Essay: Aufklärung, abgesagt

15. Juni 2007, 13:52
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Einst war die Aufklärung mit dem Anspruch angetreten, durch Vernunft die Wahrheit ans Licht zu bringen - Heute lautet das Motto Geplapper statt Reflexion

Es zählt der Körper, nicht der Geist, und Fortschrittsgläubigkeit, nicht Bildung.

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Freiheit interessiert uns weniger, offen gesagt. Sie kann manchmal geradezu ein wenig nervtötend sein. Freiheit bedeutet Ärger. Und so mühselig kommen wir jetzt daher, so freiheitsbeladen; nichts kann man anfangen mit dieser Freiheit, sie wirft uns zurück auf uns selbst, und dort finden wir: nichts. Oder zumindest nichts sonderlich Spannendes, nichts irgendwie Prickelndes, Aufregendes, nur weites Brachland, Langeweile und Zeit, die ausgefüllt werden muss, die auf irgendeine Weise konsumiert, verbraucht und entsorgt werden muss, und da kommt das Warten auf den nächsten Anschlag gar nicht so ungelegen, das braucht Zeit, beliebig viel Zeit und Kraft und Energie, das Warten auf den nächsten Anschlag kann nämlich zu einer Beschäftigung werden, die alle Anstrengungen auf sich konzentriert.

Von Redefreiheit wollen wir gar nicht erst reden, Diskurse stehen nicht zur Debatte, sollen andere sich erschießen lassen, für was auch immer ihnen das wert zu sein scheint, wenn sie da mal nicht auf das falsche Pferd setzen, wir schwätzen und schätzen uns glücklich. Freies Gewäsch für alle, mehr verlangen wir nicht, zugehört wird ohnehin nur mit einem halben Ohr, viertel Ohr, egal, irgendwelchen Ohrbruchteilen eben, so macht das also nichts, wenn man nichts zu sagen hat, man muss es nur eingängig formulieren und so oft wie möglich wiederholen. Und falls der Ohreingang irgendwie blockieren, irgendein konkurrierendes Produkt sich womöglich querlegen sollte, muss man halt das Tempo erhöhen, den Durchsatz vergrößern, den mangelnden Inhalt eindrucksvoller illustrieren, an der Gestaltung der angesagten Benutzeroberfläche zielgruppengerechter feilen, dann läuft das schon. Auch wenn wir im Grunde wissen, dass das, was da läuft, nicht wirklich die – wie gesagt ein wenig nervtötende: halt, Moment, das ist jetzt doch aus dem Kontext gerissen, falsch zitiert, wie auch immer; – Anstrengung wert ist, hoffen wir ganz im Geheimen darauf, dass irgendwer kommt und uns das Ganze ein wenig eindeutscht, auf Deutsch gesagt. Und uns endlich ein bisschen mit Sinn anfüllt. Wir fühlen uns nämlich so, wie soll man sagen, stupid and contagious?

Nein, da suchen wir uns lieber eine Beschäftigung, die schon deshalb nützlich genannt werden muss, weil sie uns jedenfalls von der Last befreit, nach dem zu suchen, was wir mit uns anfangen könnten. Wir brauchen äußere Notwendigkeiten, die uns geschützte Rahmenbedingungen bieten, in denen wir endlich den Geist (die Vernunft) rauslassen können, aber so richtig!, wir sehnen uns nach Aufregern und anderen interessanten Angeboten, auf die wir die leider unausweichliche Denktätigkeit fokussieren können. Arbeit, zum Beispiel, ist recht nützlich. Eigene oder fremde, die es zu überwachen gilt, eine zeitfressende Aktivität, die wieder nur allzu gern in Arbeit ausartet (uns soll’s recht sein, außerdem können wir damit jeden Anflug eines Verdachts auf Faulheit weit von uns weisen: Wir tun etwas, dem der männlich-herbe Geruch der Erwerbstätigkeit anhaftet, und das ist die Hauptsache). Freizeit nutzen wir dann gerne für kleine Degustationsrunden in der strengen Vorratskammer, wo wir unter exakt zu befolgenden Religions-, Medikations-, Fitness- und Diätvorschriften ein wenig stöbern. Den Körper haben wir aber ohnehin bereits perfektioniert. Bleibt die Frage: Was machen wir jetzt damit? Zum Glück erfordert das Aufrechterhalten des Standards von Jahr zu Jahr mehr Investitionen, mehr Zeit, mehr Training, denn, wir wissen’s eh, it takes all the running you can do to keep in the same place, sonst könnten wir am Ende übermütig werden und anfangen, uns zu fragen, wofür wir diesen Körper eigentlich so am Laufen halten. Als Behälter für einen Geist, und wenn ja, für welchen Geist? Das glauben wir aber selber nicht. Das kann doch nicht unser Ernst sein. Wir sind vollkommen geistlos, das wenigstens haben wir konsequent und ohne Kompromisse durchsetzen können: kein Geist mehr übrig in dem gesunden Körper. Aber nein, wer wird denn mit solchen Überlegungen kostbare Arbeitszeit verschwenden wollen. Wir überlassen sie euch gerne, diese Freiheit, sagt uns nur, wohin wir sie zustellen lassen sollen. Und wer fasst am Ende schon wieder die Aufklärung aus? Fängt die Abklärung auf? Wer wohl. Bitte, wer soll sich denn da auskennen, das ist ja nicht zum Aufhalten, das schwappt über uns zusammen, ehe wir uns dagegen stemmen können, da hilft all die Bildung nichts. Und alles, was von der Aufklärung übrig bleibt, wenn die Welle zurückrollt, die Flut sich zurückzieht, ist der leicht bröckelnde Boden und die Fortschrittsgläubigkeit, also der Glaube (ausgerechnet!) an das ständige Fortschreiten der Wachstumsraten in positiver Richtung. Die Kursanstiegsgläubigkeit oder zumindest die Verehrung des Gewinnpotentials bei Kursschwankungsspekulationen.

Und wenn zu lange nichts passiert und das Warten sich einfach nicht lohnen will, dann könnte man zur Not jedenfalls den Computer einschalten. Das schafft man im Regelfall immer noch und das hilft, Zeitlücken büßen zu lassen für ihr pures Vorhandensein: Und ganz für sich allein hat man da auch auf einmal einen Zugang zur Öffentlichkeit, zu Informations- und Austauschbörsen aller Art. Nun können wir also endlich ungehindert öffentlichen Gebrauch machen von dem, was uns halt so zur Verfügung steht, denn selbst dann, wenn uns auch die verzweifeltsten Nachmittagstalkshowverantwortlichen nicht mehr in ihre kostensparendste Programmschiene einbauen wollen, gilt noch: Broadcast yourself! Das geht immer, und feige kann man uns wirklich nicht nennen, für ein gutes Rating, also die volksschulkonforme Sternchenbeurteilung (diesbezüglich haben wir uns selbst aufgeklärt) unseres Beitrages und die damit einhergehende Aufmerksamkeitsspanne tun wir so einiges.

Man könnte natürlich auch versuchen, die Freiheit zu versteigern, aber man kann sich vorher schon denken, was abschließend dabei herauskommen wird, auch wenn man ein zertifiziert seriöser und überwiegend positiv bewerteter Händler ist: Keiner will sie haben. Sogar das wahrhaft attraktiv tief angesetzte Mindestgebotsangebot für die Freiheit ist offenbar noch zu hoch. Falsches Pferd, diese Freiheit und nicht einmal für die Resteverwertung zu gebrauchen. Da werden wir uns schon wieder nach einer anderen Beschäftigung umsehen müssen, aber ein bisschen plötzlich: Here we are now, entertain us!(Olga Flor, ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 09./10./06.2007)

Quellen:
Was ist Aufklärung?, Immanuel Kant 1784
Through the Looking Glass, Lewis Carroll 1872
Dialektik der Aufklärung, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno 1947
Nevermind, Nirvana 1991
Dialektik der Post-Aufklärung, Manfred Füllsack 1997
Demonstrationsplakat, Wien, Februar 2006
YouTube, eBay 2007

Olga Flor ist Schriftstellerin. Sie wurde 1968 in Wien geboren, wuchs in Wien, Köln und Graz auf, wo sie heute lebt. Sie studierte Physik und arbeitete im Multimedia-Bereich. Ihr erster Roman "Erlkönig" erschien im Frühjahr 2002, der Monolog "Fleischgerichte" wurde 2004 im Schauspielhaus Graz uraufgeführt. Der Roman "Talschluss" erschien im Frühjahr 2005 bei Zsolnay und war monatelang auf der ORF-Bestenliste. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, etwa: Teilnahme an den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2003, Reinhard-Priessnitz-Preis 2003, Otto-Stoessl-Preis 2004, George-Saiko-Stipendium 2006.

Hinweis: Es handelt sich bei diesem Text um einen Vorabdruck aus dem Band "Was für Zeiten. Ende der Aufklärung" (u. a. mit Beiträgen von Kirstin Breitenfellner, Sonja Harter, Kurt Remele, Richard Sturn), Band 8 (Herausgeber Gerfried Sperl und Michael Steiner), € 14,90, Leykam-Verlag, der kommenden Mittwoch, den 13. Juni, um 19.30 Uhr im Palais Trauttmansdorff, Herrengasse 21, 1010 Wien vorgestellt wird. Der Eintritt ist frei.
  • "Habe Mut,
dich
deines
eigenenVerstandes
zu
bedienen“,
meinte
Kant.
Das
hat
auch
etwas
mit
Freiheit
zu
tun.
Mittlerweile
wirft
uns
diese
Freiheit
auf
uns
selbst
zurück,
und
dort
finden
wir:
nichts.
    illustration: karl lux

    "Habe Mut, dich deines eigenenVerstandes zu bedienen“, meinte Kant. Das hat auch etwas mit Freiheit zu tun. Mittlerweile wirft uns diese Freiheit auf uns selbst zurück, und dort finden wir: nichts.

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