Musik, klingender Urstoff

8. Juni 2007, 16:11
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Der Lyra-Spieler Ross Daly präsentiert Musiken aus Orient und Okzident - Es gibt sie doch, die Symbolik des Zufalls

Ein Brückenbauer wie Ross Daly hätte sich kaum eine passendere Wahlheimat aussuchen können als Kreta, das insulare Bindeglied zwischen Orient und Okzident, an dessen Gestade in der Mythologie der in einen Stier verwandelte Zeus die phönizische Prinzessin Europa verschleppte. Daly kam freiwillig: Zwecks Studium der Lyra, der birnenförmigen Kniegeige, betrat er 1975 das Eiland.

Und blieb. Es war die zumindest partielle Sesshaftwerdung eines Weltenbummlers, dem das Interesse an anderen Kulturen in die Wiege gelegt worden war. Als Sohn irischer Eltern 1952 in England geboren, brachte es die Tätigkeit des Vaters mit sich, dass man alle paar Jahre in einem anderen Erdteil - Europa, Japan, USA - sesshaft wurde. Noch als Teenager erwachte in Daly so das Interesse an östlicher Musik, er nahm Sitar-Unterricht, begann zu reisen: Indien, Afghanistan, Türkei.

Immer weiter zog Daly seine Kreise, nicht ohne sich allenorts fundierte Kenntnisse an Instrumenten wie Rabab, Oud und Saz anzueignen. Bis zum "Zwischenstopp" auf Kreta. Dort fand Daly im Virtuosen Kostas Mountakis einen Lehrer, der ihm tiefe Einblicke in die uralte modale Tradition vermittelte.

Parallel lief die Beschäftigung mit Streichinstrumenten wie der bulgarischen Gadulka, der aserbaidschanischen Kemanche, der nordindischen Sarangi und der türkischen Kemençe: Techniken, die er in das Spiel seines neuen Stamminstruments Lyra integrierte, um so, durch einen Blick auf Nachbarkulturen, "mit denen ein Jahrhunderte langer Austausch bestand und mit denen man unzählige Gemeinsamkeiten hatte", einen Weg zur sanften Erneuerung traditioneller kretischer Musik einzuschlagen. 1982 initiierte Daly das Projekt "Lavyrinthos", um die Gemeinsamkeiten von indischem Raga, persischem Dashgah, arabischem Maqam und - neben vielen anderen Musiken - griechischen Modi zu untersuchen. Lavyrinthos, anfangs mehr Forschungslabor als Ensemble, mittlerweile auch ein Seminar-Zentrum, entwickelte sich zum neuen Botschafter einer "panmodalen" Musik, in der Traditionen auf Augenhöhe in Kommunikation traten.

Der Pool der Partner wuchs dabei um Gleichgesinnte aus entfernten Kulturen. Der italienische Tamburin-Virtuose Carlo Rizzo, Sitar-Spieler Rabindra Goswami, der steirische Drehleier-Spezialist Matthias Loibner sowie Kora-Meister Balake Sissolo aus Mali und die Obertonsänger von Huun-Huur-Tu haben mit Daly musiziert. Dieser beruft sich dabei trotz aller Studien auf einen subjektiven Umgang mit der Tradition - eine Eigenschaft, die ihn mit den meisten der aus diversen Volksmusiken schöpfenden Musikschaffenden verbindet, die bei der styriarte gastieren.

Wobei er die Musikpraxis als Teil eines holistischen, spirituellen Weltbilds deklariert, dessen Botschaft humanistisch ist. In einem Grundsatztext "Über Musik" stellt Daly fest, dass für ihn Klänge nicht Spiegel persönlicher Erlebnisse seien, sondern ihn eine andere Vision antreibe: eine Musik "hinter unseren Gefühlen und Erfahrungen. Diese Musik kann keiner bestehenden Zivilisation zugeordnet werden, jeder Klang enthält und transzendiert alle Zivilisationen aller Völker und Zeiten. Diese Musik ist kein menschliches Produkt, vielmehr ein Geschenk an die Menschheit. Wir 'wissen' nichts über ihre Quelle, aber wer immer diese Klänge erlebt, dem sind sie einziges Ziel." (Andreas Felber, DER STANDARD, Printausgabe, 08.06.2007)

Ethnokonzerte: 5. 7.: Morgen in Jerusalem, Vladimir Ivanoff & Sarband: Arabische Musik der Kreuzzugszeit, Musik der Troubadoure; 10. 7.: Musik der Wikinger - Duo Esk; 13. 7.: Sheherezade in Paris - Ivanoff & Sarband: Europäisches von Sultan Abdülaziz und Sultan Mehmet VI. Liszt, Fauré, Ravel; 14. 7.: Forward to the Roots: Samische Joiks, gälische Geschichten, sardische Gesänge u. a. mit Ulla Pirttijärvi, Ross Daly, Duo Esk, James MacDonald Reid, Tenores di Bitti; 16. 7.: Musik aus Kreta - Ross Daly & Labyrinth
  • Musik-Weltreisender mit dem gewählten Stützpunkt Kreta: Lyra-Virtuose Ross Daly.
    foto: styriarte

    Musik-Weltreisender mit dem gewählten Stützpunkt Kreta: Lyra-Virtuose Ross Daly.

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