Stadtgeschichte: Limousinenservice nach Hause

15. April 2008, 10:44
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H. war am Life Ball. Und wollte heim. Und weil er wichtig ist, ist es sein gutes Recht, dafür eine Limousine zu nehmen

Es war am Life Ball. Oder vielleicht auch schon danach. Denn ob es noch Life Ball ist, wenn man dann, so gegen vier vor dem Rathaus steht und zusieht, wie mehr oder weniger zerstörte Figuren auf die Lichtenfelsstraße gespült werden, Abschied nehme und sich in Taxis schwingen um anderswo zu schlafen und/oder weiter zu feiern, ist ja nicht ganz klar. Aber es ist jedes Jahr wieder ein netter Chill Out. Weil es so fein ist, zu sehen, wie all die Masken, Kostüme und Gimmicks nach acht Stunden Dauerbeschallung und Dauerkörperspannunghalten dann plötzlich ihren Hyper-Hyper-Glanz ablegen. Und hinter den und durch die aufgebrezelten Fassaden die meist doch schon etwas geschafften Menschen zu erkennen sind. Kurz: Es hat ein bisserl etwas Memento-Mori-Mäßiges. Und war auch heuer wieder einer meiner schönsten Life-Ball-Momente.

Aber heuer war anders. Weil auch H. aus dem Haus kam. H. ist so was wie ein österreichischer Jetset-Promi. Sagt man zumindest hierzulande. Obwohl ich noch keinen ausländischen Society-Fritzen getroffen habe, der H. erkannt oder richtig zugeordnet hätte, wenn man ihm nicht vorher erklärt hätte, welchem Haus H. entstammt. Geschenkt: Wichtig zu sein ist ja sowieso vor allem dort wichtig, wo man daheim ist.

Ausweisgesicht

H. ist sich seiner Relevanz bewusst. Sehr. Und immer. Und deshalb käme einer wie er gar nicht auf die Idee, dass es in Wien irgendein Gatter geben könnte, durch das nur Menschen mit ViP-Bändern dürfen, durch das er nicht auch so schreiten könnte. Schließlich gilt das, was Alfons Haider mir einmal zuflüsterte, gerade im Reich der Scheinwichtigen unumschränkt: Manche Menschen brauchen einen Ausweis – und andere haben ein Gesicht.

Und egal wie man nun zu derlei Sätzen, dem was sie transportieren oder der Relevanz, die H. (nicht Haider) im echten Leben hat, steht: Der Satz stimmt. Und das wissen alle H.s dieser Welt sehr genau. (Ganz nebenbei: das ist auch einer der Gründe, die Menschen wie die Damen S. und L. so unvermeidlich machen. Sie werden nämlich ungefähr zur Hälfte der Veranstaltungen auf denen sie präsent sind, gar nicht eingeladen. „Aber“, klagte mir einmal ein PR-Mann sein Leid, „was sollen wir denn tun? Die S. von einem Türsteher festhalten lassen, wenn drei Kameras draufhalten?“) Aber zurück zu H. und dem Life Ball.

Das Shuttle

Auf manchen ViP-Events hat sich nämlich in letzter Zeit eine zwar völlig unsinnige, aber zumindest der Verkehrssicherheit nicht abträgliche Marotte etabliert: Irgendein Nobelkarossenhersteller sponsert das Shuttleservice nach Haus. Wenn man also grad nach Hause (oder sonst wohin) will, steigt man in eine der Limousinen, die vor der Tür stehen. Wenn eine da ist. Oder die Schlange nicht zu lang ist. Und wenn man dazugehört: Bei manchen Events genügt es, aus der richtigen Tür zu kommen – bei manchen weiß der Chef des Limousinenservices, wen er fragt, ob er einsteigen will.

Leute wie H. werden heimgebracht. Und – selbstredend – gehen Leute wie H. auch an Warteschlangen vorbei. (Wieder nebenbei und – natürlich - absolut unverbürgt und ohne jede Chance, das je beweisen zu können: Als vor einiger Zeit in Paris ein Nobellabel seinen Super-Flagshipstore eröffnete, wurden ViPs aus aller Welt eingeladen. Auch ein heimisches Paar war dabei. Und als da vom Hotel zur Eventstätte geshuttlet wurde, stand man Schlange. Nur die Ösis nicht: „Komm K.“, soll Frau F. da gerufen haben und an der Schlange vorbeigeeilt sein, „wir müssen uns nicht anstellen, das bin ich nicht gewohnt!“ Sprach´s - und eilte an Leuten wie John Malkovich, Brian Eno und anderen irrelevanten Nobodys vorbei. Erzählt man sich zumindest in Klatschreporterkreisen. Und wenn´s nicht stimmen sollte, ist es zumindest gut erfunden. Obwohl die Geschichte bisher noch bei niemandem, der das Paar tatsächlich kennt, ein „also nein, bestimmt nicht, das kann ich mir echt nicht vorstellen, die sind nicht so“ ausgelöst hat. Eher im Gegenteil.)

Abdrängen

Aber zurück zu H. und zum Life Ball: Vor dem Rathaus stand eine Schlange Limousinen. Und allerlei Niemande stiegen ein. Models halt. Musiker. Richie Rich. Und sonstiges, eingeflogenes Partyvolk. H. aber ließ man einfach stehen. Und als er versuchte, sich zu den Autos zu drängen, wurde er von einer der deutschen Stylepolizisten-Dragqueens (es hat schon einen Grund, warum die nicht von hier sind) sanft, aber eben doch abgedrängt. Einmal. Zweimal. Dreimal. Ich konnte förmlich hören, wie das Blut in H.s Adern zu rauschen begann.

Beim vierten Mal war H. dann aber schneller. Und saß im Edel-SUV. Und rausprügeln geht halt wirklich nicht. Der Wagen fuhr los und entschwand in der Nacht. Ich seufzte und sagte halblaut zu niemandem im Speziellen: „Hat er es also wieder geschafft.“ Aber da drehte sich die beim Abdrängen erfolglose Dragqueen um und grinste mich an: „Mag schon sein. Nur: Was hat er davon? Die Wägen fahren nur zwischen dem Hotel und dem Rathaus hin und her. Eventuell noch zur After Hour. Aber der komische Heini wollte ja nach Hause.“ (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 29.5.2007)

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