, dass McClane, der schon 1990 kein Faxgerät bedienen konnte, auch 2007 nur sehr oberflächlich über Computer Bescheid weiß – er stört mit seiner Erfahrung einer anderen Zeit vor allem den Countdown des feindlichen Spielmachers empfindlich.

Ein buchstäblicher Kampf von Hardware gegen Software beginnt. Die Terroristen sind bisweilen veritable Medienkünstler, Abteilung Spaßguerilla. McClane dagegen weiß: Computer funktionieren auch als Wurfgeschoße, und wenn der Gegner im Helikopter sitzt, vermag ihn ein im richtigen Winkel gen Himmel befördertes Auto auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Nach den Action-Routiniers McTiernan und Renny Harlin hat derlei genussvolle Zerstörungsakte mit Len Wiseman diesmal ein relativer Newcomer inszeniert. Seine Stirb langsam-Version sieht auch nicht unbedingt aus wie gediegenes Breitwandkino, der Look aus ausgebleichten Farben und hartem Neonlicht erinnert mehr an vergleichbare TV-Serien. Der Wirkung von brachialer Action tut das keinen Abbruch – daran haben, mitten im Cyberwar, Held und Publikum ihre kindische Freude. Yippie Kay Ay …

Relative Zurückhaltung hat man dafür, verglichen mit den Vorgängern, bezüglich der Feindbilder gewahrt. Heute wird zwar auf die gut eingeübten Terrorwarnstufen Bezug genommen, aber ansonsten baut man sein Drehbuch lieber auf jene Information-Warfare-Szenarien, die in den 90ern diskutiert wurden – der Journalist John Carlin, der 1997 einen entsprechenden Artikel in Wired veröffentlichte, hat dafür einen Autorencredit. Wenn das Daten-Back-up der Regierung, also quasi der überdimensionale Memory-Stick der Nation gefährdet ist, dann denkt der User im Publikum vielleicht immerhin über Datensicherung nach.

Es liegt also beides ein wenig außer der Zeit: Film und Held. Weil jedoch zumindest Letzterer nur zu gut um diesen Umstand weiß, wird das Vergnügen nicht geschmälert. (Isabella Reicher/ DER STANDARD, Printausgabe, 26.06.2007)

"Stirb langsam 4.0" startet Ende Juni auch in den heimischen Kinos.
  • Ein altmodischer Typ adaptiert sich nur unwillig für moderne Zeiten: Bruce Willis als John McClane in Len Wisemans "Stirb langsam 4.0".
    foto: centfox

    Ein altmodischer Typ adaptiert sich nur unwillig für moderne Zeiten: Bruce Willis als John McClane in Len Wisemans "Stirb langsam 4.0".

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