Ein Wald wie eine Großfamilie

22. Juni 2007, 20:10
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Die letzten Spuren vom Orkan Kyrill im Jänner sind immer noch nicht aufgearbeitet: Österreichweit gerät der Wald laut Experten wegen des Klimawandels unter starken Druck

Die Geräuschkulisse im Wald ist nicht immer die idyllische aus Vogelgezwitscher, dem Rauschen eines kleinen Baches und den eigenen Schritten auf dem Waldboden. An einem Wochentag ist nebenher auch das Aufheulen der Sägen von Forstarbeitern zu hören. Im Wald des Stift Schlägl im oberösterreichischen Teil des Böhmerwaldes sind die in Sägemehl panierten Männer schon einige Monate mit Aufräumarbeiten beschäftigt.

Verantwortlich dafür ist Orkan Kyrill, der im Jänner 2007 über Mitteleuropa gefegt und auch hier allzu deutliche Spuren hinterlassen hat. Vereinzelt liegen im Böhmerwald noch die entwurzelten Stämme auf dem Boden. "Bei gewissen Geschwindigkeiten gibt es keinen sturmresistenten Baum", sagt Johannes Wohlmacher, Forstmeister des Stiftswaldes. Mit Windspitzen von 216 Kilometern pro Stunde hat Kyrill in Österreichs Wäldern 3,5 Millionen Festmeter Holz umgeworfen. Der Sturm, der vor zwei Tagen über Teilen Österreichs wütete, hat im Stiftswald hingegen keine Spuren hinterlassen.

Der Fichten-Tannen-Buchenwald ist typisch für die Gegend und auch für das teils raue Klima, das zwischen 600 und 1378 Höhenmetern - so hoch ist der Plöckenstein, dem der Schriftsteller Adalbert Stifter die ein oder andere Zeile gewidmet hat - vorherrscht. "Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt 4,5 Grad, wenn Sie die sonst wo in Österreich suchen, müssen sie 500 Meter weiter hinauf", erklärt Wohlmacher: "Unser Klima ist kontinental getönt und von starken Westwinden und einem ozeanischen Einschlag beeinflusst".

Standortbedingt kommen hier also auch reine Fichtenwälder vor - und es ist keine Rede davon, dass diese Flachwurzler vom Sturm bevorzugt umgefegt wurden. Unterhalb der Kanalstraße, die vor mehr als 200 Jahren angelegt wurde, um auf dem Wasserweg Holz vom Böhmerwald nach Wien zu transportieren, kann es schon vorkommen, dass sich Kaltluftseen bilden und das Thermometer im Winter minus 28 Grad Celsius anzeigt. Für Laubbäume ist das eindeutig zu kalt.

Im Böhmerwald werden nur heimische Bäume gesetzt - und höchstens dann, wenn es um Nachbesserungen geht. Ansonsten ist der Stiftswald ein Naturverjüngungsbetrieb. Dieser so genannte Plenterwald hat im Mühlviertel Tradition. "Wenn auf einer Fläche alle Altersstufen des Waldes vorhanden sind - wie eine Großfamilie, vom Enkel bis zur Oma, so ist das ein Plenterwald", erläutert Wohlmacher. Wobei die "Omas" hier bis zu 350 Jahre alt sind.

Auswirkungen des Klimawandels auf die Zusammensetzung der Böhmerwalder Flora hat Wohlmacher noch nicht bemerkt. Die Grünzone setzt sich vielmehr mit einer Altlast auseinander: Jener Walderkrankung, die in der Öffentlichkeit als "Waldsterben" bekannt wurde. Anfang der 1980er-Jahre, als sich die ersten Symptome dieser hauptsächlich durch sauren Regen ausgelösten Störung in Form von Nadelverfärbungen und Blattverlust bemerkbar machten, war der Böhmerwald "voll betroffen".

Die Erkrankung ist nach wie vor gegeben, obwohl man sie den Bäumen kaum ansieht. Einzig an den Jahrringen erkennt man, dass sie langsam gewachsen sind. Die Schwäche wird zudem vom Borkenkäfer ausgenützt. "Dem Waldsterben wurde mit umweltpolitischen Maßnahmen massiv begegnet", sagt Felix Montecuccoli, Präsident der Interessensvereinigung Land und Forstbetriebe.

Der Klimawandel hingegen werde den Wald österreichweit "extrem unter Druck bringen". Die prognostizierte Erwärmung von durchschnittlich zwei Grad bis in 30 Jahren sei "eklatant". Treffe das ein, so würden sich die Klimazonen über Österreich verschieben, mit Folgen etwa für die Walddichte. Derzeit befindet sich etwa das Waldviertel in der einen, das Weinviertel in der anderen Zone. "Und vergleichen Sie: Wie viel Wald gibt es im Wald- und wie viel im Weinviertel?", stellt Montecuccoli das Szenario bildlich dar.

Der Wald an sich schwächt die Auswirkungen des Klimawandels ab: Er speichert Kohlenstoff und Wasser, sowohl in niederschlagsreichen, als auch in niederschlagsarmen Zeiten. Das funktioniere aber nur, solange der Wald gesund sei - "und das ist die Problematik", meint Montecuccoli. Denn nicht nur, dass dem Wald die Erwärmung zu schaffen mache - auch als Holz- und Biomasselieferant müsse er herhalten. Bäume seien langlebig und könnten nicht ausweichen, nur die Arten könnten wandern, wenn sie Samen abwerfen, die von Wind, Tier oder Wasser verfrachtet werden. Laut Montecuccoli ist es fraglich, ob einzelne Bäume in Zukunft trotz Stresses das samenproduzierende Alter erreichen werden.

Er schlägt vor, künftig auch neue Arten auszuprobieren. "Wir denken da an Nadelhölzer aus dem amerikanischen Raum, wie die Douglasie oder an die Riesentanne, Abies Grandis, die ein Tiefwurzelsystem hat und Wasser aus den tieferen Lagen mobilisieren kann".

Doch Wald, der mit standortfremdem Gehölz aufgeforstet wird, hat laut dem renommierten Biologen Georg Grabherr weniger Chancen, den sich ändernden Bedingungen standzuhalten. Es sei allerdings menschlich, dass der Mensch etwas unternehmen wolle um den Klimawandel abzuwenden, räumt er ein. Und gegen die Erderwärmung sei eben jener Wald am wirksamsten, der natürlich gewachsen als langjähriges Kohlenstoffdepot fungiere. (Marijana Miljkovic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 6. 2007)

Klimawandel in Österreich, Teil 7
  • Dunkle Nadelbäume, moosbewachsene Steinplatten, niedrige Durchschnittstemperaturen: Das macht den oberösterreichischen Böhmerwald aus, wie wir ihn derzeit kennen. Unterm Klimawandelstress könnten sich Baumdichte und Artenzusammensetzung bis in 30 Jahren jedoch ändern.
    foto: rubra/rudolf brandstätter

    Dunkle Nadelbäume, moosbewachsene Steinplatten, niedrige Durchschnittstemperaturen: Das macht den oberösterreichischen Böhmerwald aus, wie wir ihn derzeit kennen. Unterm Klimawandelstress könnten sich Baumdichte und Artenzusammensetzung bis in 30 Jahren jedoch ändern.

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