"Du wirst schon sehen, ich ruiniere dich"

28. Mai 2007, 16:00
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Das oft notgedrungene berufliche Zusammenle­ben und -arbeiten birgt Konfliktstoff - Psycholo­gin und Mediatorin Andrea Jungbauer-Komarek im derStandard.at-Interview

Die räumliche Einschränkung am Arbeitsplatz berge besonderes Konfliktpotenzial mit Kollegen und Vorgesetzten. "Konflikte können dabei auf emotionaler oder sachlicher Ebene enstehen", erklärt Andrea Jungbauer-Komarek im Gespräch mit Marietta Türk. Sind sie gelöst, bieten sie Anstoß für Veränderung und erhöhen den Selbstwert.

derStandard.at: Was sind die häufigsten Konfliktsituationen im Berufsalltag?

Jungbauer-Komarek: Ganz global geht es oft um Aufstiegschancen, Jobs zu behalten und häufig sind Sympathiefaktoren im Spiel. Man verbringt im Job sehr viel Zeit mit Menschen, die einem persönlich vielleicht nicht besonders liegen. Sehr oft gibt es auch Nichtraucher-Raucherkonflikte. Konfliktpotenzial haben auch verschiedene Arbeitsstile. In der Zusammenarbeit mit anderen kann ich das als tolle Ergänzung sehen oder als starke Belastung. Wenn jemand sehr korrekt ist und der andere die Dinge eher locker nimmt, führt das letztendlich zu Konflikten. Diese Arten von Konflikte, werden meist auf gleicher Hierarchieebene ausgetragen.

Ist zum Beispiel der oder die Vorgesetzte eher locker und der oder die MitarbeiterIn korrekter, wird der Konflikt meist nicht ausgetragen. Ein Vorgesetzter kann sich relativ viel erlauben, der Mitarbeiter wird eher lange nichts sagen. Der kann sich ärgern, ihn kann das stören, aber er ist in einem starken Abhängigkeitsverhältnis.

Weiteres Konfliktpotenzial haben Kompetenzfragen. In vielen Unternehmen ist es nicht klar, wer wem vorgesetzt ist. Das heißt, man muss sich vielleicht von jemanden etwas sagen lassen, von dem man meint, dass er gar nichts zu sagen hat. Da ist dann die Hierarchie in Frage gestellt. Firmenstrukturen, die nicht geklärt sind, führen zu Konflikten.

derStandard.at: Was sind die typischen Konfliktpotenziale bei unterschiedlichen Hierarchieebenen?

Jungbauer-Komarek: Die Frage ist welches Gefühl ich als Vorgesetzter den Mitarbeitern vermittle. Wenn ich vermittle, dass meine Mitarbeiter gut sind und ihnen auf einer menschlichen Ebene gut entgegen komme, dann funktioniert es. Wenn ich aber zeige, dass ich ihnen überlegen bin, der Gescheitere bin, habe ich in den Hierarchieebenen massive Probleme.

derStandard.at: Was sind typische Ursachen für Konflikte?

Jungbauer-Komarek: Die Ursachen kann man grob leicht unterscheiden. Einerseits kann es auf der sachlichen Ebene um Kompetenz gehen, um Wissen um Knowhow. Andererseits gibt es die emotionale Ebene: Antipathie, verschiedene Arbeitsstile, die zu Konflikten führen: Genauigkeit, Kompetenz im Sinne von schlampig oder übergenau arbeiten. Ein Riesenthema ist auch schnell und langsam arbeiten.

derStandard.at: Welche Konfliktpersönlichkeiten unterscheiden Sie?

Jungbauer-Komarek: Grob unterschieden gibt es zwei Konflikttypen. Der Angreifer, der sofort in die Angriffsposition geht und gleich sagt welchen Blödsinn man gemacht hat. Der andere ist der Flüchter, der ausweicht und schaut, dass es möglichst wenig Berührungspunkte gibt. Beides ist in einer Firma nicht möglich: ich kann nicht jemanden massiv angreifen, mit dem ich zusammen arbeite und ich kann auch nicht flüchten, wenn ich mit jemandem zusammen arbeite.

derStandard.at: Was ist das Besondere an Konflikten in der Arbeitswelt?

Jungbauer-Komarek: Die räumliche Enge schürt das Konfliktpotenzial enorm und dadurch entsteht eine Eskalation. Das ist gut zu vergleichen mit Nachbarschaftsverhältnissen. Nachbarn habe ich mir nicht ausgesucht und so suche ich mir auch meine Kollegen nicht aus und auch nicht unbedingt die Mitarbeiter.

Wenn dann ein Konflikt entsteht und mir jemand nicht ganz liegt und sich auch in der Konfliktsituation anders verhält als ich, macht mich das immer mehr wütend. Das eskaliert, geht von kleinen verbalen Ausrutschern und Seitenhieben bis zu psychischer Gewalt, die heißt dann Mobbing: der Versuch den anderen auszugrenzen, ihn aus der Firma zu drängen, ihn in ein schlechtes Licht zu rücken. Aber auch Handgreiflichkeiten, bei denen Kaffe in die Tastatur geschüttet wird, Projekte gestohlen werden kommen vor.

derStandard.at: Sind Ihnen tätliche Übergriffe bei beruflichen Konflikten untergekommen?

Jungbauer-Komarek: Was mir untergekommen ist, ist die Zerstörung oder das Verschwindenlassen vom Projekten. Es kommt vor, dass Patente gestohlen werden oder nicht eingereicht wurden. Da geht es dann auch um viel Geld.

derStandard.at: Konfrontation versus Konfliktvermeidung: wo ist die "gesunde" Grenze?

Jungbauer-Komarek: Flucht und Angriff sind Instinktverhalten. Wenn ich mich bedrängt oder bedroht fühle, muss ich einschätzen können, ob ich besser angreife oder flüchte. Ungesund ist es, wenn die Situation nicht adäquat ist und eine Konfrontation in dem Fall nicht notwendig wäre.

Einer der Punkte wäre weder nach vorne anzugreifen noch nach hinten, sondern stehen zu bleiben. Das ist eine der ersten Übungen dazu. Man sucht sich Leute, die einen unterstützen in der Kommunikation, die nicht hetzen sondern eher sagen: redet, klärt die Dinge. Man sollte sich bewusst werden: Worte findet man nicht so schnell, das braucht Zeit.

derStandard.at: Der Begriff Konflikt ist in der Laiensprache eher negativ besetzt – wo liegen denn die Chancen aber auch die Risiken von Konflikten für ein Unternehmen?

Jungbauer-Komarek: In einem Unternehmen gehören Konflikte immer dazu, weil mehrere Menschen zusammen arbeiten und nicht alles reibungslos ablaufen kann. Konflikte sind auch oft eine Chance etwas zu ändern beziehungsweise etwas zu verbessern.

Es ist aber auch so, dass sich die Firmenleitung nicht um jeden Konflikt kümmern kann. Da liegt eben die Gefahr: bei gewissen Konflikten muss man schauen, dass sie sich von selber lösen und um gewisse Konflikte muss man sich kümmern, sonst entgleisen sie und das zu erkennen ist schwierig. Ein Beispiel: jemand hat einen schlechten Tag und sagt etwas Unbedachtes und verärgert jemanden. Man kann den nächsten Tag abwarten und er entschuldigt sich von selbst. Dann löst sich der Konflikt in Wohlgefallen auf und es braucht keine Intervention von einem Dritten.

derStandard.at: Unterscheiden Sie unterschiedliche Konfliktebenen?

Jungbauer-Komarek: Ich unterscheide eher in der Qualität des Konfliktes. Das beginnt mit einem Wortgefecht und endet extrem ausgedrückt mit Krieg und Tod. Ein Konflikt hat einfach das Potenzial, dass er eskaliert. Das ist auch die Angst vieler, deshalb trauen sie sich auch nichts zu sagen. Man kann einen Konflikt auch deeskalieren, das kann man lernen.

derStandard.at: Wie eskaliert ein Konflikt?

Jungbauer-Komarek: Das ist nicht so, wie es sich viele vorstellen: da passiert etwas und irgendwann geht alles hoch, sondern das ist ganz klar strukturiert. Ein Wortgefecht, das immer lauter wird, dann gibt es zwei verschiedene Arten einen Konflikt auszutragen: mit Schreien, Brüllen, Toben und mit Schweigen und eiskaltem Nichtmehrreden. Das sind typische Muster.

Der nächste Schritt ist, dass man möglich viele Verbündete sucht, die sagen dass der andere schlecht ist, man versucht den anderen schlecht zu machen. Da gibt es dann auch so Sätze wie "Alle sagen über dich..." oder "wir wissen eh alle schon…". Man verallgemeinert dann auch: du bist der Schlechte, ich bin der Gute. Dieses Bild wird mit jeder Eskalation höher. Der Kollege wird immer mehr zum Feind.

Dann kommen sachliche Übergriffe, es werden Gegenstände zerstört oder Schriftstücke, man zeigt Gewalt und wenn das alles nichts nützt, wird gedroht, dann kommt es auch zu körperlichen Übergriffen. Das endet letztlich so, dass man den anderen vernichten möchte, umgelegt auf Betriebe ist das die Vernichtung der Existenz: Schauen, dass der andere den Job verliert und keine Anstellung mehr bekommt, damit verdient er nichts mehr. Mit solchen Drohungen sind natürlich Existenzängste verbunden und die passieren in Unternehmen im Sinne von "Du wirst schon sehen, ich ruiniere dich".

derStandard.at: Was sind unterschwellige Konflikte?

Jungbauer-Komarek: Nicht ausgetragene Konflikte. Meiner Erfahrung nach gibt es branchenspezifisch verschiedene Arten Konflikte auszutragen. In der Baubranche werden die Konflikte eher laut und handfest ausgetragen. Im Ärztekreis werden die Konflikte eher sozusagen hinterrücks ausgetragen, sie gehen nicht direkt in die Konfrontation. Aber das heißt nicht, dass eine Art besser ist als die andere.

derStandard.at: Was ist der Unterschied zwischen Konfliktmanagement und Mediation?

Jungbauer-Komarek: Der Unterschied ist, dass die Mediation eine ganz klare Struktur hat, die Handlungsweise ist ganz klar, da macht man nicht irgendwas und löst irgendwie. Beim Konfliktmanagement sind ganz unterschiedliche Verfahren zusammen gewürfelt, es ist nicht klar, worauf man sich einlässt.

derStandard.at: Was ist das Ziel jeder Konfliktbewältigung?

Jungbauer-Komarek: Aus psychologischer Sicht ist es die Chance eine schwierige Situation zu meistern, das gibt Selbstbewusstsein. Ich erwerbe Ressourcen, wie ich in anderen Konfliktsituationen besser agieren oder helfen kann. Jeder gut gelöste Konflikt ist ja eine Erleichterung und hat etwas durchaus Konstruktives und Positives. Aus mediatorischer Sicht ist das Ziel eine Win-Win-Situation: ich steige optimal aus und mein Partner auch.

derStandard.at: Was versteht man unter Scheinbeilegung?

Jungbauer-Komarek: Scheinbeilegungen sind katastrophal, weil das Problem nicht gelöst ist und immer wieder auftauchen kann. Ein Konflikt ist dann bewältigt, wenn man ihn vergessen kann, das Problem also gelöst ist.

derStandard.at: Was raten Sie konfliktscheuen beziehungsweise konfrontationsfreudigen Menschen in der Arbeitswelt?

Jungbauer-Komarek: Als Psychologin würde ich raten nicht immer gleich auf Konfrontation gehen, weil das am Anfang meist sehr unkontrolliert ist und sehr viel Wirbel in die falsche Richtung erzeugen kann. Bei konfliktscheuen Menschen heißt das Üben - aber in relativ sicherer Umgebung, zum Beispiel bei Freunden oder beim Partner.

  • Zur Person
Andrea Jungbauer-Komarek ist selbständige Arbeits- und Wirtschaftspsychologin in Wien und eingetragene Mediatorin. Sie ist Begründerin der Mediation im Bauwesen. Seit 2004: verschiedene Vorträge, Mediationen und Moderationen und Veröffentlichungen. Jungbauer-Komarek leitet die Berufsgruppe der Wiener PsychologInnen.
    foto: jungbauer-komarek

    Zur Person
    Andrea Jungbauer-Komarek ist selbständige Arbeits- und Wirtschaftspsychologin in Wien und eingetragene Mediatorin. Sie ist Begründerin der Mediation im Bauwesen. Seit 2004: verschiedene Vorträge, Mediationen und Moderationen und Veröffentlichungen. Jungbauer-Komarek leitet die Berufsgruppe der Wiener PsychologInnen.

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