"The Host": Die Bestie, die aus dem Abfluss kam

21. Juni 2007, 18:26
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Mit "The Host" von Bong Joon-ho startet der schillerndste Unterhaltungsfilm dieses Sommers in den Kinos: Ein gefräßiges Monster aus dem Fluss sorgt in Korea für Massenpanik

Wien – Der erste Eindruck ist meist der entscheidende. Was für Menschen gilt, lässt sich auch auf das Ungeheuer anwenden, das eines Tages an einer Brücke des Han-Flusses in Seoul wie ein riesiger Kokon hängt. Es dauert nicht lange, da hetzt es, angelockt von Getränkedosen, die ihm Jugendliche ins Wasser werfen, über die Promenaden und verschlingt gierig alles, was sich ihm in den Weg stellt. Dass Flüchtige, die in einem Container Schutz suchen, dabei selbst plötzlich wie Dosenfutter wirken, ist nur einer von vielen visuellen Gags.

Um den Auftritt des reptilienhaften Monsters, das sich in allen Elementen gleichermaßen wendig bewegt, wird in The Host / Gwoemul somit kein großes Aufsehen gemacht. Der koreanische Regisseur Bong Joon-ho lässt es bei besten Sichtverhältnissen auf seine Figuren (und das Publikum) los und macht damit gleich einmal deutlich, dass er die Regeln des Monster-Genres zwar ernst nimmt, aber nicht dogmatisch befolgt.

Schon die Herkunft des Ungetüms, als klassische B-Movie-Skizze an den Anfang des Films gestellt, erweitert die Schreckensdramaturgie um zeitgenössische Töne: Ein US-Wissenschafter – übrigens nicht der letzte Amerikaner, der hier sein Fett abbekommt – lässt giftige Chemikalien im Fluss entsorgen (was auf einem realen Vorkommnis beruht). Der "Host" ist somit Produkt einer Umweltsünde – anders als seine Genrevorläufer, die Projektionsflächen irrationaler Ängste waren und meistens zu einer restaurativen Logik veranlassten.

Familie mit Makel

Bong richtet jedoch nicht nur seinen computeranimierten Titelhelden anders aus. Im Mittelpunkt steht eine mutterlose Familie, die mit dem Monster in einen persönlichen Nahkampf verstrickt wird, weil dieses das jüngste Mädchen, Hyon-seo, verschleppt. Der stets ein wenig unkonzentriert wirkende Vater Gang-du (verkörpert von Kang-ho Song, einem Star des koreanischen Kinos), der rührige Großvater, die bogenschießende Schwester, der ehemals militante Bruder: Die zentralen Protagonisten sind hier satirisch gezeichnete Durchschnittsmenschen, jeder mit einem Makel versehen. Wie schon in seinem beachtlichen Serienmörderfilm Memories of Murder scheinen in The Host durch ein formelhaftes Geschehen gesellschaftliche Befindlichkeiten durch. Mit karnevalesken Momenten, melodramatischen Zuspitzungen und sozialkritischen Untertönen erweitert Bong die Grenzen des Unterhaltungskinos. Allein wie er die zunehmende Panik aufseiten der staatlichen Autoritäten zu einer Allegorie auf gegenwärtige Sicherheits- und Kontrolldiskurse nutzt. Oder wie die Angst vor einem Virus, der angeblich vom Monster weitergegeben wird, plötzlich alle möglichen außergesetzlichen Maßnahmen legitimieren hilft. Monströs, das veranschaulicht Bong gleichsam wie nebenher, ist weniger das Riesenreptil als eine zügellose Herrschaftsapparatur.

Die politische Aufladung des Films mindert allerdings in keiner Weise den Spaß, noch weniger hat sie seinen Erfolg verhindert. In Korea sahen The Host unglaubliche 13 Millionen Menschen, und unter Kritikern rangiert er unter den beliebtesten Filmen – selbst die renommierte Kunstzeitschrift Artforum hat ihm ihre Titelseite gewidmet. Kein Wunder: Anders als die Blockbuster einer im Recycling erstarrten US-Filmindustrie legt The Host davon Zeugnis ab, dass populäre Formen sehr gut geeignet sind, Krisensituationen zu verdichten – egal, ob man nun die Massenpanik um die Vogelgrippe darin erkennen will oder auch anderes.

Effektiver Schrecken

Womöglich liegt der Reiz auch am archetypischen Grundmuster des Films, der seinem Ungeheuer die Fremdheit lässt und doch die bald ähnlich verfolgte Familie in dessen Nähe rückt. Bong stellt das kleine Mädchen (und einen Jungen) dem "Host" gegenüber – und lässt Letzterem in unseren Augen die Würde, nur seinen Instinkten zu folgen. Die Schockauftritte sind dagegen ungemein effektiv gesetzt. Und zwischen den zügigen Aktionsbildern bleibt genügend dramatischer Raum, um die familiäre Unordnung zu schlichten.

Bei aller Universalität kommt in The Host allerdings auch der regionale Faktor nicht zu kurz: In den durchwegs am Rande des Wahnsinns agierenden US-Soldaten wird der Groll über den amerikanischen Einfluss in Korea sichtbar. Nicht von ungefähr wird dagegen gerade der Familienvater Gang-du zum nationalen Helden erkoren: Er ist die seltene Ausnahme. Auf den ersten Blick ein Verlierer wandelt er sich zum beherzten Ritter. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 22.06.2007)

  • Renn, solange es noch geht, denn das Monster kommt auf allen Vieren: Vater Gang-Du (Kang-ho Song) und seine Tochter Hyon-Seo (Ah-sung Goh), die er bald darauf verlieren wird, in "The Host" von Bong Joon-ho.
    foto: polyfilm

    Renn, solange es noch geht, denn das Monster kommt auf allen Vieren: Vater Gang-Du (Kang-ho Song) und seine Tochter Hyon-Seo (Ah-sung Goh), die er bald darauf verlieren wird, in "The Host" von Bong Joon-ho.

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