Ziemlich unangenehm sauer sein

5. Oktober 2007, 16:42
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Sommerspritzer, fettes Fleisch und zu viel Süßes machen den Ma­gen sauer. Sod­brennen ist die unange­nehme Folge, die sich mit Diät, Arznei und Operation bekämpfen lässt.

Fast jeder kennt das unangenehme Völlegefühl und lästige Sodbrennen nach einem opulenten Essen. Vor allem Sodbrennen gilt als eine typische Erscheinung unserer Wohlstandsgesellschaft. Fette Stelzen, ein paar Gläser Weißwein und eine deftige Nachspeise zu später Stunde? Wer regelmäßig kulinarisch über die Stränge schlägt, muss mit den unangenehmen Folgen fertig werden.

Überschüssige Magensäure

Auslöser von Sodbrennen ist überschüssige Magensäure, die über den Schließmuskel des Magens, den Sphinkter, in die Speiseröhre bis hinauf zur Mundhöhle gelangt. Dieser Schließmechanismus wirkt wie ein Einwegventil und öffnet sich im Grunde nur während des Schluckens. Ist sein Tonus vermindert oder gar defekt, kann der Magen nicht mehr vollständig geschlossen werden. Es kommt zu einem regelmäßigen Rückfluss von Säure, medizinisch Reflux genannt.

Viele Ursachen

Die Ursachen für saures Aufstoßen sind unterschiedlich: Süße und fette Nahrungsmittel sowie Pfefferminz, Kaffee und Alkohol schwächen den Sphinkter. Im Fall von Übergewicht und Schwangerschaft erhöht sich der physikalische Druck in der Bauchhöhle. Bei einer Schwangerschaft führt der veränderte Hormonstatus zusätzlich zu einer vermehrten Entspannung des Schließmuskels.

Medizinische Hilfe

Rezeptfreie Säurehemmer in Form von Tabletten oder Kaugummis versprechen bei Bedarf schnelle Erleichterung ohne Nebenwirkungen und können daher auch in der Schwangerschaft eingenommen werden. Sie enthalten neutralisierende Mineralstoffverbindungen wie Kalzium- und Magnesiumkarbonat, die Magensäure sofort bei Kontakt neutralisieren. Langfristig gesehen sind diese Antacida zwar unbedenklich, können aber ernsthafte gesundheitliche Probleme verschleiern. "Sodbrennen ist nicht so harmlos wie Schluckauf", erklärt der Wiener Internist Günther Mostbeck.

Saure Wirkung

Während die Magenschleimhaut naturgemäß gegen die Säure geschützt ist, wird die Speiseröhre sehr wohl durch die aggressive Flüssigkeit angegriffen: "Ignoriert man die typischen Beschwerden über längere Zeit, kann es so zu einer Entzündung der Speiseröhre kommen", sagt Mostbeck. Refluxösophagitis ist der medizinische Fachausdruck dafür. Und: Mit den genannten Säurehemmern wird zwar der Magensaft neutralisiert, nicht aber die eventuell ebenfalls beteiligte Gallenflüssigkeit, die vom Zwölffingerdarm in den Magen zurückfließt. Mostbeck: "Gelangt Galle als Reflux in die Speiseröhre, kann sie neben Reizungen auch einen bösartiger Tumor, das Barrett-Karzinom, entstehen lassen." Und das vor allem beinahe unbemerkt: "Durch die Einnahme von Säurehemmern spürt der Betroffene bis auf einen säuerlich-bitteren Mundgeruch nichts von der Gallenflüssigkeit."

Vordringen in die Atemwege

Viel häufiger als dieser bösartige Krebs ist allerdings der Umstand, dass die Magensäure in der Nacht bis in den Kehlkopf und weiter in die Atemwege vordringt. "Die entsprechenden Beschwerden reichen von Halsweh, Heiserkeit, Schluckstörungen und Reizhusten bis hin zu Asthma und Erstickungsanfällen", so der Facharzt.

Nicht selten sind auch besonders sportliche Menschen, die sich gesund ernähren, von diesem Phänomen betroffen, ohne die Ursache zu ahnen: "Durch die Dauerbelastung beim Bergwandern oder Laufen wird die Magenflüssigkeit ebenfalls hinaufgedrückt. Die Betroffenen bekommen dann nach etlichen Kilometern einen Asthmaanfall und wissen nicht, warum."

Mögliche Folgen

Häufig durchlaufen Patienten mit atypischen Symptomen mehrere Stationen respektive Arztpraxen, bis die Ursache erkannt wird. "Ich habe Patienten, bei denen das Brennen im linken Brustbereich fälschlicherweise als Herzproblem interpretiert wurde. Manche von ihnen haben sogar schon Herzkatheter-Untersuchungen hinter sich", erklärt Wolfgang Feil, Vorstand der chirurgischen Abteilung am Evangelischen Krankenhaus in Wien.

Diagnose und Therapie

Zur Diagnose der so genannten gastroösophagealen Refluxerkrankung (von ösophagus, deutsch: Speiseröhre), kurz GERD, dient die Gastroskopie. Alternativ kommt auch ein so genannter "Röntgenschluck" zum Einsatz, wobei mit einem Kontrastmittel Probleme beim Schlucken sichtbar gemacht werden. "In seltenen Fällen ist eine 24-Stunden-Messung des pH-Wertes und eine Druckmessung des Speiseröhrenschließmuskels angezeigt", so Günther Mostbeck.

Zum Therapiestandard bei Reflux gehören - neben einer Ernährungsumstellung - die Protonenpumpen-Inhibitoren (PPI), die selektiv die Magensäuresekretion hemmen und nur sehr selten Nebenwirkungen wie etwa Kopfschmerzen oder Sehstörungen hervorrufen. "Ist die Ursache des Reflux ein Zwerchfellbruch und helfen weder Diät noch Medikamente, kann nach exakter Abklärung ein operativer Eingriff Abhilfe schaffen", meint Wolfgang Feil.

Operation als Ausweg

Der Chirurg ist einer der wenigen Spezialisten in Europa, die die Operation laparoskopisch, das heißt minimalinvasiv mittels "Knopfloch-Chirurgie" durchführt. Dabei wird eine Magenfalte als Manschette an der Speiseröhre fixiert. Dadurch wird erreicht, dass dieser Teil nicht mehr durch die Zwerchfellöffnung durchrutschen und damit den Reflux verursachen kann. Seit Kurzem arbeitet Feil mit einem neuartigen Nadelhalter, mit dem erstmals dreidimensionale Aktionen während einer Knopfloch-Operation in der Bauchhöhle möglich sind. Eine hundertprozentige Erfolgsquote kann auch diese minimalinvasive Manschetten-OP nicht garantieren. Doch die meisten Patienten sind laut Feil "aber ab dem ersten Tag nach dem Eingriff wieder beschwerdefrei und können nach einer Woche wieder ihren gewohnten Aktivitäten nachgehen". (DER STANDARD, Printausgabe, Andrea Fallent, 18.6.2007)

  • Hilfe bei Sodbrennen: Mittel, die die Magensäure neutralisieren, sind allerdings keine Dauerlösung.
    foto: standard/regine hendrich

    Hilfe bei Sodbrennen: Mittel, die die Magensäure neutralisieren, sind allerdings keine Dauerlösung.

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