Die Tuareg im dritten Jahrtausend

4. Juni 2007, 12:42
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Internationale Konferenz in Wien: Anthropolog­Innen erörtern soziale, politische und ökonomische Fragen des Sahara-Raums

Wenige Völker wurden, nachdem die europäische Forschung sie im 19. Jahrhundert erst einmal für sich "entdeckt" hatte, so sehr mit romantisierenden Mythen belegt wie die Tuareg im westlichen Sahara-Raum. Weder dieser exotisierende Blickwinkel noch spätere, mildere Formen einer ethnozentrischen Betrachtungsweise werden jedoch der konkreten Situation der Menschen, die zum Großteil auf dem Gebiet der heutigen Staaten Mali, Niger, Algerien und Libyen leben, gerecht: denn auch sie sind auf vielfältige Weise in die globalisierte Welt der Gegenwart eingebunden.

Aspekte eines breiten Themenfelds

'Tuareg' Moving Global ist daher der Titel einer internationalen Konferenz, die von 31. Mai bis 2. Juni an der Wiener Akademie der Wissenschaften stattfindet. Fachgrößen wie André Bourgeot, Jeremy Keenan, Gerd Spittler oder Georg Klute widmen sich einer breiten Palette von Aspekten: Vom Thema Sklaverei über die problematische rechtliche Lage von Menschen, die willkürlich gezogene Staatsgrenzen überschreiten müssen, um ihrer traditionellen Lebensweise nachgehen zu können - bis zur Aufsplitterung ebendieser Tradition in eine ganze Reihe von Lebensstilen zwischen Sesshaftigkeit und verschiedenen Formen des Nomadismus.

Zu einem wichtigen äußeren Einfluss ist der Tourismus geworden - damit ist ein Wirtschaftszweig entstanden, in dem Tuareg-Familienunternehmen eine aktive Rolle spielen. Aus diesen hat sich eine neue gesellschaftliche Schicht entwickelt, die zugleich zu einer Vermittlungsinstanz zwischen der globalen Wirtschaft und auf traditionelle Weise lebenden Tuareg geworden ist. - Und der wirtschaftliche Vektor kann auch umgekehrt verlaufen, nämlich von der lokalen hinaus auf die globale Ebene, wie die musikalische Erfolgsgeschichte der Tuareg-Band Tinariwen zeigt - auch sie Thema eines Vortrags auf der Konferenz.

Globale Politik und regionale Auswirkungen

Globalpolitische Faktoren spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle: Liegt der Lebensraum der Tuareg doch auf großen Transitrouten von MigrantInnen aus dem Subsahara-Raum Richtung Europa. - Und auch der amerikanische "War on Terror", durchgeführt vor allem mit dem Verbündeten Algerien, hat in der Region seine Spuren hinterlassen.

... all diese Aspekte illustrieren einmal mehr, dass es vor der wachsenden globalen Vernetzung keine totale Abschottung mehr geben kann. Wie sich dieser allgemeine Transformationsprozess im speziellen auf die Tuareg auswirkt, ist das Generalthema der von Ines Kohl von der Forschungsstelle Sozialanthropologie und Anja Fischer von der Uni Wien organisierten Konferenz. Sie ist der Startschuss für künftig jährlich stattfindende Tagungen, mit denen Wien als ein neues europäisches Zentrum der Tuaregforschung etabliert werden soll. (red)

'Tuareg' Moving Global: Social Anthropoligal Aspects of Saharian Life in Transition: 31. Mai – 2. Juni 2007, Akademie der Wissenschaften, Dr. Ignaz-Seipel Platz 2, 1010 Wien

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Forschungsstelle Sozialanthropologie
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    foto: ines kohl
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