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Ein Stadion mit Blätterdach

4. Juni 2007, 17:40
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Die schönste Laufarena ist immer noch der Wald. Meint Thomas Rottenberg

Natürlich ist das Wortspiel abgeschmackt. Aber es stimmt: Mein Laufbuddy hat mir den Laufpass gegeben. Mitten im Wald. Mein Ex-Mitläufer läuft jetzt anderswo. Am Asphalt. Weil das präziser ist. Berechenbarer. Genauer. Und, wie er meint, moderner. Denn im Wald, erklärte er mir, könne ein moderner Mensch nicht laufen. Wegen der Bäume. Die würden stören. Er meint das ernst – und ich bin ihm dankbar. Aber der Reihe nach.

Früher liefen mein Buddy und ich zwar eigentlich überall, aber am liebsten durch den Wald. Und zwar – im Wortsinn – durch Dick und Dünn.

Doch dann kam die Technik: Mein Mitläufer kaufte einen Laufcomputer. Waren wir bisher entspannt, locker und unverkrampft getrabt, übernahmen nun Ehrgeiz, Mess- und Auswertung das Kommando. Die Natur wurde zum Problem: Satter weicher Boden? Das Tempo, das Tempo!, klagte mein Freund. Oder: Ich trage die falschen Schuhe! Ein Blick über eine schöne Lichtung oder in ein malerisches Tal? Mein Sportfreund sah aufs Display am Handgelenk. Bärlauch am Wegesrand? Erd- oder Brombeeren? Mein Kollege protestierte: Nicht im Plan. Das mache die ganze Performancekurve kaputt.

Ein schmaler, neuer Weg führt ins Irgendwo? Der Kamerad verweigert: Ob ich denn wisse, wie viele und welche Steigungen da kämen – er müsse doch darauf achten, Tempo und Pulsfrequenz zu halten. Und so weiter. Dann begann seine Uhr Grenz- und Sonstwas-Werte per Alarmton zu verkünden. Statt Windgeräuschen, Vogelzwitschern, dem Knacken kleiner Äste unter den Füßen und unserem Atem begleiteten uns nun Fiep- und Pieptöne. Und als dann eine Computerstimme mitten im Wienerwald Strecken-, Tempo- und Körperwerte mitzuteilen begann, reichte es mir. Er müsse sich entscheiden: Wolle er mit mir oder dem Schnickschnack laufen?

Mein Kumpel bedauerte. Er habe sich gerade ein GPS-System fürs Handgelenk zugelegt (wozu, wollte ich fragen, das ist der Wienerwald, kein Wüstenmarathon). Nur habe das Ding einen Haken: Die Bäume wären im Weg. Im Wald verlöre es mitunter den Kontakt zum Satelliten. Wegen der Blätter. Er werde deshalb in Zukunft nur mehr unter freiem Himmel laufen. Ich schüttelte den Kopf – und bog ab. Aus Protest schaltete ich meine Simplicissimus-Stoppuhr ab. Und habe es nicht bereut: Statt aufs Handgelenk schaue ich wieder auf die Landschaft. Statt dem Display sehe ich Bäume, Sträucher und Unterholz. Ab und zu auch ein Reh. Einmal sogar ein Wildschwein. Statt Best- und Zwischenzeiten genieße ich Luft und Gerüche. Und statt Kilometerangaben markieren Weggabelungen und markante Punkte Routen und Ziele.

Neulich blieb ich sogar stehen. Unter einem alten Baum. Nur, um ihn zu bewundern. Ich bin hier hunderte Male vorbeigekommen, ohne ihn je zu bemerken. Und deshalb bin ich meinem Ex-Laufpartner dankbar. Denn ohne seinen Bordcomputer hätte ich nie erkannt, wo ich die ganze Zeit über trainiert habe: im schönsten Stadion der Welt.

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    Ab und zu ein Reh, hie und da ein Wildschwein. Laufen im Wald ist ein Erlebnis für sich

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