Kolibris in Österreich

4. Juli 2007, 21:53
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Auch in den rauen Gegenden kann sich südliche Fauna einstellen

"Habe heute, am 13. März, ein Taubenschwänzchen gesehen. Es hat an den Frühlingsblumen genascht", vermeldete ein User des Forums naturbeobachtung.at. Normalerweise sind Taubenschwänzchen erst viel später im Jahr aktiv, der heurige Winter, der ja fast ein Sommer war, hatte dieses Exemplar zum "Frühaufsteher" werden lassen - wie viele andere Insekten auch.

Taubenschwänzchen sorgen aber auch sonst immer wieder für Aufregung: Sie werden nämlich häufig für Kolibris gehalten - und eine gewisse Ähnlichkeit ist tatsächlich gegeben, wenn so ein kleiner Tagschwärmer mit seinem dicken Körper im Schwirrflug vor einer Blüte steht und mit seinem langen Rüssel Nektar saugt.

Totenkopfschwärmer

"In Zukunft könnten sich die angeblichen Sichtungen von Kolibris noch häufen", erklärt Mag. Dr. Martin Lödl, Direktor der 2. Zoologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien. "Denn wenn es wirklich dauerhaft wärmer wird, ist zu erwarten, dass sich auch der Windenschwärmer, ein afrikanischer Wanderfalter, bei uns ansiedeln kann. Der ist sehr groß und kann mit seinem zehn Zentimeter langen Rüssel wirklich für einen Kolibri gehalten werden. Wenn es im Winter regelmäßig über Null Grad hat, wären aus Afrika weiters der Totenkopfschwärmer und der Oleanderschwärmer als neue Arten bei uns zu erwarten."

Negative Waldhygiene

Südeuropäer haben sich schon angesiedelt: "Die Holzbiene, ein glänzend-schwarzes, großes und sehr attraktives Insekt, galt 1960 noch als ,Naturdenkmal', wenn sie im Sommer einmal bei uns gesichtet wurde. Heute ist sie bereits sehr häufig."

Und die heimische Insektenfauna? "Sicher wird es bei einer Klimaerwärmung Verschiebungen in der Verbreitung geben, die größte Gefährdung für Arten ist aber nach wie vor die Biotop-Zerstörung.

Die Trockenlegung von sauren Wiesen und Hochmooren, der Einsatz von Insektiziden, Herbiziden und Düngemitteln, welche die Futterpflanzen vernichten, sowie die intensive Nutzung der Landschaft haben im 20. Jahrhundert viel mehr angerichtet, als eine Erwärmung in diesem Jahrhundert nach sich ziehen würde."

Auch die intensive Waldhygiene hat der heimischen Insektenfauna zugesetzt. Lödl: "Mein Großvater, Jahrgang 1901, stammt aus dem Waldviertel, er hat als Kind mit den großen Bockkäfern gespielt, so häufig waren sie. Auf jedem Holzstoß saß so ein prächtiger großer Käfer. Heute sind die großen Waldkäfer eine Rarität. Aus Angst vor dem Borkenkäfer lässt man kein Totholz liegen, doch das brauchen die Larven von Bock- oder Hirschkäfer für die Entwicklung."

Wichtiges Totholz

Von Seiten der Waldbesitzer sei das verständlich - meint Lödl - doch zum Schutz der Insektenfauna müssten im Wald Inseln mit Totholz erhalten werden. Totholz bleibt zum Beispiel nach Stürmen liegen. Der Windbruch im heurigen Jänner nach dem Orkan Kyrill hatte zum "Großreinemachen" im Waldviertler Forst geführt, die Sturmfront vom Donnerstag richtete hingegen nur wenig Schäden an. (Andrea Dee, DER STANDARD Printausgabe, 23.6.2007)

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