Spätes Erwachen im Internet

25. Jänner 2008, 11:17
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Die Zeit drängt: Bis zum Jahresende müssen behördliche Internetauftritte barrierefrei sein - Trotz zahlreicher Maßnahmen herrscht großer Handlungsbedarf

"Zu spät aufgewacht", sind die Behörden Eva Papsts Meinung nach. Vor mittlerweile acht Jahren stellte das World Wide Web Consortium (W3C) Richtlinien zur barrierefreien Gestaltung auf. Genau solange befasst sich die Leiterin des Druckverlags des Wiener Blindeninstituts auch mit dem Thema "Barrierefreies Internet". Umgesetzt werden die Richtlinien der Web Accessibility Initiative bisher nicht ausreichend, findet die Expertin. Doch die Zeit drängt: Laut eGovernment-Gesetz müssen Webangebote aus öffentlicher Hand bis zum Jahresende barrierefrei sein.

Zugänglichkeitsrichtlinien

Die 14 WAI-Richtlinien haben das Ziel, Internet für alle Menschen zugänglich zu machen, mit Berücksichtigung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Die Inhalte sollen so gestaltet werden, dass sie leicht bedienbar und unter anderem für Sehbehinderte lesbar gemacht werden. Die Barrieren könnten schließlich jeden, und nicht nur Behinderte treffen, so Papst: "Es stellt schon eine Barriere dar, wenn man eine Seite nicht mit der Maus bedienen kann, damit haben viele Menschen Probleme, nicht nur körperlich Behinderte."

Web-Angebote müssen demnach so erstellt werden, dass sie sowohl für körperlich Beeinträchtige als auch Menschen mit Sehschwächen navigierbar sind. Für Gehörlose müssen gegebenenfalls Videos mit Gebärden angeboten werden. So müssen etwa laut Richtline 1 "äquivalente Alternativen zu Audio- und visuellen Inhalt" bereit gestellt werden.

Nachholbedarf

Dass die Richtlinien in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union umgesetzt werden, war schon 1999 im Zuge der Initiative eEurope vorgesehen. Das Ziel, bis zum Jahr 2001 barrierefreies Internet in der EU zu etablieren, wurde nicht erreicht. In Österreich wurde mit dem eGovernment-Gesetz im Jahr 2003 ein weiterer Versuch gestartet, Barrieren im Internet zu beseitigen: Laut diesem Gesetz müssen mit 1. Jänner 2008 alle Webangebote aus öffentlicher Hand barrierefrei gestaltet sein.

Das Bundeskanzleramt hat bereits in den Jahren 2002 und 2004 Berichte zur Richtlinien-Umsetzung veröffentlicht - beide mit dem Ergebnis, dass noch großer Handlungsbedarf besteht. Derzeit wird eine weitere Erhebung durchgeführt.

Die Zeit drängt

Dass die Zeit knapp wird, bekommt Expertin Papst in der Praxis zu spüren: Mit Accessible Media betreibt sie eine Anlaufstelle und Informationsplattform für "Barrierefreies Internet": "Wir führen Ersterhebungen über die Usability einer Seite durch, geben Tipps und klären die weitere Vorgangsweise", beschreibt Papst ihre Aufgabe. Die Anfragen seien in den letzten Monaten spürbar gestiegen, was sie auf das Ablaufen der Frist zurückführt: "Das Gesetz ist seit vier Jahren bekannt, aber erst jetzt werden die Anbieter nervös", kritisiert sie.

Auch private Unternehmen müssen umdenken: Laut Behindertengleichstellungsgesetz müssen Vertriebe ihre Websites so gestalten, dass auch Behinderte problemlos Aufträge aufgeben können. Ist das nicht der Fall und kommen die Betroffenen zu Schaden, haben sie die Möglichkeit zu klagen. Martin Ladstätter vom Klagsverband zur Durchsetzung der Rechte von Diskriminierungsopfern bestätigt, dass es in Österreich bereits mehrere Schlichtungsverfahren aufgrund dieser Regel gegeben hat. Auch er bezweifelt, dass das eGovernment-Gesetz von allen Anbietern eingehalten werden kann.

Großes Unwissen über großes Potential

„Es herrscht ein großes Unwissen in der Gesellschaft: Behinderte werden nicht als Kundschaft gesehen“, meint Papst. Dabei würden sich gerade viele Barrieren aus dem Alltag durch Angebote im Internet ausgleichen – etwa dadurch, Behördengänge zu ersparen oder Einkäufe online zu erledigen. Barrierefreies Webdesign sei zwar teurer als normales Webdesign, würde sich jedoch bezahlt machen – nicht zuletzt da sie billiger sind als die Beseitigung von baulichen Barrieren.

Eine barrierefreie Internetseite muss nicht zwingend anders aussehen als "normale" Internetseiten: "Es herrscht das Vorurteil, dass die Optik unter barrierefreiem Webdesign leidet, aber das ist Blödsinn!", betont Eva Papst. Ein gutes Beispiel für eine weitgehend problemlos bedienbare Homepage ist für die Spezialistin help.gv.at. Barrierefrei könne man eine Seite ohnehin nie gestalten, höchstens "barrierearm".

Wie das funktioniert, lernen Studierende im europaweit einzigen akademischen Lehrgang für Barrierefreies Webdesign an der Universität Linz. Der Uni-Lehrgang wurde im Jahr 2005 gestartet, diesen Sommer schließen laut Kerstin Matausch, organisatorische Leiterin, 16 Studierende ab, im Herbst startet der zweite Jahrgang.

Zeitige Planung

Auch wenn bislang nur wenige von der Ausbildung wissen, sieht Matausch großes Potential: "Gerade wegen der gesetzlichen Regelungen wird barrierefreies Internet zum großen Thema, die Nachfrage an SpezialistInnen für barrierefreies Webdesign steigt in den nächsten Jahren sicher stark", prognostiziert sie. Für das Wintersemester haben sich laut Matausch auch Interessenten aus dem Ausland angemeldet.

Dass die eGovernment-Regelung ab 1. Jänner 2008 vollständig umgesetzt ist, bezweifelt Internetexpertin Papst stark: "Wer jetzt zu uns kommt, um sich zu informieren, ist eindeutig zu spät dran." Wer sein Webangebot barrierefrei gestalten will, solle sich mindestens ein halbes Jahr vor der Umsetzung informieren und die Gestaltung planen, rät sie. Auch wenn acht Jahre nach Einführung der Standards noch immer viele Barrieren nicht beseitigt sind, hat für Papst, die vor einigen Jahren vollständig erblindet ist, das Internet einen hohen Stellenwert: "Auf niemanden angewiesen zu sein, wenn man nach Informationen sucht, das ist für mich eine unheimliche Steigerung der Lebensqualität. Das Internet hat mit Sicherheit vielen Menschen mit Behinderungen das Leben einfacher gemacht." (lis/derStandard.at, 30. Mai 2007)

  • Barrieren im Internet betreffen nicht nur behinderte Menschen. Die Zugänglichkeitsrichtlinien sind seit Jahren bekannt, werden aber noch immer zu wenig berücksichtigt.
    montage: derstandard.at

    Barrieren im Internet betreffen nicht nur behinderte Menschen. Die Zugänglichkeitsrichtlinien sind seit Jahren bekannt, werden aber noch immer zu wenig berücksichtigt.

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