Ein Sofa für Bruce Springsteen

16. Juni 2007, 17:00
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Annette Hinterwirth wehte bereits die Glamour-Luft Hollywoods um die Nase - Trotzdem kam sie nach Österreich zurück, um hier eine Karriere als Möbeldesignerin zu starten

Brad Pitt sitzen lassen? Annette Hinterwirth hat's getan. Gewissermaßen. Also zumindest beruflich. Als einzige Frau saß sie mit Pitt, der den Harrer mimte, und ein paar anderen Kerlen irgendwo ziemlich weit oben in den Dolomiten. Am Set-Design für "Sieben Jahre in Tibet" hat sie damals mitgearbeitet, auch am "Projekt Peacemaker" mit Feschbertl Nr. 2, George Clooney. Das war in den Jahren, bevor die Oberösterreicherin nach New York ging, um ebenfalls als Set-Designerin für internationale Überdrüberfotografen wie Terry Richardson, Steven Klein, Matthias Vriens und andere zu werken. Das Ergebnis all ihrer Arbeit war in Magazinen wie Vogue, ID, Marie Claire usw. zu sehen.

Dann kam das Heimweh. Das war 2003. Und die Sehnsucht, eigene Ideen nicht nur kurzfristig in Szene, sondern in bleibende Formen zu bringen. Erst vor wenigen Monaten wurde dieses Vorhaben in Form eines Vertrages mit dem italienischen Hause Minotti belohnt. Vor ihren glamourösen Lehr- und Wanderjahren hatte sie hierzulande ein Betriebswirtschaftsstudium abgeschlossen. Dann folgten Lektionen in Set-Design an der UCLA in Kalifornien und der allerdings wieder verworfene Plan, in L. A. einen Möbelhandel im nostalgischen Zapfsäulenschick aufzubauen. Nicht zu vergessen ihre Studien in Sachen Produktdesign, Materialkunde, Modellbaulehre an der Wiener TU und der Universität für angewandte Kunst sowie ihre Zeit an der Wiener Filmakademie.

Zeit für was Neues

Heute werkt die 1967 geborene und aus Gmunden stammende Annette Hinterwirth weit weg von New York und Hollywood in einem kleinen, ebenerdigen Studio im 9. Bezirk, gleich um die Ecke von jenem Ort, wo Sigmund Freud vielleicht einst eine Freude mit Hinterwirths Sofa "The Stash" gehabt hätte. Nun hat Freud längst das Zeitliche gesegnet, und die Berggasse ist auch nicht der Sunset Strip, also warum in aller Welt lässt eine erfolgreiche Set-Designerin das alles sausen, um in Wien, in Sachen Möbeldesign so weit von Mailand entfernt wie Gmunden von New York, Leuchten, Sofas und Sessel zu entwerfen?

"Was mich nervöser machen würde, als mit Brad Pitt in einer Alphütte zu sitzen, wäre die Gegenwart eines wirklich tollen Designers", so Hinterwirth. Die Gebrüder Bouroullec hätten es ihr schon eher angetan, oder der Italiener Antonio Citterio. "Das Filmgeschäft war ein tolles Erlebnis, ein großer, bunter Zirkus, der mit unglaublicher Professionalität betrieben wird, aber irgendwann spürte ich, es ist Zeit für was Neues." Und nicht zu vergessen, das Heimweh.

Das Neue waren zunächst Dinge, die den Glamour nicht ignorierten. Bei den "Walljewels" zum Beispiel handelt es sich um fünf Leuchtobjekte, die einen ganzen Haufen Swarovski-Steine zum Leuchten bringen. Es sind keine Lampen an sich, sondern Wandschmuck im wahrsten Sinne des Wortes, etwa das Leuchtding "El Santo Royale", ein mit Ketten umwickeltes Pelzknäuel, oder "Little Rockster", ein mit Leder eingefasstes Kästchen, gefüllt mit Glitzermaterial, das per LEDs 1a Strahlkraft zum Besten gibt. Die Idee war es, Juwelen für Räume zu schaffen. Mit einer einfachen Zeichnung kreuzte Hinterwirth seinerzeit bei Swarovski auf, und dort scheint's gefallen zu haben.

Auftrag via Mailbox

Es folgten zum Teil reduzierte Stücke, wie Couchtische, eine Leuchte, die ein wenig wie das Modell eines Planetensystems wirkt, ein Regal, das sich durch seine windschiefen Seitenwände interessant macht, und - ganz aktuell - für die Firma Green Lama entwarf Hinterwirth einen tragbaren und superdünnen Lautsprecher.

Von sich hören lässt die Entwerferin aber vor allem seit ihrem Auftritt bei der international geschätzten Möbelmesse im belgischen und unaussprechlichen Kortijk vergangenen Herbst. Dort staubte sie nicht nur einen Preis ab, sondern bekam via Mailbox auch eine nicht gerade alltägliche Nachricht zu hören. Roberto Minotti hatte die frohe Botschaft hinterlassen, man wäre an ihrem vierteiligen Sofa "The Stash" interessiert. Hinterwirth war aus dem Häuschen. Durfte sie auch sein, ist Minotti nicht nur Topproduzent, sondern auch dafür bekannt, nach Gestaltungslösungen eher in der hausinternen Designabteilung zu suchen. Nach einigen Adaptionen, "die mir aber nicht besonders weh taten", so Hinterwirth, wurde aus "The Stash" die Chaiselongue "Carnaby" und diese auf der diesjährigen Mailänder Möbelmesse präsentiert. Das gute Stück wird als Single- und Doppelmöbel produziert, weitere Verwandte des Objekts sind in Planung, darunter soll sich auch ein Bett finden.

"Carnaby" bzw. "The Stash" ist ein interessanter Möbelgeselle, eine Sitz- und Lümmelangelegenheit, die auf einen schnellen Blick lässig, fast rustikal daherkommt, aber durchaus klassische Züge aufweist und durch zahlreiche kleine Features wie Täschchen, Gurte, Knöpfe und Zipps zum willkommenen Newcomer wird. Es ist ein Stück mit Handtascheneffekt, es finden sich Plätzchen für Handys, Zigaretten, Fernbedienungen, Lippenstift oder andere Kramuri. "Carnaby" hat mit seiner Art das Zeug dazu, einen ein langes Stück des Wohnweges zu begleiten, vielleicht vergleichbar mit einer über die Jahre lieb gewordenen Lederjacke. Die erwähnten Features sind kein Firlefanz, sie sind überlegt platziert und proportioniert, sie stören die Form keineswegs und machen das lässige Objekt, das von seiner Designerin auch "city slickers survival sofa" genannt wird, zu dem, was es ist. Schräg formuliert: ein Sofa wie ein Springsteen-Song.

Objekte mit Schmäh

Hinterwirth will Objekte schaffen, die eine klassische Formensprache sprechen, aber Schmäh haben. Das gelingt ihr. Mit der Muse trifft sie sich an verschiedenen Orten, in Ausstellungen, auf Flohmärkten, in der Natur, "manchmal kommt mir eine Idee auch auf der Autobahn, einfach so, von irgendwoher. Oder in meiner spärlich eingerichteten Wohnung. Ich hab gern weiße Wände und ein paar leere Ecken, um mir an diesen Stellen Möbel vorstellen zu können", so die Designerin über ihre Musen-Dates.

Dass Hinterwirths Tage als Set-Designerin nicht ganz gezählt sein dürften, verrät ihr Wunsch, irgendwann einmal ein Restaurant zu designen. Man könnte es auch daraus schließen, dass sie sich manchmal dabei ertappt, wie sie anderer Leute Bleiben analysiert. "Da kann es schon sein, dass ich einen Teppich fixiere und mir meinen Teil denke. Ich möcht' auch lieber gar nicht wissen, wie die Kunden meine Möbel zu Hause aufstellen", so Hinterwirth. Apropos andere Leute: Brad Pitt sei total nett. Und sitzen lässt sie dank "Carnaby" jetzt jeden, der will. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/15/06/2007)

  • Chaiselongue " Carnaby double"
    foto: hersteller

    Chaiselongue " Carnaby double"

  • Detail von "Carnaby"
    foto: hersteller

    Detail von "Carnaby"

  • "The Stash" für Minotti
    foto: hersteller

    "The Stash" für Minotti

  • Couchtisch "4 togo"
    foto: hersteller

    Couchtisch "4 togo"

  • "The Stash Table"
    foto: hersteller

    "The Stash Table"

  • Leuchtobjekt "Pacific Burton"
    foto: hersteller

    Leuchtobjekt "Pacific Burton"

  • Leuchte "Atom Sissy"
    foto: hersteller

    Leuchte "Atom Sissy"

  • Leuchtobjekt "Little Rockster"
    foto: hersteller

    Leuchtobjekt "Little Rockster"

  • Annette Hinterwirth
    foto: annette hinterwirth

    Annette Hinterwirth

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