Dialektik der Aufklärung

4. Juni 2007, 20:33
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Claudia Erdheim hat eine in die Fiktion projizierte Geschichte ihrer Familie geschrieben und wagt das gar nicht einfache Unternehmen

Bilder wie aus dem gefeierten Film von Wajda, Das gelobte Land, der durch den Stoff des Jahrhundertwendewerkes von Wladislaw Reymont die wilde, unerbittliche und zugleich im Sinne Norbert Elias’ doch "zivilisierende" Modernisierung des östlichen Europas zu illustrieren trachtete, begleiten in der Fantasie der Leser die Lektüre der Seiten, die zum wegweisenden "incipit" im neuen Roman von Claudia Erdheim bestimmt wurden.

In einem der armseligsten Nester Galiziens, des den Habsburgern gehörenden "Königreichs" des Ostens, das man in Wien herablassend "Halbasien" nannte, wird die patriarchalische Ordnung, wo die christlichen Bauern mit den in den benachbarten Stetl wohnhaften Juden die gemeinsame Dürftigkeit teilten, durch die Entdeckung großer Erdölreserven plötzlich auf den Kopf gestellt. Die Energie benötigende kapitalistische Dynamik schafft gleichzeitig mit dem Goldrausch und dem schmutzigen Menschengewimmel um die Ölgruben veränderte Raum- und Zeitperspektiven, aber vor allem neue gesellschaftliche Wertvorstellungen und Hierarchien. Unter den Gewinnern befindet sich auch Moses Hersch Erdheim, der die Zeichen der industriellen Ära früh erkannt hatte und sein bescheidenes Geld mit Bedacht investierte, sodass er wenige Jahre nach der völligen gesetzlichen Gleichstellung der Juden in der Monarchie 1867 ein kleines Vermögen, unter anderem eine Raffinerie besaß.

Ein Jude, der wie eine Mustergestalt aus den pädagogisch-assimilatorischen Prosastücken Karl Emil Franzos’ wirkt: Obwohl er den Sabbat und die Feiertage mit ihrem ganzen Ritual noch respektiert, trägt er während der Woche keinen Kaftan mehr, spottet über die verschiedenen Wunderrabbis des Ostens und lässt sich zusammen mit seiner ebenso Jiddisch sprechenden Frau in Deutsch unterrichten. Denn Deutsch bedeutete für die Juden Mittelosteuropas, die die von der Aufklärung eröffneten und viel versprechenden Wege der Emanzipation gehen wollten, die befreiende Sprache des Fortschritts, die sie in "Deutsche mosaischen Glaubens" verwandeln und sie zu Teilhabern der modernen Kultur machen sollte.

Claudia Erdheim wagt das gar nicht einfache Unternehmen, die in die Fiktion projizierte Historie der eigenen Familie zu schreiben und zu umschreiben, nicht nur weil sie mit einer beeindruckenden historischen Dokumentation souverän umzugehen weiß, sondern auch dank ihres gereiften Bewusstseins über die Art und Weise, wie jene subtile Verflechtung des spezifischen Erfahrungshorizonts des osteuropä-ischen Judentums samt dessen Geistesgeschichte und den sich rasch verändernden sozialen Umständen, die die Modernisierung mit sich brachte, die kollektiven und individuellen Schicksale prägte.

Das überzeugendste Beispiel in diesem Sinne ist die geschickte Einspielung und Handhabung des für den Handlungsverlauf zentralen Motivs der Bildung: Das jüdische Bürgertum des 19. Jahrhunderts, das noch in dem traditionellen Respekt des wiederholten Studiums und Deutens heiliger Schriften erzogen wurde, verstand es, diesen Hang zum Buch zu "säkularisieren", mit anderen Worten, gezielt ihrem assimilatorischen Streben dienstbar zu machen, was allerdings unzählige Statistiken der überproportionierten Präsenz jüdischer Sprösslinge in Schulen und Universitäten Mitteleuropas nach 1870 bezeugen. Moses Hersch Erdheim lässt sich seinerseits von der Illusion der "deutsch-jüdischen Symbiose" berauschen und setzt alles daran, dass seine fünf Söhne deutsche Schulen besuchen und dann auch studieren; den Fleißigen unter denen gelingt es ohne Weiteres, (vermeintlich) prestige- und sicherheitsbringende Akademikerkarrieren zu machen, wobei die anderen, die sich jedoch nicht minder erfolgreich als Geschäftsleute oder Verwalter des Familienvermögens behaupten, sich bemühen, dass wenigstens ihre Kinder den einst vorgegebenen Weg einschlagen. Sie sind alle bereit, den hohen Preis der in den Lehranstalten trainierten gesellschaftlichen Akzeptanz zu zahlen, indem sie vor allem die Selbstisolation aufgeben und ihre jüdische Identität an die Koordinaten des "modernen" Lebens anzupassen versuchen.

Die zweite und dritte Generation der Erdheims, die nach der Auflösung der Monarchie 1918 zu Bürgern mehrerer mitteleuropäischer Staaten geworden sind, sind in den 20er-, 30er- und 40er-Jahren Zeugen einer Geschichtsentwicklung, die ihrem Vernunftethos grob widerspricht, und dennoch bemühen sie sich auf ihre Weise, die Opferrolle nicht widerstandslos zu akzeptieren. Es gelingt der Autorin die große narrative Leistung, in der Erzählung die zwei Geschwindigkeiten der Geschichte, die objektive und die individuell erlebte, miteinander zu verbinden, wobei die Lebensläufe der Personen sowohl als Objekte wie auch als Subjekte des uns heute bekannten Laufs der Geschichte dargestellt werden.

Die Grenzen zwischen dem literarischen Diskurs und dem historischen Zitat sind (außer den extra herausgehobenen Presseauszügen) bewusst verwischt; der Text enthält stets Momente, die zur Schaffung von Authentizitätseffekten gedacht sind, etwa indem man die Wege der Hauptgestalten unmittelbar mit denen einiger Berühmtheiten (Karl Kraus, Freud, Canetti, Paul Lazarsfeld) sich kreuzen lässt, oder durch das entfremdende Spiel mit zeitbedingten Proben typisch bürgerlich-konventioneller Rhetorik, wie sie von den gelegentlich eingefügten, vermutlich echten Familienbriefen überliefert wurde. Narrative Subtilität wird ebenfalls bezeugt, indem die Öffnung der räumlichen Horizonte des Moses Hersch Erdheim und seiner Söhne von der Enge heimischer Stetl bis zu den urbanen Dimensionen von Lemberg oder Wien als symbolisch für den Prozess der Akkulturation und der Aneignung "westlicher" Werte durch das ostjüdische Bürgertum geschildert wird.

Eine gewisse Symmetrie begleitet diese geografische Ausdehnung der Perspektive in den Kapiteln, wo die Episoden der "Endlösung" von Wien bis Zablotow und Drohobycz über Czernowitz und Baia Mare in wachsender dramatischer Spannung wie in einem Mosaik des Gräuels zusammengelegt werden. Die Autorin kennt etwas, was ihre Gestalten (und Vorfahren) freilich nicht gekannt haben, und zwar, dass die Aufklärung, an die diese blind geglaubt haben, "die Wunder der Physik und der Chemie" verherrlichend und träumend, den "kranken" Zustand des "normalen" Menschen heilen zu können, einer Dialektik unterworfen ist, die sie in ein mörderisches Gegenteil verwandeln kann.

Eben nur diejenigen in der Erdheim-Familie, die dank dieser "naiven" Unwissenheit den Geschichtsoptimismus nicht aufgeben haben, behalten die Hoffnung und damit auch die innere Kraft, dem von dem finsteren, wiedererwachten Mythos vorgeschriebenen Schicksal zu entrinnen, das heißt zu überleben. (Andrei Corbea-Hoisie, ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27./28.05.2007)

Andrei Corbea-Hoisie, geboren 1951, ist seit 2005 Botschafter von Rumänien in Österreich. Er studierte Germanistik,Rumänistik und Geschichte und war Professor für Germanistik an zahlreichen europäischen Universitäten. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ist Mitglied des Vorstandes des Internationalen Germanistenverbands und Vizepräsident des Mitteleuropäischen Germanistenverbandes.
  • Claudia Erdheim, "Längst nicht mehr koscher. Die Geschichte einer Familie", € 24,80/417 Seiten. Czernin, Wien 2006.
    buchcover: czernin

    Claudia Erdheim, "Längst nicht mehr koscher. Die Geschichte einer Familie", € 24,80/417 Seiten. Czernin, Wien 2006.

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