Engelhirten für Roboterherden

4. August 2000, 08:59

... und die sichere Geldanlage obendrauf. Vierter und letzter Teil der Serie über Engel und Sterbliche.

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Foto: Sorin Solomon Sorin Solomons Homepage

Teil 1:
Engel, Evolution und Einfachheit


Teil 2:
Das Leben ist zweidimensionaler organisiert als gedacht


Teil 3:
Aids, die Ursuppe und das perfekte Genom

Im abschließenden Teil unserer Mini-Serie verlassen wir die Biologie. Sorin Solomon hat es sich nicht nehmen lassen, sein mathematisches Modell auch auf andere Disziplinen zu projizieren - als Beispiele zieht er Wirtschaft und Robotik heran. Zu welchen Schlüssen er dabei kommt, lesen Sie nun.

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1) Alles wird immer mehr - auch das Geld?

Wir erinnern uns: Solomons Spiel-Szenario ergab (zumindest im zweidimensionalen Bereich) als Resultat immer, dass die "Sterblichen" überleben, sich vermehren und gedeihen. Und das, obwohl ihre Existenz von der Begegnung mit "Engeln" ( = günstigen Faktoren) abhängt - die ihrerseits nur selten und weit über das Spielfeld verstreut auftreten.

Dieses erfreuliche Ergebnis projiziert Solomon nun auch auf die Wirtschaft: Man stelle sich das Spielfeld als Anordnung von Investment-Möglichkeiten vor - wobei die Engel in diesem Fall die profitträchtigen darstellen. Um deren Positionen scharen sich die Geldscheine wie im Ausgangs-Szenario die Tiere - und wenn sie direkt auf einen Engel treffen, dann - wiederum in Analogie zum Vorherigen - vermehren sie sich ... In den Lücken zwischen den profitablen Investment-Möglichkeiten verkommt das Geld hingegen. Um es noch einmal zu betonen: dahinter steckt kein Plan, keine Absicht, keine Strategie. Das Geld vermehrt sich ausschließlich durch den mathematischen Effekt, dass es in guten Investitionen multipliziert und in schlechten reduziert wird. Solomons Folgerung: Eigentlich sind gewiefte Investoren unnötig, die Finanzmärkte würden auch ohne sie prosperieren.

Zu weit gedacht? Vielleicht. Vor allem ging Solomon nicht darauf ein, ob es sich beim Investment-Feld - um seine Terminologie zu gebrauchen - um ein zweidimensionales oder ein dreidimensionales Spielfeld handelt; und in einem dreidimensionalen geht, wie wir aus Teil 2 wissen, seine Rechnung ja nicht auf. Aber denjenigen, die schon den Grundgedanken für absurd halten, sei eine Studie aus dem heurigen Jahr ans Herz gelegt, die zum befremdlichen Ergebnis gekommen ist, dass blutige Laien bei Aktien-Investitionen im Durchschnitt mehr Profit erwirtschaften als professionelle Investoren. "Reduktion der Entscheidungsvaribalen" lautet auch hier die Zauberformel.

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2) Intelligentes Handeln erfordert keine Intelligenz.

Auch diese (zweischneidige) Erkenntnis folgt aus Solomons Planspiel. Simple Interaktionen noch simplerer Spielfiguren ergeben ein Gesamtmuster, das dem Ergebnis intelligenten Handelns entspricht - und den falschen Eindruck erweckt, irgendeine Über-Intelligenz ziehe im Hintergrund die Fäden. Aber die braucht keiner: Komplexes entsteht aus dem Allereinfachsten.

Der Kybernetiker Chris Melhuish handelt ganz im Geiste Solomons, wenn er sich die Organisation von Insektenstaaten als Vorbild für eine neue Generation von Robotern nimmt, welche den Trend zu mehr Intelligenz, mehr Eigenständigkeit und mehr "Menschlichkeit" bewusst umkehrt und durch kollektives dezentralisiertes Handeln ersetzt. In einem bereits berühmt gewordenen Experiment hat er Robot-Drohnen nur mit einfachsten Befehlen ("vorwärtsbewegen, an Hindernissen abstoppen und Objekte von bestimmter Farbe, die auf dem Weg liegen, vor sich herschieben") ausgestattet. In eine Arena gesetzt, in der eine Reihe von verschiedenfarbigen Objekten chaotisch verteilt herum lagen, schufen die geistlosen Drohnen in kürzester Zeit farbliche Ordnung - ohne irgendeine weitere Information dazu erhalten zu erhaben.

Foto: Melhuish

Die Vorteile solch "dummer" Roboter, die dennoch "intelligente" Ergebnisse erbringen, liegen auf der Hand: Man spart Kosten, wenn man die Roboter so simpel wie möglich konstruiert - und weniger schadensanfällig sind sie durch ihre vereinfachte Bauweise auch. Trotzdem braucht es keine hochentwickelten Steuereinheiten, die die Drohnen lenken - das hätte das Konstruktionsproblem ja nur aus den Einheiten ausgelagert, nicht gelöst. Und überdies wären solche Steuereinheiten ab einer gewissen Drohnenzahl schlicht und einfach mit ihrer Lenkungsaufgabe überfordert. Niemand lenkt die Interaktion (so ernüchternd oder beängstigend dieser Gedanke manchen auch erscheinen mag) - sie erhält sich ganz von selbst aufrecht.

Auf Solomons Planspiel übertragen: Diese Roboterherden könnten nun etwas komplexere "Engel"-Einheiten umschwärmen - die den Roboter freilich keine Anweisungen erteilen, sondern sie lediglich mit Energie, Reparaturgelegenheiten und ähnlichem versorgen. Und ihnen damit kurz gesagt wie in allen vorangegangenen Szenarios das Überleben ermöglichen. Die Kosten blieben gering - denn von den teureren Engeln gäbe es nur sehr wenige - und die dummen Sterblichen könnten in der Tat sehr dumm sein.

Ende der Serie. Autor des Original-Artikels, auf dem sie beruht, ist Michael Brooks.

(red)

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    grafik: derstandard.at
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