Spinner, Narretei und Atomstrom

11. Juli 2007, 17:51
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Temelín ist im Vollbetrieb und hat nach Jahren der Lethargie den Protest neu entfacht - Es herrscht gespanntes Warten

Linz - Der 4. Juni war für Roland Egger ein "ganz wichtiger" Tag in seinem Leben als Atomkraft-Gegner und Sprecher von "atomstopp_oberösterreich". An jenem Montag vor einer Woche habe das offizielle Österreich endlich wieder Haltung gezeigt. Die diplomatische Note nach Prag, in der Bundeskanzler Alfred Gusenbauer und Lebensminister Josef Pröll die Inbetriebnahme des Unsicherheits-Reaktors Temelín kritisieren, scheint jetzt die atomare Lethargie der letzten Jahre zu verblasen.

Anti-Atom-Wafferl statt Großdemo

Es war nämlich ruhig geworden um den einst so strahlenden Protest gegen den nur 50 Kilometer von Oberösterreich entfernten Atommeiler. Trotzten vor sieben Jahren noch tausende Atomgegner dem eisigen Böhmerwald-Wind, um die Grenzen zum tschechischen Nachbarn dicht zu machen, ist daraus ab dem Jahr 2001 ein Minderheitenprogramm geworden. Antiatom-Wafferl wurden gebacken, eine Heißluftballonfahrt lud zum Reaktor-Blick. Auf politischer Ebene schien Temelín mehr und mehr zum oberösterreichischen Lokalthema zu verkommen.

Doch jetzt scheint der Protest rund um den bilateralen Dauerbrenner neu zu entfachen. Atomgegner ziehen wieder regelmäßig an die Grenzen. Daran ändert auch nichts, dass für Tschechiens Außenminister Karl Schwarzenberg Gegner Temelíns "Spinner" sind. Diese "Spinner" haben jedenfalls für Ende Juni "Totalblockaden aller Grenzübergänge angekündigt" - wenn Prag, wie zu befürchten, nicht entsprechend auf die diplomatische Note reagiert, wie Egger von "atomstopp" anfügt.

Eine Reaktion, die nicht nur von Schwarzenberg verurteilt wird. Auch gewichtige Stimmen in Österreich haben offensichtlich die Fronten gewechselt und gehen mit der Bundespolitik im Allgemeinen und der oberösterreichischen Landespolitik im Speziellen hart ins Atom-Gericht. Der Politologe Anton Pelinka lässt in der aktuellen Ausgabe der Zeit kein gutes Haar an der hiesigen AntiAtom-Politik. Für Pelinka hat die "spezifisch oberösterreichische Narretei" einen Namen: Temelín.

"Grüne Tarnfarbe"

Unter einer "grünen Tarnfarbe" würde sich "rasch das bekannte Ensemble von Vorurteilen und Aggressionen" finden. Dass sich die Grünen und die beiden oberösterreichischen Großparteien für eine "fremdenfeindliche, nationalistische Agenda instrumentalisieren lassen", zeige nur, dass das Land "noch immer nicht in Europa angekommen ist", schreibt Pelinka.

Einem, der wegen Temelín in die Politik gegangen ist, stoßen die politologischen Angriffe sauer auf: Oberösterreichs grünem Umweltlandesrat Rudi Anschober. "Im Kern ist die Kritik falsch und Pelinka kennt offensichtlich die Antiatompolitik zu wenig. Er übersieht, dass der Widerstand gegen Temelín ein Modell für eine starke, grenzüberschreitende Zivilgesellschaft ist", so Anschober. Ob nicht der Temelín-Protest ein oberösterreichischer Kampf gegen Windmühlen sei? "Auf keinen Fall. Es ist ein bilaterales Widerstandsprojekt, bei dem sich jetzt weisen wird, ob der Protestnote auch entsprechende Gespräche folgen werden", appelliert Anschober an den Bund. (Kerstin Scheller, Markus Rohrhofer, DER STANDARD Printausgabe, 11.6.2007)

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    Der Konflikt um Temelín wird schärfer, die Emotionen kochen über, und die Atomgegner rüsten neu auf

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