Ein Sensor für die Umwelt

5. Juni 2007, 19:17
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Kartografie war früher Behörden und dem Militär vorbehalten - In Zeiten von Web 2.0 sind geografische Daten Allgemeinwissen

Kartografie war jahrhundertelang eine Arbeit, die Behörden und dem Militär vorbehalten blieb. In Zeiten von Web 2.0 sind geografische Daten Allgemeinwissen. Was Geoinformatiker nicht hindert, auf wissenschaftlicher Ebene neue Ideen umzusetzen. Es geht um Erdbeobachtung und Sicherheit.

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100 Millionen Downloads von „Google Earth“: Geoinformatik ist populär geworden. Dank dieser Software kann nun jeder mit ein wenig Geschick die Erde von oben betrachten und „seine“ Informationen individuell gestalten. Auch die letzte Wanderung mit einem GPS-Empfänger lässt sich problemlos im Netz dokumentieren. In jedem Fall entsteht eine Vielzahl von Daten. Wie immer im Netz der User, im Web 2.0, kann man aber nicht hundertprozentig sicher sein, dass die Informationen stimmen.

„Was, wenn der Taj Mahal in das Burgenland platziert wurde?“, fragt der Geoinformatiker Thomas Blaschke, Leiter des Researchstudios I-Space in Salzburg. Exakte geoinformatische Daten entstehen auf Basis eines digitalen Modells der realen Welt – die Daten kommen entweder aus der öffentlichen Verwaltung oder aus dem militärischen Sektor – und nicht unbedingt aus Weblogs. Wissenschafter entwickeln auf Basis komplexer Berechnungen aus diesen Daten immer genauere Systeme, die für zahlreiche Anwender interessant sind.

„Neulich kamen zu einer Veranstaltung Vertreter von Forst- und Landwirtschaft, vom Autopannendienst und Flughafen-Management, von Energieversorgern und IT-Dienstleistern“, berichtet Josef Strobl vom Zentrum für Geoinformatik der Universität Salzburg, der seit Kurzem auch eine Forschungsstelle Geographic Information Science der Österreichischen Akademie der Wissenschaften leitet.

Salzburg ist mit der Uni, dem Zentrum und dem Researchstudio I-Space ein „Hotspot“ der Geoinformatik in Österreich. Die anderen finden sich in Wien am Uni-Institut für Geografie und Regionalforschung. Auch an der TU Wien existiert das Fach Geoinformatik, und in Graz haben sich zum Beispiel die Forscher des Instituts für Digitale Bildverarbeitung am Joanneum Research einen Namen gemacht.

Die an den Instituten und in mehreren Unternehmen wie Geoland entwickelten geografischen Informationen, Modelle und Werkzeuge werden in unterschiedlichen Bereichen benötigt: in der Logistik, im Ressourcenmanagement, aber auch in der Umweltbeobachtung zum Zweck einer besseren Absicherung gegen Katastrophen oder Unwetter. Im Rahmen der EU-Initiative „Global Monitoring for Environment and Security“ (GMES), kürzlich vom Vizepräsidenten der EU-Kommission Günter Verheugen hoch gelobt, wird Erdbeobachtungs- und Informationstechnologie zum Schutz der Umwelt und für die europäische Sicherheit eingesetzt.

Bis 2008 wollen EU-Kommission und Europäische Raumfahrtbehörde zahlreiche Services mit Erdbeobachtungssystemen aufbauen, bis Mitte Juni läuft noch eine entsprechende Ausschreibung. Insgesamt wendet die EU für GMES bis 2013 mehr als eine Milliarde Euro auf – abgewickelt wird das Projekt über das 7. Forschungsrahmenprogramm. Ein nationaler Call des Infrastrukturministeriums ist derzeit in Vorbereitung und soll demnächst starten.

"Intelligente" Erfassung von Umweltdaten

GMES ist ein Name für ein Programm, keine Technologie. Zahlreiche Projekte wurden bereits in den vergangenen Jahren umgesetzt, die nichts anderes zum Zweck hatten als die „intelligente“ Erfassung von Umweltdaten, mit dem Ziel, Betroffene vor Katastrophen rascher als bisher zu warnen. Ein Beispiel: „Real Time Geo Awareness“, ein Projekt des Reserachstudios I-Space und des Unternehmens Synergis. Ziel ist die Entwicklung eines Sensornetzwerkes, das die Erfassung, Verteilung und automatisierten Auswertung von Umweltinformation in Echtzeit ermöglichen soll.

Das Projekt Limes der Uni Salzburg und des Joanneum Research wird das GMES-Programm bis 2009 im Bereich Sicherheit ergänzen. Hier will man auf Satellitentechnologien basierende Informationsdienste aufbauen, die das Sicherheitsmanagement im Wetterkatastrophenfall, aber auch bei der Überwachung des Schiffsverkehrs bei empfindlicher Fracht unterstützen soll. Da Satelliten bei Unwettern nur schlechte Bildqualität liefern, will man hier mit tief fliegenden Flugzeugen und Hubschraubern arbeiten.

Blaschke und sein Forscherteam sind aber auch in mehreren großen EU-Projekten vertreten. E-Globe zum Beispiel soll eine Art europäisches Gegenstück zu Google Earth werden. Mehr als vierzig Partner sind hier involviert. Die bekannte Software soll mit den Möglichkeiten von Second Life, dem zuletzt durch die Medien geisternden zweiten Lebensraum im Internet, verknüpft werden. Daraus will man eine Interaktivität schaffen, die zu neuen Anwendungen führen soll. (Johannes Klostermeier und Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 6. Juni 2007)

  •  Der bekannteste nicht digitale Umweltsensor, der Wetterhahn, hat schon längst Konkurrenz durch das EU-Forschungsprogramm GMES bekommen.
    illustration: der standard/lux

    Der bekannteste nicht digitale Umweltsensor, der Wetterhahn, hat schon längst Konkurrenz durch das EU-Forschungsprogramm GMES bekommen.

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