Bierbrauen mit handwerklichem Geschick

12. Juni 2007, 13:49
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Im Interview mit Conrad Seidl erklärt Jürgen Keipp von den Freien Brauern, warum mittelständische Unternehmen andere Biere brauen können als große Konzernbrauereien

derStandard.at: Was ist eigentlich ein „freier“ Brauer?

Jürgen Keipp: Ein freier Brauer ist ein privat geführtes Brauereiunternehmen, der sich unseren Werten, große Freiheit, große Vielfalt, Heimatverbundenheit, gelebte Regionalität verpflichtet fühlt.

derStandard.at: Ullrich Kallmeyer, der Chef des Radeberger Konzerns hat einmal spöttisch gefragt: Wie frei kann ein freier Brauer sein, der beachtliche Schulden bei der Bank hat?

Jürgen Keipp: Die Frage ist durchaus berechtigt. Die Freiheit wird ja unter Umständen durch die Bonität eingeschränkt - ungeachtet dessen ist er freier Unternehmer und orientiert sich erstmal an seinem mittelständischen Handeln. Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, ähnlich wie die Romantikhotels: Es gibt sehr viele unheimlich gute Hotels, die durchaus auch dazugehören könnten, und so gibt es durchaus potenziell freie Brauer, die zu uns gehören könnten, die halt im Moment noch nicht dazugehören.

derStandard.at: Aber das Bier, das die freien Brauer brauen, sollte ja regional unterschiedlich sein. Wo ist jetzt der regionale Unterschied zwischen einem Bier, das in Hirt und in Salzburg gebraut wird?

Jürgen Keipp: Es geht nicht unbedingt um die regionale Herkunft des Bieres, sondern dass sich der Unternehmer in seiner Region, wo er als Unternehmer tätig ist, ganz besonders für seine regionalen Wurzeln einsetzt, insbesondere im Bereich des Sponsorings, insbesondere im Bereich des öffentlichen Auftretens.

derStandard.at: Was hat der Konsument davon, wenn er Bier eines freien Brauers trinkt?

Jürgen Keipp: Der Konsument weiß, dass er das Produkt einer Brauerei bekommt, die sich ganz bewusst unseren Werten verpflichtet fühlt.

derStandard.at: Schmeckt man das im Glas?

Jürgen Keipp: Schmeckt man nicht im Glas.

derStandard.at: Also, was hat der Konsument davon?

Jürgen Keipp: Der Konsument hat vielleicht ein gutes Gefühl.

derStandard.at: Dieses gute Gefühl sollte sich auch dadurch ausdrücken, dass man sagt: Ich bekomme etwas besseres von einem freien Brauer als von einem Konzernbrauer. Kann man als freier Brauer freier ein gutes Bier brauen als das ein Konzernbrauer kann?

Jürgen Keipp: Unsere Brauereien produzieren mit handwerklichem Geschick, mit handwerklichem Engagement, sie setzen weitgehend regionale Rohstoffe ein und insofern ist da schon ein Unterschied zu einem Massenbier und zu einer Brauerei, die im Prinzip nur wenige Marken unterstützt.

derStandard.at: Jetzt ist es so, dass der Großteil der freien Brauer aus Deutschland kommt. Dort gilt, dass alle nach dem Reinheitsgebot brauen müssen. Das heißt alle müssen für ein untergäriges Bier das Gleiche nehmen, Wasser, Gerstenmalz, Hopfen und Hefe. Die Großbrauerein stehen daher alle total auf das Reinheitsgebot, weil sie damit sagen können: „Wir, die wir Fernsehwerbung machen, machen ohnehin nichts anderes als die Kleinen. Und die Kleinen können auch gar nicht besser sein als wir.“

Jürgen Keipp: Schauen Sie sich doch einmal die Herstellungsverfahren an, welche Großbrauerei hat beispielsweise im obergärigen Bereich noch offene Gärbottiche, wo das Bier sich frei entfalten kann? Welche Großbrauerei wendet heute beim Maischen noch Dekoktions-Verfahren an, wo das Bier einen ganz besonderen Charakter bekommt? Insofern gibt es schon bei den Herstellungsverfahren bei gleichen Rohstoffen oder bei ähnlichen Rohstoffen einen Unterschied.

derStandard.at: Es ist aber nicht allen freien Brauern vorgeschrieben mit offener Gärung zu arbeiten oder ein Drei-Maisch-Verfahren.

Jürgen Keipp: Nein, das ist dem Brauer individuell überlassen. Es ist ja auch seine Freiheit. Aber wir haben in der Tat sehr viele Brauer, die mit sehr, sehr individuellen Herstellungsverfahren arbeiten. Es gibt welche, die haben wirklich noch eine lange, lange Lagerung und nicht nur 21 Tage. Insofern sehe ich da auch einen Qualitätsunterschied.

derStandard.at: Eine berühmte Brauerei, die bei den freien Brauern dabei ist, ist die Schneider-Weisse. Wenn Sie da in die Brauerei kommen, da riecht man das richtig, dass sie Freiheit ihrem wichtigsten Mitarbeiter gönnen, nämlich der Hefe.

Jürgen Keipp: So ist es! Ich war ganz begeistert. Ich bin ja selbst Brauer und als ich dann das Unternehmen besichtigt habe und durfte da nach langer Zeit wieder einmal einen offen Gärbottich so richtig erleben, das war schon ein tolles Erlebnis.

derStandard.at: Was ist denn das, was die freien Brauer, die es seit ungefähr zwei Jahren gibt, am weitesten weitergebracht hat in den letzten Jahren? Was ist der größte Erfolg, den die freien Brauer hatten?

Jürgen Keipp: Es gibt hier nicht einen großen gemeinsamen Erfolg, sondern es sind Mosaiksteine. Wir sind jetzt gerade auf der Slowfood-Messe und die Slowfood-Organisation arbeitet sehr begeistert und sehr gerne mit uns zusammen. Das ist auch ein Ausdruck, dass unsere besondere Positionierung ankommt. Es ist aber auch der Zusammenhalt der freien Brauer. Sie haben beispielsweise Schneider-Weisse genannt: Im Weißen Brauhaus in München wird Georg Schneider demnächst einen Hahn der freien Brauer aufmachen: Jeden Monat ein anderes Bier eines freien Brauers anbieten. Das wird das Wir-Gefühl stärken und Synergien schaffen, nicht nur wirtschaftliche Synergien sondern auch emotionale Synergien. Schauen Sie sich mal die Genießertage in Tauberbischofsheim bei der Distelhäuser Brauerei an: Da hat Distelhäuser auch Biere anderer Brauereien präsentiert. Das ist doch eine Besonderheit und zeichnet auch unsere Vielfalt und unsere Kultur aus.

derStandard.at: Vielfalt und Bierkultur zu pflegen – das haben inzwischen auch Großbrauereien gelernt. Wenn ich mir anschaue, was BrauUnion-Heineken in Österreich mit einer großen Vielfalt an Marken versucht, oder was in Deutschland die Radeberger-Gruppe macht. Die sagen: „Wir sind die deutsche Bierkultur“. Wie kann man das noch toppen, wenn man ein kleiner freier Brauer ist?

Jürgen Keipp: Müssen wir das unbedingt toppen? Ich glaube wir gestalten es erlebbarer und damit authentischer. Das ist der wesentliche Unterschied. Ich habe das mal so ausgedrückt: Wir sind da, wo Herr Kallmeyer noch hin möchte.

Zur Person:
Jürgen Keipp ist gelernter Brauer und Ökonom. Er arbeitete bei der damals noch eigenständigen Licher-Brauerei (sie gehört heute zur Bitburger Gruppe) im technischen Bereich, später im kaufmännischen Bereich bei der Privatbrauerei Thier-Brauerei (1992 von Dortmunder Kronen und in der Folge von DAB übernommen und heute Teil der Radeberger Gruppe) in Dortmund, in der Kronenbrauerei in der Geschäftsführung und später acht Jahre im friesischen Brauhaus zu Jever (gehörte zu Bavaria St. Pauli, kam dann zu Brau und Brunnen und schließlich zur Radeberger Gruppe) ebenfalls in der Geschäftsführung. Seit 2007 ist er Geschäftsführer der im September 2005 gegründeten Initiative der Freien Brauer, einer Gruppe mittelständischer Privatbrauereien, denen in Österreich die Fohrenburger, die Hirter, die Stiegl und die Zwettler Brauerei angehören.
  • Zur Person:
Jürgen Keipp ist gelernter Brauer und Ökonom. Er arbeitete bei der damals noch eigenständigen Licher-Brauerei (sie gehört heute zur Bitburger Gruppe) im technischen Bereich, später im kaufmännischen Bereich bei der Privatbrauerei Thier-Brauerei (1992 von Dortmunder Kronen und in der Folge von DAB übernommen und heute Teil der Radeberger Gruppe) in Dortmund, in der Kronenbrauerei in der Geschäftsführung und später acht Jahre im friesischen Brauhaus zu Jever (gehörte zu Bavaria St. Pauli, kam dann zu Brau und Brunnen und schließlich zur Radeberger Gruppe) ebenfalls in der Geschäftsführung. Seit 2007 ist er Geschäftsführer der im September 2005 gegründeten Initiative der Freien Brauer, einer Gruppe mittelständischer Privatbrauereien, denen in Österreich die Fohrenburger, die Hirter, die Stiegl und die Zwettler Brauerei angehören.
    foto: seidl

    Zur Person:
    Jürgen Keipp ist gelernter Brauer und Ökonom. Er arbeitete bei der damals noch eigenständigen Licher-Brauerei (sie gehört heute zur Bitburger Gruppe) im technischen Bereich, später im kaufmännischen Bereich bei der Privatbrauerei Thier-Brauerei (1992 von Dortmunder Kronen und in der Folge von DAB übernommen und heute Teil der Radeberger Gruppe) in Dortmund, in der Kronenbrauerei in der Geschäftsführung und später acht Jahre im friesischen Brauhaus zu Jever (gehörte zu Bavaria St. Pauli, kam dann zu Brau und Brunnen und schließlich zur Radeberger Gruppe) ebenfalls in der Geschäftsführung. Seit 2007 ist er Geschäftsführer der im September 2005 gegründeten Initiative der Freien Brauer, einer Gruppe mittelständischer Privatbrauereien, denen in Österreich die Fohrenburger, die Hirter, die Stiegl und die Zwettler Brauerei angehören.

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