Bewölkter Orchesterhimmel

1. Juli 2007, 19:50
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Wien verfügt über eine respektable Orchesterszene: Zuweilen jedoch führen Strukturwandel und Sparfantasien zu einer Gefährdung der Rahmenbedingungen

Es rumort beim Staatsopernorchester, und auch die Symphoniker sind wieder Objekt der Kritik.

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Wien – Wie in vielen Bereichen, so ist auch in der Orchesterwelt – je nach Sichtweise – das Glas halb voll oder halb leer. Zwar hat der Einbruch auf dem CD-Markt dazu geführt, dass Einnahmen purzeln, viele Orchester – vor allem in den USA – haben begonnen, selbst als CD-Firma zu agieren. Andererseits: Kaum ist von Auflösungen von Orchestern die Rede, so sind sie doch aktiv, leben vor allem durch Konzerte und Sponsoren (Übersee), in Europa durch Subventionen. Besonders in Wien ist das Konzertleben schillernd, die Häuser sind im internationalen Vergleich sehr gut ausgelastet. Allerdings, es ist in Wien das Orchesterglas dann doch auch mitunter im besten Fall halb leer.

So will selbst der sparsame Staatsoperndirektor die sich unterbezahlt fühlenden Philharmoniker durch ein neues Probensystem und mehr direktorialen Einfluss auf die Dienstpläne stärker ans Haus binden, da das Orchester außerhalb des Hauses sehr aktiv ist. Mehr als zwei Millionen Euro will er sich das kosten lassen; und die Philharmoniker selbst beklagen schon Musikerabgänge ob der, ihrer Meinung nach, nicht mehr konkurrenzfähigen Gehaltssituation an der Staatsoper.

Um die Philharmoniker herum tut sich auch einiges: Das RSO-Wien, die Wiener Symphoniker, das Niederösterreichische Tonkünstlerorchester und auch das Klangforum Wien führen ein künstlerisch sehr anständiges bis sehr gutes Leben. Von Zeit zu Zeit scheinen die Grundlagen der Arbeit aber etwas instabil.

Das RSO-Wien hat Schlimmes hinter sich, es stand vor Jahren zur Disposition. Mittlerweile steht es unter Chefdirigent Bertrand de Billy ORF-intern außer Streit und hat einen spektakulären Aufschwung erlebt. ORF-Intendant Alexander Wrabetz hat als einziger Kandidat sogar in seiner Bewerbung auf die Wichtigkeit des Orchesters hingewiesen. Aber man weiß ja nie. Sollte die kränkelnde Reform nicht genesen, könnten Sparfantasien auftauchen.

Einsparungspotenzial sieht das RSO nicht. Mit 88 Musikern ist man das zweitkleinste Orchester Österreichs, Konzerte plus Oper im Theater an der Wien sind zeitaufwändig. Und nach wie vor ist man im Modernebereich ein wichtiger Szenefaktor, der vom ORF 8,5 Millionen Euro erhält und auf Eigeneinnahmen von rund einer Million jährlich kommt. Man würde sogar gerne mehr tun: Es sei ein "großer Nachteil" in Wien, dass das RSO seine Programme nur einmal spielen könnte, "da die Veranstalter glauben, dass man zusätzliche Konzerte nicht verkaufen könnte", so de Billy. Auch die Tonkünstler hatten unsichere Zeiten erlebt, doch mittlerweile sind sie gut aufgestellt. Sie versuchen eine Stilnische zu finden, indem sie auf Crossover und Flexibilität setzen. Das neue Festival in Grafenegg kann zusätzlich Motivation bringen. Ihre Finanzbasis besteht jedenfalls aus 8,3 Millionen Euro (Niederösterreich) plus 220.000 Euro (Bund).

Sogar auswandern

International am renommiertesten, neben den Philharmonikern, ist das Klangforum Wien. Doch das war hart erkämpft. Man hatte lange mit inferioren Probenverhältnissen zu kämpfen, es gab auch Zeiten der Subventionskämpfe, als man sogar überlegt hat, auszuwandern. Momentan ist die Lage indes gut.

Auswandern wollten die Wiener Symphoniker nie. Als qualitätsvoller Konzertversorger der Stadt sind sie mit niedrigen Wien-Gagen eine Art Quersubventionierung für Konzerthaus und Musikverein. Dennoch kommt das Orchester immer wieder ins Gerede, gottlob aber auch künstlerisch. Schließlich ist Chefdirigent Fabio Luisi auf einem sehr soliden, mitunter auch glänzenden Niveau tätig.

Nun ist aber wieder durch eine Subventionserhöhung und ein Gutachten, das die Symphoniker und die Stadt Wien in Auftrag gegeben haben, eine alte Diskussion ausgebrochen. Die Grünen lesen im Gutachten die Aufforderung, die Einnahmen durch mehr Konzerte im Ausland zu steigern. Zudem sehen sie ungenutzte Möglichkeiten, das belastende Pensionsstatut, das hohe bilanztechnische Rücklagen erfordert, anzutasten. Ihr Antrag, die Subventionserhöhung an die Verpflichtung, im Gutachten vorgeschlagene Veränderungen umzusetzen, zu koppeln, ist im Gemeinderat abgeschmettert worden.

Quersubvention

Die Symphoniker ihrerseits wehren sich: Die Studie stelle zunächst fest, dass sich der Subventionsbedarf unter den aktuellen Rahmenbedingungen (niedrige Honorare in Wien) für das Jahr 2007 auf 12,585 Millionen Euro beläuft, nachdem die Subvention ab 2000 auf 10,54 Millionen Euro gekürzt und eingefroren wurde. Zudem: Die von den Gutachtern ermittelten Zahlen enthielten bereits eine beachtliche Steigerung des Einspielergebnisses. Die aktuelle Erhöhung spiegle in erster Linie die seit sechs Jahren eingefrorene Subvention wider und hätte ohne tief greifende Maßnahmen höher ausfallen müssen.

Die weiters angesprochenen strategischen Szenarien wären, so das Orchestermanagement, auch an die Stadt Wien gerichtet, schließlich: Die weitere Steigerung der Erträge würde eine wesentliche Änderung der kulturpolitischen Rahmenbedingungen Wiens bedeuten, für die das Orchester nicht zuständig sei. Außerdem sehe das Gutachten dies als Langzeit-Projekt (bis 2021). Der Opposition dürfte das nicht reichen: "Die Kopf-in-den-Sand-stecken-Politik der Symphoniker muss ein Ende haben", so Marie Ringler von den Grünen. Die kommende Saison-PK der Symphoniker dürfte nicht ganz unspannend werden ... (Ljubiša Tošic, DER STANDARD/Printausgabe, 12.06.2007)

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    RSO-Chef Bertrand de Billy (oben) muss hoffen, dass die ORF-Reform glückt, Fabio Luisi muss gegen eine Symphoniker-Diskussion über die Finanzen andirigieren.

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