Franz the Knife geht um

22. Juni 2007, 19:17
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Mit einer rabenschwarzen und gedankenschweren, aber grandiosen Inszenierung von Büchners "Woyzeck" ist Martin Kusej in München angekommen

Was immer der brave Füsilier Franz Woyzeck (Jens Harzer) im Münchener Residenztheater an Furchtbarem hinter sich gebracht haben muss, um mit dem Rasiermesser die Untreue seines Garnisonsliebchens Marie (Juliane Köhler) blutig zu sühnen (ein gallerthaltiger Stolperer, ein mürber Sentenzenkauer in einem gefrorenen Meer aus himmelblauen Müllsäcken) - dieses nicht näher bestimmte Katastrophengeschehen muss sich vor Georg Büchners Szenenfolge Woyzeck ereignet haben. Und zugleich Ewigkeiten danach.

Der Kärntner Regisseur Martin Kusej hat sich an seiner zukünftigen Wirkungsstätte (ab 2011) wiederum als tadelloser Zivilisationsmüll-entsorger empfohlen: Kusej verhandelt nicht mit den Stoffen, die er inszeniert. Er verhandelt höchstens, dass er sie unterkriegt.

Er blickt hinunter auf die schändlichen Ablagerungen, die unsere Wohlstandsgesellschaft aufhäuft, wie auf kariöse Zahnfäule. Überall schwärt Hass, lauert der Tod. Kusej-Figuren sind Untote geworden: Wiedergänger ihrer eigenen Verbrechen an der Menschheit - wobei ihre unverstellte Grausamkeit, gleich Akten einer nicht für möglich gehaltenen Entsühnung, zugleich ihre Mitmenschlichkeit ausmacht.

Der Doktor (Werner Wölbern): Der parasympathische Erbsenverfütterer, Büchners brutale Karikatur des deutschen spekulativen Gelehrten mit Hang zum "Idealismus", tobt seine Abstraktionswut aus wie ein krisenberuhigter Doktor Mengele. Die Referendarkugelschreiber griffbereit im Arbeitskittel, händigt er den Zinkkübel an den schlotterdünnen Harzer aus. Vorher verpasst er dem Woyzeck - der doch immer so "verhetzt" aussieht - eine Spritze ins Auge.

Unsere Behauptung des Blicks, das Beharren auf der "Subjektivität" von Meinungen und Realitätszuschreibungen, wird von Kusej in einen Bunker der Nacht befördert: Hinein in die Tiefe des bis auf die Feuermauer entblößten Residenztheaters, vor der Bühnenbauer Martin Zehetgruber die Säcke wie erstarrte Wellen übereinander geschlichtet hat.

Der Hauptmann (Rainer Bock): Der feiste Warlord lässt sich von Woyzeck nicht balbieren, sondern mit der Rute peitschen ("Er macht mir ganz schwindlig!").

Etwa zu Beginn dieser insgesamt grandiosen Aufführung, die unter dem bedrohlichen Gebrumm von Bert Wredes Techno-Landschaften schlagartig schockgefriert, taucht er aus den Müllwächten wie ein Freischärler herauf. Drei Männer, die sich nacheinander als Andres, als Tambourmajor und eben als Hauptmann entpuppen: Soldatengesindel, das sich an einer stöckelnden, merkwürdig aufgekratzten Zivilistin (Barbara Melzl) mit hennarotem Schopf vergeht ("Ich hab' seit gestern nichts mehr Warmes in den Leib gekriegt!"). Das die "Weiber" wie Deponiesäcke abgreift, um sie sich schließlich als Strandgut kopulierend einzuverleiben.

Dergleichen nannte man früher vielleicht "Studien zum autoritären Charakter". Gemeint war damit in den Tagen der heute nur noch verpönten Frankfurter Schule die Faschismusanfälligkeit ordnungsliebender Bürger. Woyzeck, und darin steckt die tiefe Wahrheit von Kusejs finsterem Stochern im Trüben, ist voller solcher Bürger.

Sie lassen sich vom "Ausrufer" (Robert Joseph Bartl), einer Drag Queen mit unbezähmbarem Hang zum Zurechtlupfen ihrer Fleischwülste, in die Müllhalden des Infotainment-Gewerbes einführen: "Aids? Passé!", extemporiert der rührende Koloss, der nicht das Pferd beim Zählen (wie bei Büchner), sondern die Freizeitgesellschaft beim Verrotten vorführt.

Jens Harzers Triumph

Vor, hinter und über allem, den splitternden Szenen aus dem unversieglichen Woyzeck-Steinbruch: Jens Harzer, der vielleicht faszinierendste Schauspieler seiner Generation. Der die Hände hinter dem schütter bewachsenen Kopf zusammenschlägt, als müsse er das Elend der Welt furchtbar belachen. Der mit mahlender Zunge Büchners unsterblich schöne Sätze wie zuckende Würmer herausstößt.

Der seiner Marie (Köhler), die in ihrem feuerroten Kleid wie eine Horváth-Figur über die Halde fegt, immerzu glücksbegierig, dabei vom Überschnappen akut bedroht, die Hand reicht wie einem widerspenstigen Kind.

Das Kind aber ist Woyzeck selbst geblieben: Nach der Bluttat - der Narr (Arnulf Schumacher) hat Katastrophenprosa abgesondert wie kontaminierten Schleim - steht er mit den Überresten eines Teddys im Chaos. "Hopp! Hopp!" Kusejs Weg nach München ist unaufhaltsam. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 23./24.06.2007)

  • Diese Generation von Büchner-Figuren leidet noch immer am Krieg aller gegen alle. Im Vordergrund: Jens Harzer als Münchner "Woyzeck".
    foto: dashuber

    Diese Generation von Büchner-Figuren leidet noch immer am Krieg aller gegen alle. Im Vordergrund: Jens Harzer als Münchner "Woyzeck".

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