Der Kommentator

7. Juni 2007, 19:01
6 Postings

Man kennt Bus- und U-Bahnfahrer, die ihr Publikum mit Wetter- und anderen Kommentaren unterhalten - Manche Fahrer referieren aber einfach nur für sich

Es ist schon länger her. Und es war irgendwann Ende April. Aber der kleine Zettel mit den Notizen kam mir erst gestern unter, als ich meine Tasche ausmistete. Zwischen zerlegten Kugelschreibern und anderem Krimskrams purzelte da ein Flyer mit draufgekritzelten Sätzen hervor. Und mit dem Skribble kam das Bild wieder.

Ich hatte mich ja schon beim Einsteigen gewundert, wieso es so still war. Nicht, dass einem sonst Chöre und Blasmusik entgegentönen – aber ein paar Leute reden im Bus halt doch meistens miteinander. Oder telefonieren. Aber im 14A mit der Nummer 8751 herrschte Stille. Gespannte Stille.

Eiei-Geräusch

Neben mir stieg eine Dame mit Kleinkind am Arm bei der Fahrertür ein. Und als der ein wenig an Ex-Minister Hubert Gorbach erinnernde Mann da eines dieser harmlos-netten Kinderbegrüßungs-„Eiei“-Geräusch ausstieß, erschrak das Kind. Und begann zu weinen. Die Mutter stieg wieder aus. „Ich wollte sie echt nicht erschrecken. Und schon gar nicht vertreiben“, entschuldigte sich der Fahrer. Die Frau stieg trotzdem nicht wieder ein. Die Fahrgäste schwiegen. Ich dachte mir nichts dabei.

Als der Bus losfuhr, sprang ein Mädchen vor dem Wagen vom Gehsteig und lief über die Straße. Sie verließ sich darauf, dass kein Auto an einem anfahrenden Bus vorbeizischt, irrte sich – und hatte einfach Glück. „Du bist ja wohl ein bisserl wahnsinnig, junge Frau,“ sagte der Busfahrer zur geschlossenen Scheibe der entschwindenden Passantin nach, „oder lebst du nicht gerne?“ Im Bus herrschte Totenstille.

Kreuzungsblockierer

20 Meter später wusste ich, wieso: Der Fahrer kommentierte. Alles. Den Verkehr („Na, heute haben wir es aber wieder einmal alle ganz besonders eilig und fahren in die Kreuzung ein, auch wenn da vorne nix weiter geht – aber ich versteh das: Wenn ich nicht weiter komme, darf das auch kein anderer“), den Pflegezustand der Autos ringsum („Ah, da simma heute wohl zwei Stunden vor dem Frühstück aufgestanden und haben das Auto poliert – da war dann halt keine Zeit mehr zum Rasieren“) oder das Verhalten anderer Autofahrer („Was muss man um halb acht Uhr früh so dringend am Telefon besprechen, dass man es im fahrenden Auto tun muss und nicht warten kann, bis der Wagen im Büro-Parkhaus steht? Der sitzt dann eh acht Stunden vor einem Telefon“) etwa.

Der Mann am Steuer sprach ohne Pause. Ohne Punkt und Komma. Es schien fast, als wäre es ihm nicht bewusst, dass er nicht dachte, sondern plapperte. Und alle (zumindest im vorderen Bereich des Busses) mithörten: „Kinder, ich muss doch versuchen, meinen Fahrplan einzuhalten – und ihr rennt hier jeden Tag so herauf, als könntet ihr nicht selbst sehen, dass zwischen mir und dem nächsten Bus grad zwei, ok drei, Autos sind“, referierte er, als er an der nächsten Haltestelle eine Gruppe Schulkinder zurückließ, die mit hängenden Zungen und fliegenden Taschen eine Seitengasse heraufgehetzt waren.

Öffi-Entertainer

Die Menschen im Bus schmunzelten: Vielleicht ja auch, weil der Mann nicht bösartig oder verbissen klang. Und den Anschein erweckte – im Gegensatz zu jenen Öffi-Entertainern, die es mit Wetteransagen und launigen Kommentaren mitunter zu einiger Berühmtheit schaffen –, dass er nicht mit der Absicht, ein Publikum zu unterhalten, referierte.

Ich mochte den Mann. Vor allem, weil er nicht frustriert, gehässig, genervt oder selbstgerecht kommentierte, sondern weil auch Freude am Fahren und ein Stolz auf den Bus durchklang: Als er den 14A von der Gumpendorfer- in die Amerlingstraße lenkte, lobte er das Fahrzeug und die Techniker: „Ja, so ist es gut. Feine Kurvenlage, gute Linie – den haben sie wirklich super eingestellt.“ Und als er vor dem Café Ritter stehen blieb, war er ein Mann, der mit sich im Reinen und mit seiner Leistung zufrieden war: „So, da samma. Das hätten wir auch wieder mal geschafft.“

Während wir ausstiegen und die ersten neuen Fahrgäste einstiegen, erkannte ich aber, dass der Fahrer sich doch nicht nur um sich selbst kümmerte: Er hatte einen Stapel Zeitungen neben dem Lenkrad liegen und hielt die nun den Einsteigenden entgegen. Der Stapel war gemischt: „Heute“ und „Österreich“. „Wieso tun sie das?“, fragte eine einsteigende Frau etwas irritiert. „Weil ich finde, dass man nicht nur U-Bahn-Fahrgästen was zum Lesen geben sollte. Auch die Leute im Bus haben ein Recht auf Informationen.“ Die Dame nahm trotzdem keine Gratiszeitung. Gerade so, als, wüsste sie, dass das Live-Programm während der Fahrt interessanter als jede Zeitung werden würde. Thomas Rottenberg, derStandard.at, 4. Juni 2007)

Share if you care.