Dorner: ELGA kostet 30 Mrd. Euro

25. Juni 2007, 14:18
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Neuer Ärztekammerpräsident: "Wenn wir den Krankenkassen jährlich 300 Mio. Euro von den ELGA-Kosten geben, haben sie 15 Jahre keine Finanzsorgen mehr"

Linz - In den nächsten fünf Jahren wird Walter Dorner, der bisherige Wiener Ärztekammerpräsident, den Ärztestand auch als Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) repräsentierten. Die Standesvertretung hat sich immer wieder vehement in gesundheitspolitische Debatten eingeschaltet. So tat dies aus Anlass seiner Wahl in Oberösterreich Dorner auch in einem Gespräch mit der APA: "Wir brauchen einen absoluten Bürokratiestopp und danach einen geordneten Abbau." Die elektronische Gesundheitsakte werde 30 Mrd. Euro kosten, meinte er. Auf der E-Card will der Kammerpräsident in Zukunft ein eingescanntes Bild des Versicherten.

Bürokratiestopp und geordneter Abbau

Die Forderungen Dorners an die Gesundheitspolitik in geballter Form: Prävention und Vorsorge sind weiter in den Vordergrund zu stellen. Absoluter Bürokratiestopp und danach ein geordneter Abbau. E-Card mit Fotos des Inhabers ausstatten. Das Gesundheitswesen sollte sich wieder vorrangig dem Patienten und nicht vor allem der Ökonomie und dem Controlling zuwenden. Dem Gesundheitswesen und den Krankenkassen seien die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen

"Leidvolle Erfahrungen"

Scharf kritisierte der neue ÖÄK-Präsident die österreichische Gesundheitspolitik insgesamt: "Wir haben in den letzten Jahren als Ärzte leider nur leidvolle Erfahrungen gemacht. Es wird gesagt, dass die Bürokratie weniger wird. Doch sie ist explodiert. Das gilt für das automatische Bewilligungssystem für die Arzneimittel genau so wie für den unglücklichen Erstattungskodex, den man am tiefsten Punkt des Meeres versenken sollte."

Keine Kostenrechnung für ELGA

Auch das so viel gepriesene E-Card-System sei noch immer fehlerbehaftet. Dorner: "Ich fordere, dass auf den vom Hauptverband neu heraus gegebenen E-Cards das Foto des Inhabers eingescannt wird. Dann weiß ich, ob die Karte, die mir der Patient übergibt auch zu diesem gehört." Die Ärzte wären nicht die Detektive der sozialen Krankenversicherungen.

Der Ausbau des E-Health-Systems mit der geplanten elektronischen Gesundheitsakte ELGA ist für den Ärztekammerpräsident mit einem enormen Aufwand bei gleichzeitiger umfassender Kontrolle und einer Gefahr für die Privatsphäre verbunden. Die Kosten seien unabsehbar. Der Standesvertreter: "Wir sind keine Technologie-Verhinderer. Ich glaube aber, es ist das Recht von Menschen, dieses System ordentlich zu hinterfragen. Brauchen wir ein 30 Mrd. Euro teures System? Wenn wir den Krankenkassen jedes Jahr 300 Mio. Euro von den ELGA-Kosten geben, haben sie 15 Jahre keine Finanzsorgen mehr. (...) Wir haben dem Gesundheitsministerium zehn Fragen zu den Kosten gestellt. Es gibt keine Kostenschätzung und keine Kostenrechnung für ELGA."

Größtmögliche Freiheit für Arzt und Patient

Für Dorner führt ELGA womöglich in die falsche Richtung: "Man will noch mehr Kontrolle. Das wird die ärztliche Qualität nicht steigern." Finanz- und Kostenkontrollsysteme würden einem "aufgeschundenen Knie" nicht helfen. Der Standesvertreter. "Es kommt auf den Betreuungsfaktor durch den Arzt an. Es kommt auf den 'Human factor' an." Die Ärztekammer werde jedenfalls für eine Zustimmungsregelung bei ELGA eintreten und von ärztlicher Seite kaum mitzahlen: "Wir wollen die größtmögliche Freiheit für den Patienten, nicht mitzumachen. Wir wollen die größtmögliche Freiheit für den Arzt, nicht mitzumachen. (...) Ich sehe die Ärzte nicht zwingend dabei. Und sie werden das nicht vom letzten 'Gerstel' der Hausärzte finanzieren."

Mit "DAME" auch möglich

Walter Dorner glaubt fest daran, dass wesentliche Teile der elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) auch mit einem guten System der Informationsweitergabe an den Hausarzt als Drehscheibe und der freiwilligen Beteiligung an Datennetzen wie "DAME" möglich wäre: "Es gibt endlose (finanzielle, Anm.) Einbrüche bei den Praktischen Ärzten. Wir haben davor ja gewarnt. Das ist das Doctor Hopping." Die Patienten könnten mit der E-Card einfach zu verschiedenen Ärzten gehen, was die Koordination beeinträchtige.

"Das Gejeiere sollte aufhören"

Bei der Finanzierung des Gesundheitswesens müsse die Gesundheits- und Sozialpolitik endlich die Realitäten erkennen. Dorner: "Ich glaube, dass man endlich einmal sagen muss: 'Gib Gott, was Gottes ist, gib dem Staat, was des Staates ist'. Man muss dem Gesundheitswesen und der Sozialversicherung das geben, was sich gehört. Das Gejeier sollte aufhören. Wenn der Staat den Krankenkassen nur die rund 134 Mio. Euro Außenstände bei Unternehmen durch Konkurse aus Steuergeldern geben würde, wäre die Finanznot auf lange Zeit beseitigt." Österreich habe es gerade mit seinem hervorragenden Gesundheits- und Sozialsystem geschafft, zu den reichsten Staaten der Erde aufzusteigen.

"Weniger Staat, mehr privat"

Für den Ärztestand selbst forderte Dorner im Gespräch mit der APA mehr Möglichkeiten der Berufsausübung in neuen Gesellschaftsformen und eine Verbesserung der Ausbildung und der Weiterbildungsstrukturen. Der Kammerpräsident: "Warum gestattet man den Ärzten nicht Ges.m.b.Hs zu machen? Wir brauchen weniger Staat, dafür mehr privat. Wir brauchen auch die Wirtschaftskammer nicht, die da ein Veto einlegt. Endlich muss man auch das Turnusärzteprofil umsetzen. Das hat Ministerin (Andrea) Kdolsky uns versprochen. Es muss eine bundesweite Regelung geben. Und schließlich gehört die Forschung viel, viel mehr gefördert. Es sollte viel mehr Grundlagenforschung geben. Unsere Forderung für den Forschungsanteil am Bruttoinlandsprodukt liegt bei drei Prozent."

Der 65-jährige Standespolitiker meint, dass gerade er in seinem Alter mit voller Energie Politik betreiben können werde: "Ich tu mir das an, weil man für diese Aufgabe auch unendlich viel Zeit benötigt. Die habe ich jetzt. (...) Ich höre gut, ich sehe gut - und ich habe noch alle Zähne ..." (APA)

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    Der neue Ärztekammerpräsident Dorner: "Ich tu mir das an, weil man für diese Aufgabe auch unendlich viel Zeit benötigt. Die habe ich jetzt. (...) Ich höre gut, ich sehe gut - und ich habe noch alle Zähne ..."

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