Dionysos, rituelle Rauschmittel und Schauschlachten

1. Juni 2007, 14:12
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Mit dem Ausbau des Museumszentrums Mistelbach wird es schrittweise zu einem Ort für alle Sinne

"Es ist ein gesetzter, ein beseelter Ort", schwärmt Romana Schuler über das über 6000 Quadratmeter große Areal der ehemaligen Pflugfabrik Heger, auf dem das klosterartige Ensemble des Museumszentrums Mistelbach eingerichtet wurde. Seit dem 16. Jahrhundert bildet der Ort einen Mittelpunkt des östlichen Weinviertels, das mit dem Museumszentrum eine neue kulturelle Perspektive erhalten werde, wie Geschäftsführerin Schuler überzeugt ist.

Denn über die Nitsch-Welt hinaus, aber durchaus daran anknüpfend, wird das Museumszentrum noch allerlei sinnlicher Exkurse bieten, von der Ausstellung "Lebenswelt Weinviertel" über ein Internationales Messweinarchiv bis zum "Dionysischen Themenweg". "Das Museumszentrum soll ein ,interface' zwischen Regionalität und Internationalität sein und alle Schritte dazwischen spiegeln", erklärt Schuler die Intention.

Nach einer zweimonatigen Konzentration auf Hermann Nitschs Werk, wird dessen Ausstellung ab August verkleinert und Platz für weitere Sammlungen geschaffen. Im Oktober soll die "Lebenswelt Weinviertel" eröffnet werden, wobei an deren Konzeption derzeit noch getüftelt wird. So viel steht aber fest: "Es wird kein Heimatmuseum." Vielmehr will man sich "interdisziplinär und grenzüberschreitend" mit der Region auseinandersetzen, erläutert Schuler - sowohl in historischer, anthropologischer, künstlerischer, politischer und ökonomischer Hinsicht. Die Ausstellungen sollen im Takt von sechs bis acht Monaten wechseln und von Symposien zu den jeweiligen Themen begleitet werden.

Im Frühjahr 2008 erfolgt in einer nächsten Ausbaustufe die Eröffnung eines wahrhaften Kuriosums: Das weltweit erste Internationale Messweinarchiv, das nicht nur eine Auswahl von christlichen Messweinen und anderen spirituellen Getränken zeigt, sondern auch generell die Bedeutung von Rauschmitteln für bestimmte Rituale in verschiedenen Kulturen erkundet und dokumentiert. "Es wird aber sicher keine Vinothek", schließt Schuler eine Verkostung der heiligen Tropfen aus. "Davon gibt es genug in der Umgebung. Darum braucht man sich hier bestimmt keine Sorgen machen."

Wein ist freilich auch wesentlicher Bestandteil des Dionysischen Themenwegs, der ab Sommer 2008 begangen werden kann. Schon jetzt wurden entlang des einen Kilometer langen Rundgangs spezielle Trauben gepflanzt, daneben werden lokale Köstlichkeiten für eine Sättigung aller Sinne sorgen. Ausgehend vom Museumsparkplatz wird der Weg vorbei am Weinviertelfries "Gemischter Satz" von Heinz Cibulka zu einem "Naschgarten" führen, in dem man sich an Nüssen, Himbeeren und Marillen laben kann. Weitere Stationen werden ein Tempel zu Ehren von Dionysos, ein Picknickort und der Schweinestall der landwirtschaftlichen Fachschule sein, wo man einem Schauschlachten beiwohnen kann, bevor man wieder zum Ausgangspunkt des als Lebenszyklus konzipierten Pfads zurückkehrt.

Integriert in das Museumszentrum ist auch die niederösterreichische Malakademie unter der Leitung von Günther Esterer, wo Kinder und Jugendliche spielerisch ihre Talente erproben können. Für Aktionen, Performances, Film- und Theatervorführungen steht eine Freitreppe zur Verfügung.

Das Museumszentrum werde der Region auch etwas zurückgeben, meint Romana Schuler: "Es steht für ein neues Selbstbewusstsein." (Karin Krichmayr / SPEZIAL/ DER STANDARD, Printausgabe, 01.06.2007)

  • Das Nitsch-Museum, gibt sich dessen Geschäftsführerin Romana Schuler überzeugt, eröffne eine neue kulturelle Perspektive für das Weinviertel.
    foto: standard/robert newald

    Das Nitsch-Museum, gibt sich dessen Geschäftsführerin Romana Schuler überzeugt, eröffne eine neue kulturelle Perspektive für das Weinviertel.

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