Streit im Erdbeerwunderland

20. April 2008, 18:30
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Streitlustig schlüpfen drei koreanische Koreanerinnen in immer neue Rollen: "Songs of the Dragons flying to Heaven" im dietheater

Wien - Eine junge Asiatin mit Stirnfransen und rosa bedrucktem T-Shirt stellt sich fröhlich auf die Bühne und schimpft und flucht mit dem reizendsten Kleinemädchenlächeln über Asiaten, Weiße, Rassisten, das Publikum.

Die Figur heißt "amerikanische Koreanerin", sie ist verärgert, platzt nahezu vor Wut nicht nur gegenüber rassistischen Weißen, sondern genauso auf Minderheiten, Traditionsdenken wie Modernismus. Young Jean Lees am Freitag im Wiener dietheater als Festwochen-Kooperation international präsentiertes Songs of the Dragons flying to Heaven, quasi ein Versuch identitätspolitischer Wahrheitsfindung, lebt genau davon: intensivste, bedingungslose Verurteilung oder Glorifizierung von allem oder nichts.

Drei koreanische Koreanerinnen treten in traditioneller Kleidung auf, streitlustig schlüpfen sie in immer neue Rollen, hetzen ständigen Richtungswechseln hinterher und lassen sich zurückdrängen von einem ebenfalls streitenden weißen Paar, welches das Spiel an sich reißt und fortan bestimmt.

Die New Yorker Theatermacherin Lee arbeitet mit Spott, Extremen, Widersprüchlichkeit - was auch immer gesagt wird, kann umgehend widerlegt, ins Gegenteil verkehrt werden. Sie enthebt alles Geschehen jeglichen Kontextes von Realität und Ratio.

Reger Gleichmut

Da geht es nicht um Überzeugungen, sondern um eine nahezu nudistische Aufrichtigkeit auf dem Fundament grundsätzlicher Gleichgültigkeit. Die Wahrheitssuche heißt: Man finde ein Thema, verfechte es heißblütig und ändere sodann schnell wieder die Meinung. Auf diese Art wird eine enorme Anzahl an Motiven dargestellt. Feminismus, Ethnien, Welthierarchie, Lebensträume - dass all das oft nur kurz angespielt wird, stört gar nicht. Vielmehr untermauert es den Grundsatz hinter "Songs of the Dragons flying to Heaven": dass die Kraft nicht aus der Fülle geschöpft wird, sondern aus dem Chaos - aus dem Nichts heraus entsteht Glückssuche, Lebenslösungen der Zivilisation werden gefunden.

Wohin das führt? Ins Erdbeerwunderland. Egal, ob dort wirklich alles besser ist. Es geht um Pose und Prinzip. Ein großartiger Gegensatz zu einer glücksleeren Welt! (Isabella Hager/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 5. 2007)

Letzte Vorstellung am Montag, 20.00 Uhr
  • Artikelbild
    foto: festwochen/carl skutsch
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