Die Kraft der Kiste

3. Juni 2007, 23:59
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Lebende Vogelspinnen, 40 Meter hohe Weihnachtsbäume, 150 Tonnen schwere Generatoren: Transportiert werden kann fast alles - entscheidend ist die Logistik

Eine Sendung von Punkt A nach B zu transportieren mag auf den ersten Blick eine recht einfache Angelegenheit sein: Waren rein in den Lkw, ans Ziel fahren, abladen - fertig. Container sollen sich sozusagen ihren Transportweg und den passenden Laster von allein suchen. Doch ohne die dahinter stehende Logistik ist heute jegliche arbeitsteilige Aktivität praktisch unmöglich geworden.

Den Vorgaben, was in welcher Zeit an welchen Ort befördert werden muss, sind kaum Grenzen gesetzt. Transportiert werden kann fast alles. Gebrüder Weiss (GW), Österreichs ältestes Speditions- und Logistikunternehmen in Familienhand, gibt in seinem Buch der Rekorde einen Geschmack auf Kundenwünsche der besonderen Art: 40 Meter hohe Weihnachtsbäume (ein Geschenk an den Papst), Vogelspinnen, 150 Tonnen schwere Generatoren und unbezahlbare Briefmarkensammlungen.

"Vor Jahren lieferten wir im Auftrag der Firma Bösendorfer Klavierflügel nach Peking. Die Flugroute erlaubte beispielsweise keinen Zwischenstopp in Singapur. Die dortige Luftfeuchtigkeit hätte den Instrumenten geschadet", meint Klaus Tumler, Prokurist und Vertriebsleiter in Österreichs größter GW-Niederlassung in Maria Lanzendorf. Und - um einen weiteren Punkt zu veranschaulichen: "Wer denkt schon bei Tischtennisbällen an Gefahrengut?" Die unscheinbaren Kugeln enthalten Gas und könnten bei nicht sachgerechtem Transport explodieren.

Goethe und die Postkutsche

Der Name des Unternehmens geht auf das Mittelalter zurück: Im Jahr 1330 wird die "Wizze" (Weiss) erstmals in einer Steuerliste des Stiftes St. Gallen genannt. Der Mailänder Bote (Gründung 1445) war schon ein richtiges Transportunternehmen, allerdings lag der Schwerpunkt nicht auf der Beförderung von Fracht, sondern von Menschen. Prominenter Passagier dieser Postkutschen war 1788 Goethe, der um 122 Gulden von seiner ersten Italienreise nach Österreich reiste. Die Firma Gebrüder Weiss im heutigen Sinn erblickte 1823 in Fussach (Vorarlberg) das Licht der Welt. Knapp 50 Jahre später konzentriert man sich ausschließlich auf Warentransporte.

An die 700 Lkws fahren heute täglich in Maria Lanzendorf ein und aus. Je nach Anforderung und Kundenwunsch wird zwischen Direkt- und Sammelverkehr unterschieden. Die Zustellungspalette reicht vom Haus-zu-Haus-Service mit Expressdienst bis zum weltweiten Versand von Paket- bis Massenware auf Straße, Schiene, Schiff oder Luftweg. Sondertransporte wie Möbeldistribution erfordern beispielsweise speziell ausgerüstete luftgefederte Fahrzeuge mit innen ausgepolstertem Kofferaufbau, Zuleisten zur Befestigung der Möbelstücke im Lkw, sowie einen beheizbaren Laderaum.

Bei Messetransporten wiederum erledigt GW nicht nur den Transport zum Ausstellungsort, sondern auch allfällige temporäre Zollabfertigung, das Verbringen der Exponate zum Messestand, Hilfestellung bei der Montage, Leergutabfuhr und Re-Export.

Vitamin auf der Landkarte

GW sieht sich in der Hauptsache als regionalen Logistiker im Bereich Schweiz, Süddeutschland, Österreich und Osteuropa. "Wir sind in der Situation des Salatblattes im Sandwich", umreißt Experte Tumler die Marktsituation. "Wir sind zu groß, um der lokale Nischenanbieter zu sein, aber zu klein für einen Global Planer auf gesamteuropäischer oder gesamtweltlicher Ebene." Mit den ganz Großen wie Schenker, Kühne+Nagel könne - und wolle - man nicht mitspielen. Tumler: "Der Fokus auf unsere Regionen hat große Zukunft."

In den nächsten Jahren will GW weitere 100 Millionen Euro für die Erweiterung des Netzes in Mittel- und Osteuropa ausgeben. Konkrete Akquisitionspläne gibt es in Rumänien. Darüber hinaus ist geplant, noch heuer Grundstücke in Bulgarien, Tschechien, Serbien, Slowenien, Kroatien und in der Slowakei zu kaufen. Weiters soll die im Vorjahr übernommene slowakische Spedition M&G mit den eigenen Aktivitäten in zwei neue Speditionsterminals in Senec (Wartberg) in der Mittelslowakei zusammengeführt werden, wie Finanzvorstand Wolfram Senger- Weiss kürzlich erklärte.

In China verfügt das Unternehmen über 15 Standorte, von Singapur aus ist die Expansion in Malaysia und Indonesien geplant. In Indien, wo das Unternehmen bislang über Partner vertreten ist, soll bis Ende 2008 ein eigenes Netzwerk entstehen, dasselbe gilt für den Standort Dubai. In Taiwan wurde vergangene Woche die erste Niederlassung eröffnet, schließlich sollen in den USA bis 2010 zu den bestehenden sieben noch bis zu vier weitere Standorte hinzukommen und nach dem Einstieg in Kanada im Jahr 2006 will GW auch in Mexiko eine eigene Marktpräsenz aufbauen.

Neben den bestehenden schielt GW nach noch östlicheren Märkten. "Der Schritt in Länder wie Kasachstan oder Kirgisistan wird sich nicht von heute auf morgen vollziehen, muss aber heute schon sukzessive evaluiert, eventuell mit Repräsentanzen versehen, um in Folge langsam ausgebaut zu werden", meint Tumler.

Outsourcing

Während die Logistiker die Verkehrslogistik weitgehend im Griff haben, liegt die große Herausforderung in den Dienstleistungen, die darüber hinausgehen: Der schnelle Waren-Transport und leistungsfähige Distributionssysteme werden aufgrund ständig steigender Kundenanforderungen durch intelligente Logistik-Leistungen ersetzt. In den meisten Unternehmen unterliegen die Waren-Bewegungen und damit die Umsätze saisonalen Schwankungen. Trotzdem muss das eigene Lager auf die Spitzenkapazitäten ausgerichtet sein - Geld, das sich bei Logistik-Outsourcing einsparen lässt.

Immer häufiger geben Firmen daher Bestellwesen, Lagerführung, die gesamte Auftragsabwicklung mit Kommissionierung, Verpack, Versand bis hin zur Inventur ab. Sämtliche ausgelagerte Arbeitsvorgänge erfolgen - für den Konsumenten nicht sichtbar - im Namen des Auftraggebers, fakturiert wird auf dessen Briefpapier, verpackt wird mit dessen Packmitteln. Tumler: "Einer unserer Kunden kümmert sich nur noch um das Marketing. Der Rest liegt bei uns."

High-Tech-Lösungen

Der GW-Zweigbereich tectraxx reicht von Software-Prüfung über Dokumentenlogistik, Automotive-Bereich, Postabwicklung bis hin zu Reparatur-Management. Im Falle einer defekten Telefonanlage zum Beispiel prüft GW den Ersatzteillagerbestand des Kunden, bestellt gegebenenfalls ein benötigtes Teil und lässt die Reparatur, wenn möglich, durch hausinterne Techniker vornehmen. Sämtliche Vorgänge werden dem Kunden per EDV rückgemeldet. "Mittlerweile ist es fast wichtiger, Informationen rechtzeitig zu liefern als Ware", so Tumler. Im Bereich der technischen Dienstleistungen sind die Grenzen noch lange nicht erreicht. Ziel ist, nach Lösungen zu suchen, die dem Kunden Vorteile bringen. Tumler: "Entweder besser, schneller oder billiger."

GW beschäftigt konzernweit 4.050 Mitarbeiter (davon 2.646 in Österreich), hält 136 firmeneigene Standorte, verfügt über eine Lagerfläche von ca. 231.000 m2. Im vergangenen Jahr transportierte GW 5,4 Millionen Sendungen, über den GW-Paketdienst (GWP) wurden 19,9 Millionen Pakete versandt, das DPD-System Österreich beförderte insgesamt mehr als 33,3 Millionen Pakete. Der Umsatz 2006 stieg um rund zehn Prozent auf 870 Millionen Euro. Zu den Gewinnen macht das Unternehmen keine Angaben. An einen Börsegang ist nicht gedacht. (Sigrid Schamall)

  • Gebrüder Weiss bietet verschiedenste Transportsysteme für unterschiedlichste Sendungsarten an. Aber nicht immer ist der schnellste...
    foto: gebrüder weiss

    Gebrüder Weiss bietet verschiedenste Transportsysteme für unterschiedlichste Sendungsarten an. Aber nicht immer ist der schnellste...

  • ...Transportweg der idealste. Entscheidend für die Auswahl des optimalen Transportwegs sind Kriterien wie...
    foto: gebrüder weiss

    ...Transportweg der idealste. Entscheidend für die Auswahl des optimalen Transportwegs sind Kriterien wie...

  • ...Dringlichkeit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit.
    foto: gebrüder weiss

    ...Dringlichkeit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit.

  • Je anspruchsvoller das Produkt, desto komplexer die Anforderungen an die Logistik.
    foto: gebrüder weiss

    Je anspruchsvoller das Produkt, desto komplexer die Anforderungen an die Logistik.

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