Lieblose Wundertüte

22. Juni 2007, 17:30
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Die Ausstellung "Die Entdeckung der Natur" will zum Staunen bringen - man staunt tatsächlich: über die Einfallslosigkeit der Präsentation

Wien - "Mein Freund Bernd!" "Lieber Wilfried!" Zur Ausstellungseröffnung herzten einander die beiden Generaldirektoren Wilfried Seipel und Bernd Lötsch zumindest verbal. Die Kooperation zwischen Kunsthistorischem und Naturhistorischem Museum ist eine Premiere und passt bestens zum Thema der Ausstellung "Die Entdeckung der Natur. Naturalien in den Kunstkammern des 16. und 17. Jahrhunderts". Ging es doch in den Wunderkammern etwa von Erzherzog Ferdinand (Ambras) und Kaiser Rudolf II. (Prag) gerade um das Verschmelzen von Natur und Kunst, etwa in einem Pokal aus Rhinozeroshorn mit Warzenschweinhauern.

Die von Vera Hammer kuratierte Ausstellung ist eher eine Verschmelzung von Lieblosigkeit und Ideenarmut. Eine "Geschichte" wird nicht erzählt, die Einteilung der Exponate in Pflanzen, Erde, Meer, Luft etc. wirkt hilflos. Die lange und allzu gleichmäßige Prozession der an der Wand angebrachten Schaukästen entbehrt jeglicher Dramaturgie. Der Versuch, in der Mitte des zweiten Saales eine Wunderkammer nachzuempfinden, wirkt patschert. Stoffbahnen, auf denen die Abbildung einer Wunderkammer aufgedruckt ist, markieren Wände und Decken. Um ein Sumatra-Nashorn kauern Krokodile auf dem Boden, von oben hängen Haie herunter. Die Ästhetik der Wunderkammer, die auf die visuelle Überwältigung des Betrachters abzielte, kann so nicht nachempfunden werden.

Der historische Kontext, die Welt des 16. und 17. Jahrhunderts, findet sich nur in Spurenelementen: Dass die Wunderkammern zu Orten der intensiven Auseinandersetzung mit Natur wurde, wird zwar gesagt, aber nicht gezeigt. Die Wunderkammer als Knotenpunkt von Gelehrtennetzwerken, die ökonomische Seite des Handels mit seltenen Muscheln und Korallen, der Zusammenbruch des Gegensatzes von Natur und Kunst in der Philosophie von Francis Bacon und Descartes - Fehlanzeige.

Ein kulturhistorischer Ansatz hätte interessante Fragen aufgeworfen: Wer waren die Kunsthandwerker, die aus Straußeneiern goldbesetzte Pokale fertigten? Wer durfte die geheimnisvollen Schlangenhäute und die farbenprächtige Madonna aus Vogelfedern überhaupt bestaunen, also wie sozial exklusiv waren die Wunderkammern? Was haben die Besucher etwa bei Ulisse Aldrovandi in Bologna um 1600 eigentlich gesehen und empfunden? An Beschreibungen in Reiseberichten mangelt es ja nicht. Und welche Macht, welches soziale Kapital war mit dem Besitz eines Drachens verbunden?

Stattdessen lächelt man überlegen über den Aberglauben und die Unwissenheit, vor der auch Renaissancegelehrte nicht gefeit waren. Das Horn des Narwals hielt man für jenes des Einhorns, fossile Haifischzähne für versteinerte Natternzungen. Wie schön, dass wir heute so viel gescheiter sind.

Die Präsentation ist ganz der Exotik der Basilisken, Schildern aus Rochenhaut und doppelten Kalbsköpfen verfallen. Das Schlimme (oder Gute) an dieser geschichtsvergessenen Ausstellung: die Objekte sind eine Augenweide und lohnen den Besuch in jedem Fall. Nur die Saliera fehlt. So weit muss die Kooperation nun auch nicht gehen. (Oliver Hochadel/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17. 6. 2007)

Bis 3. September 2007 im Naturhistorischen Museum Wien.

Ansichtssache
Bilder aus der Ausstellung
  • Bizarre Objekte aus einer anderen Zeit: Trinkgefäß aus Horn in Drachenform.
    foto: naturhistorisches museum

    Bizarre Objekte aus einer anderen Zeit: Trinkgefäß aus Horn in Drachenform.

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