Harte Beats und Wasserfarben

9. Juni 2007, 17:00
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Gnaoua-Sound und Aquarell-Galerien im marokkanischen Essaouira

Das Kreischen der Möwen beendet erst einmal die Stille, die über dem Hafen von Essaouira liegt. Fischer sind damit beschäftigt, den Fang des Morgens zu sortieren. Die Luft vibriert bereits, und wäre da nicht noch der Seetanggeruch des Atlantiks, der sich in den Morgenduft mischt, könnte man das süße Mandelgebäck wohl noch am Hafen riechen: Zwischen den blauen Korbstühlen der Cafés auf der Place Moulay El Hassan schieben Lieferanten ihre Schubkarren hindurch. Von Zeit zu Zeit schlängeln sich Patisserieverkäufer durch die Stuhlreihen und präsentieren frisch Gebackenes auf Tabletts, die sie neben dem Kopf in der rechten Hand balancieren.

Zwei Mandolinenspieler zupfen für die Gäste: Touristen mit gestreiften Häkelhäubchen, Touristinnen, behängt mit schwerem silbernem marokkanischem Geschmeide, Rastas, Backpacker - es ist eine bunte Mischung aus Lebemännern und -frauen, die da in Essaouira zueinander findet. Doch eines zeichnet sie alle aus: Es sind Menschen, die Zeit haben. Und solche, die Wind mögen. Denn in "The Windy City" Essaouira weht immer eine frische Brise.

An Tagen, an denen Sonne und frische Seeluft Essaouira neu und sauber malen, verlassen auch die Künstler, die hier eine Bleibe gefunden haben, ihre Schlupfwinkel - magisch angezogen vom Licht. Steuern mit eingeklappter Staffelei zielsicher auf die breite Stadtmauer der Medina zu, denn von dort bietet sich die beste Perspektive auf die alte Stadt am Atlantik, die die Franzosen Mogador nannten.

Essaouiras "P-Wohner"

Die Phönizier kamen als erste, um auf den vorgelagerten Inseln Purpurschnecken zu sammeln, 1506 errichteten die Portugiesen eine kleine Festung, Piraten suchten kurzfristig Unterschlupf. Die heutige Stadt- und Hafenanlage geht auf den Alaouiten-Sultan Mohamed Ben Abdallah zurück, der den Franzosen Téodore Cornut mit der Stadtplanung beauftragte. 2001 wurde das Herz der Stadt, die Medina, zum Weltkulturerbe erklärt

Die kleine Stadt gehört zu den schönsten Orten Marokkos. Weiße Häuser, die nur zwei Stockwerke hoch sind und sich maximal einen grünen oder blauen Farbklex mit den Türen erlauben, vermitteln das, was man das "andalusische Marokko" nennt. Die weltoffene Atmosphäre ist schon seit jeher zu spüren und wurde in den 1960er-Jahren noch einmal verstärkt: Musiker wie Jimmy Hendrix und Frank Zappa kamen in die Stadt. Sie waren neugierig geworden, weil sie vom Gnaoua gehört hatten. Vom Trommeltanz, der im 16. Jahrhundert mit den Sklaven nach Essaouira kam. Und noch immer sind die dumpfen Rhythmen an einigen Plätzen der Stadt zu vernehmen - in den unzähligen Plattenkiosken sowieso.

Ein Spaziergang durch Essaouira beginnt klassischerweise nicht in irgendeinem Museum oder entlang von Sehenswürdigkeiten, sondern meist bei den kleinen Läden. Etwa in der Galerie Damgaard in der Avenue du Caire, einer von Marokkos berühmtesten Kunstgalerien, die von einem Dänen geführt wird. Oder in der Galerie Espace Othello, die vorwiegend heimische Künstler zeigt. Über die breite Avenue de l'Istiqlal kommt man zum Fisch- und Gewürzmarkt. Hier haben die Fischer in einem weißen Innenhof ihren frischen Fang ausgebreitet und sitzen bei einem Glas Pfefferminztee unter vom Winde verwehten Sonnenschirmen.

Rote Rosen für Hendrix

Legendärer ist dennoch der Innenhof des Hotel Riad al Medina in der Rue El Attarin, in dem der schon erwähnte Jimmy Hendrix viel Zeit verbrachte. Durch ein weites Portal betritt man den Patio dieses alten Stadthauses: Zwei Brunnen, immer mit Rosenblüten geschmückt, stehen da als Zeichen eines herzlichen Empfangs, der nicht nur Rocklegenden gewährt wird. An kleinen Tische serviert man den frischen, süßen Pfefferminztee in Silberkannen.

Vom Hotel Riad al Medina in Richtung Meer führt der Weg zur Skala de la Kasbah, der 200 Meter langen, begehbaren Befestigungsmauer von Essauoira, die sich gegen die Meeresbrandung stemmt. Sie ist so breit, dass in ihrem Unterbau kleine Geschäfte Platz gefunden haben. Hier verkaufen vornehmlich die Souiris, die Einwohner Essaouiras, ihre Schnitzarbeiten, denn die Stadt beherbergt angeblich auch Marokkos beste Kunsttischler. Sie beherrschen vor allem die Kunst der Intarsienarbeiten, für die sie die Wurzel der Tujabäume verwenden. Auch die verzierte "Guenbri", ein lyraähnliches Zupfinstrument zur Begleitung der Gnaoua-Tänze, wird hier handgefertigt.

Entlang der Stadtmauer, auf der es sich vortrefflich flanieren lässt, haben Künstler ihre Staffeleien aufgestellt. Und verkaufen Aquarelle mit Stadtszenen, die zumeist an August Mackes Bilder erinnern wollen, die er auf seinen Reisen durch Nordafrika gefertigt hatte. Im alten Befestigungsturm Bastion Ouest befindet sich noch eine weitere Galerie, die zeitgenössische Künstler zeigt. Ahmed Harrouz, einer der Künstler aus der Stadt, ist hier fast jeden Nachmittag ab fünf Uhr anzutreffen. Vorausgesetzt, er sitzt nicht in einem Café auf der Place Moulay El Hassan, die in Eassaouira ja ohnehin immer um die Ecke liegt - nur hinter welcher, ist auch in dieser verwinkelten Medina die Frage. (Bettina Louise Haase/Der Standard/Printausgabe/2./3.6.2007)

  • Staffelei aufstellen und loslegen! Die Motive fliegen einem ohnehin von selbst zu.
    foto: sascha aumüller

    Staffelei aufstellen und loslegen! Die Motive fliegen einem ohnehin von selbst zu.

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