Wien hat andere Prioritäten

15. April 2008, 10:44
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Der Life Ball lockt Politiker, aber beim Geld für Aids-Bekämpfung ist die Regierung Österreichs abstinent

Wien - Manchmal hat Gery Keszler ja auch seine Zweifel: Welche Stars zum Life Ball kämen, interessiere das Jahr über mehr als der Grund für den Ball. Als Marketingstrategie, gibt Keszler zu, sei das zwar fein - als Aids-Aktivist ist er darüber aber nicht erbaut. Ganz im Gegenteil: "Die Leute vergessen, worum es geht."

Es geht um drei Millionen Menschen, die allein 2006 an Aids gestorben sind. Um 25 Millionen Tote seit dem Ausbrechen der Krankheit. Um mehr als vier Millionen, die sich 2006 neu mit HIV infiziert haben - zwei Drittel davon in Afrika. "60 TV-Stationen haben sich zum Ball angemeldet", merkte Keszler im Vorfeld des Balles an, "aber ich bin nicht sicher, ob die Message wirklich ankommt."

Eine Million Startgeld

Bei den österreichischen Bundesregierungen jedenfalls nicht: Österreich weigert sich seit Jahren, in den von den Vereinten Nationen gegründeten Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria einzuzahlen. Mehr als sechseinhalb Milliarden US-Dollar haben 53 Staaten seit dessen Gründung 2001 beigetragen. Österreich hat am Beginn eine Million Euro bezahlt. Seither nichts mehr.

"Das ist ganz ungewöhnlich", sagt Christoph Benn, Direktor für Außenbeziehungen des in Genf ansässigen Fonds. "Warum Österreich nicht mitmacht, ist uns schleierhaft."

Österreich ist nämlich das einzige hochindustrialisierte Land, das nichts gibt. Zum Vergleich: Irland zahlte bisher 79 Millionen Euro in den Fonds, Belgien 46, Schweden 32, Norwegen 15, die Schweiz 10. Zweimal hat Benn persönlich im Außenministerium in Wien vorgesprochen, zuletzt im Herbst. "Mir wurde gesagt, dass Aids nicht Priorität bei der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit habe und Österreich sowieso über die EU-Beiträge einzahle."

Frage der Kompetenz

Das ist auch die Begründung, die der Standard auf Anfrage im Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten erhielt: Wasser und Energie seien die Schwerpunkte bei der Entwicklungszusammenarbeit. Man wolle nicht einen neuen Schwerpunkt setzen - ohne die nötige Kompetenz zu haben. Der Haken: Für einen finanziellen Beitrag braucht man keine Kompetenz.

Im Februar lud der Globale Fonds zu einem Vorbereitungstreffen für eine große Geberkonferenz ein, die im September in Berlin stattfinden wird. Das Außenministerium, so Benn, habe nicht einmal auf die Einladung reagiert.

Aber immerhin weist das Budget für 2008 und 2009 aus, dass Österreich je 100.000 Euro an UNAIDS zahlen wird - ebenfalls nach jahrelanger Abstinenz. Und bei der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit mit Äthiopien und Nicaragua werden Gesundheitsprojekte finanziert.

Besser als nichts - aber: Allein der Life Ball bringt höhere Beträge für die internationale Aids-Hilfe ein, als sie die Republik Österreich leistet. 2006 ging die Hälfte des Ball-Reinerlöses von 1,111.163 Euro an Projekte in Österreich, die andere Hälfte an das "Treat Asia"-Programm der American Foundation for Aids Research - die Stiftung der Schauspielerin Sharon Stone.

Schrilles Geld

Schrille Charity-Events und Stars lenken das kurzlebige öffentliche Bewusstsein auf Aids. Einen Durchbruch bei der Bekämpfung der Krankheit auf internationaler Ebene haben aber erst die Geldtöpfe gebracht, die seit rund fünf Jahren medizinische Behandlung auf breiter Basis in den am schwersten getroffenen Ländern ermöglichen. UN-Generalsekretär Kofi Annan regte den Globalen Fonds an, die G8-Staaten beschlossen ihn 2001. Derzeit arbeitet der Fonds mit einem Jahresbudget von rund 2,5 Milliarden Dollar. Der größte Geldgeber sind mit 30 Prozent die USA - aber 55 Prozent der Gelder stammen aus Europa.

Es geht um Vorbeugung

Das Geld fließt zu 40 Prozent in die Behandlung der drei Krankheiten Aids, Tuberkulose und Malaria, zu 60 Prozent in Aufklärung, Prävention und den Aufbau von Gesundheitssystemen. Der Erfolg? "Eineinhalb Millionen Menschen sind am Leben, die sonst tot wären", sagt Benn.

Die USA setzen aber auch darüber hinaus weitaus größere Summen als Europa zur Bekämpfung der Aids-Epidemie ein. Seit 2004 läuft das Pepfar-Programm (President's Emergency Plan for Aids Relief, siehe auch Artikel links), das 15 Milliarden US-Dollar innerhalb von fünf Jahren in 15 Staaten investiert hat - zwölf in Afrika, dazu Guyana, Haiti und Vietnam. Auch Pepfar finanziert Behandlung und Prävention.

Ein Drittel der Pepfar-Gelder geht in Aufklärungsprogramme, die sexuelle Abstinenz propagieren. Fonds-Manager Christoph Benn sieht darin kein Problem. "Wenn ein Land die Finanzierung eines Projektes will, das den USA aus ideologischen Gründen nicht passt, reicht es eben bei uns den Antrag ein."

Gates-Stiftung hilft

Darüber hinaus engagieren sich private Stiftungen bei der HIV/Aids-Bekämpfung. Die Bill & Melinda Gates Foundation zahlt jährlich 100 Millionen Dollar in den Fonds und zieht eigene Programme auf. Etwa ein 258-Millionen-Dollar-Projekt in Indien, das sich hauptsächlich um Sexarbeiterinnen und ihre Kunden kümmert. Und Ex-Präsident Bill Clinton macht mit einer eigenen Aids-Stiftung, CHAI, seinem Nachfolger George W. Bush Konkurrenz.

Und Österreich? Nun, die Republik scheint in den Szenarien für künftige Beiträge für den Fonds der Vereinten Nationen mittlerweile gar nicht mehr auf. Benn: "Weil es sowieso sinnlos ist." (Margarete Endl, DER STANDARD Printausgabe, 26./27./28.5.2007)

  • Herzlichkeiten aus dem Jahr 2006, die sich auch heuer zuerst vor und später im Wiener Rathaus wohl wiederholen werden: Sharon Stone herzt Gery Keszler
    foto: standard/regine hendrich

    Herzlichkeiten aus dem Jahr 2006, die sich auch heuer zuerst vor und später im Wiener Rathaus wohl wiederholen werden: Sharon Stone herzt Gery Keszler

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