"Von Politikern in Posen überflutet"

22. Juni 2007, 15:06
3 Postings

"Wenn man sich ansieht, wie die Massenmedien den Gipfel darstellen, ist das PR-Debakel der G8 erkennbar", so Soziologe Oliver Marchart im STANDARD-Interview

Zum Gipfel der G8 in Heiligendamm: Soziologe Oliver Marchart über Staatschefs hinter Stacheldraht und gewalttätige Demos. András Szigetvari fragte.

***

STANDARD: Staatschefs hinter Stacheldraht, gewalttätige Demonstrationen. Wer kommt beim G8-Gipfel in Heiligendamm medial besser rüber: Politiker oder Demonstranten?

Marchart: Proteste bekommen nun wieder Aufmerksamkeit. Nach dem G8-Gipfel in Genua fokussierten die Medien auf islamistischen Terror, was die Protestbewegung überdeckte. Nun ist das anders. Die Öffentlichkeit ist gegenüber Themen wie Klimaschutz sensibler. Und die Politik übernahm teilweise die globalisierungskritische Debatte.

STANDARD: Eine Umarmung von oben also?

Marchart: Wenn man sich ansieht, wie die Massenmedien den Gipfel darstellen, ist das PR-Debakel der G8 erkennbar. Weil immer stärker klar wird, dass die Regierungschefs sich einbunkern und vor der Bevölkerung verstecken müssen. Damit kommen wir wieder in ein Repräsentationsregime, das nichts mit demokratischen Formen der Darstellung von Politik zu tun hat. Diese Form der Politikdarstellung hat Jürgen Habermas vor 45 Jahren als „repräsentative Öffentlichkeit“ bezeichnet. Der Begriff bezieht sich ursprünglich auf die Darstellung von Herrschaft im Feudalismus. So wurde schon Politik am Hofe Ludwig XIV. geführt. Habermas hat die Rückkehr dieser repräsentativen Form von Öffentlichkeit diagnostiziert. Und beim G8-Gipfel zeigt sie sich besonders deutlich.

STANDARD: Aber Bush und Co kommen via Fernsehen direkt ins Wohnzimmer.

Marchart: Aber es findet kein Diskurs statt. Dass Politiker bei uns im Wohnzimmer ein und aus gehen bedeutet ja nicht, dass sie uns zugänglich sind. Besonders wenn man sich die Bilder ansieht, die wir übermittelt bekommen. Staatschefs, die einander die Hände schütteln, die über rote Teppiche schreiten und das übliche Familienfoto. Wir werden nur von Politikern in nichts sagenden Posen überflutet. Übermittelt wird nur die Darstellung dessen, was geschieht, während Inhalte über die Medien kaum transportiert werden. Das alles führt dann zur berühmten Politikverdrossenheit.

STANDARD: Aber Gewalt steht im Zentrum der Medienberichte. Ist das nicht ein Scheitern der Protestbewegung? Inhalte der Gipfelgegner gehen unter.

Marchart: Der Vorwurf an die Globalisierungsgegner, sie würden keine Inhalte, sondern nur Spektakel vermitteln, ist scheinheilig. Weil auch die Politiker letztlich nur sich selbst als Spektakel vermitteln, wenn auch meist langweilig. Dem kann die Protestbewegung nicht auch noch Langeweile entgegensetzen. Also wird kreativer Protest und die Mobilisierung von Massen eingesetzt. Und das, was immer zur Resonanz führt: Gewalt.

STANDARD: Kann Protest die Gesellschaft anzusprechen?

Marchart: Die Straße ist nicht der Ort, um Inhalte zu vermitteln. Auf der Straße wurde Protest immer auf pointierte und nicht inhaltlich ausgereifte Weise betrieben. Der Diskurs findet in den Sozialforen rund um den Gipfel statt. Der Protest hat dennoch eine Funktion: Er zeigt Ablehnung. Besonders interessant ist, dass beim G8-Gipfel wieder auf klassische Protestformen zurückgegriffen wird, wie den Sternmarsch. Das hat auch die Arbeiterbewegung in Wien am 1. Mai praktiziert. In Heiligendamm wird es auf globaler Ebene durchgespielt, als Sternmarsch der Globalisierungskritiker auf den Zaun zu. Die Symbolik dahinter ist klar: Wir sind überall und kommen zu euch aus allen Richtungen. (András Szigetvari/DER STANDARD; Printausgabe, 5.6.2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Die Straße ist nicht der Ort, um Inhalte zu vermitteln": Soziologe Oliver Marchart. Im Bild: Tränengas gegen Demonstranten in Rostock.

  • Oliver Marchart (38) unterrichtet derzeit an der soziologischen Fakultät der Universität Luzern. Er forscht zu Kommunikation in den Medien, derzeit am Projekt "Protest als Medium – Medien des Protests".
    foto: standard/regine hendrich

    Oliver Marchart (38) unterrichtet derzeit an der soziologischen Fakultät der Universität Luzern. Er forscht zu Kommunikation in den Medien, derzeit am Projekt "Protest als Medium – Medien des Protests".

Share if you care.