"Männer fühlen sich vorgeführt"

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    Klappt es mit dem Besuchsrecht nicht, machen viele Väter mehr Druck als zuträglich, oder sie resignieren - Männer sollten den Wunsch, ihre Kinder zu sehen, gewaltfrei äußern, sagt der Paarberater Gottfried Kühbauer

    STANDARD: Was bringt Väter dazu, den Kontakt zu ihren Kindern abzubrechen?

    Kühbauer: Die Frage ist immer, wer bricht warum ab. Wenn der Vater abbricht, ist der Grund häufig eine starke Beziehungslosigkeit zum Kind und zur Kindesmutter. Oder die Mutter ist nicht an einem weiteren Kontakt interessiert. Wenn die Beziehung zwischen den Eltern sehr belastet ist, wird als Revanche für Erlittenes der Kontakt zum Kind zumindestens erschwert. Abbruch durch die Kinder passiert meist aus Loyalitätsgefühlen zu dem Elternteil, bei dem sie leben.

    STANDARD: Bricht der Kontakt nicht oft ab, wenn ein Elternteil einen neuen Partner hat?

    Kühbauer: Männer, die ihre Vaterschaft aktiv leben wollen, werden dadurch nicht unbedingt beeinflusst. Meistens hat ein neuer Partner Einfluss auf die Beziehung zwischen den Elternteilen. Irgendwer ist am Anfang immer gekränkt. Dann kommen oft Forderungen wie "Du darfst die Kinder nur haben, wenn sie deine neue Partnerin nicht sehen". Je emotionaler, je gekränkter, umso schwieriger wird die Kommunikation. Entstehende Ängste, durch einen neuen Partner des Expartners als Mutter oder Vater ersetzt zu werden, muss derjenige ausräumen, der in eine neue Beziehung eintritt.

    STANDARD: Wie kann man eine verfahrene Situation wieder knacken?

    Kühbauer: Wenn alle Stricke reißen, fühlt sich die betroffene Person dieser Situation völlig ausgeliefert. Man kann ja den anderen nicht zu Kontakt zwingen, auch wenn das Gesetz ein Mindestmaß an Information vorschreibt. Ich lasse Klienten oft Briefe an den Expartner verfassen, die in einer ganz anderen Diktion gehalten sind, als die Kränkungen in den Gesprächen davor, um die Kommunikation neu zu beginnen. Auf der pragmatischen Ebene versuche ich zu vermitteln, dass man durch einen anderen Elternteil, der sich gut um das Kind kümmert, sehr entlastet wird. Darüber hinaus hilft, wenn beide dazu bereit sind, vor allem Mediation.

    STANDARD:Wie schildern Männer den Kontaktabbruch?

    Kühbauer: Es beginnt schleichend. Zuerst gibt es Kontakt. Dann klappt es hin und wieder nicht, es wird gestritten. Dann will der Vater das Kind holen und steht vor verschlossener Tür. Oder die Oma macht auf und sagt, das Kind sei krank und er muss wieder gehen, ohne sein Kind gesehen zu haben. Die Männer fühlen sich vorgeführt, gekränkt. Dann machen viele Druck, was natürlich kontraproduktiv ist, und je mehr sie kämpfen, umso eher wird das gegen die Männer ausgelegt. Natürlich gehen manche in einer Weise vor, die man nicht unterstützen kann. Mit dieser Ohnmacht müssen die Männer lernen umzugehen. Weil sie dazu neigen, noch mehr Druck zu machen oder zu resignieren.

    STANDARD: Das heißt, die Ressentiments des anderen Elternteils bestätigen sich.

    Kühbauer: Genau. Ich rate den Männern, die keinen Kontakt zu ihren Kindern haben, so zu tun, als wäre dieser aufrecht. Das heißt, zum Geburtstag, zu Weihnachten Geschenke zu schicken, Briefe zu schreiben, zu versuchen, das Kind telefonisch zu erreichen. Und auch der Mutter offensiv, aber gewaltfrei zu sagen, dass man gerne Kontakt hätte. Die Männer dokumentieren oft penibel, wann sie Geschenke geschickt oder geschrieben haben. Um dem Kind einmal die Antwort darauf geben zu können, wenn es fragt: "Warum hast du dich nicht um mich gekümmert?"

    STANDARD: Die meisten Kinder suchen von sich aus Kontakt?

    Kühbauer: Spätestens in der Pubertät. Weil Kontaktabbruch für Kinder eine der größten Kränkungen ist und sie die "Warum-Frage" stellen wollen. Aber es gibt auch genug Männer, die sich nichts pfeifen, die kein Problem damit haben, den Unterhalt nicht zu bezahlen. Diese Männer hatten meist selbst Väter, die distanziert waren, und diese Söhne spielen das Muster dann als Väter weiter.

    STANDARD:Aber die Väter der neuen Generation wollen doch sicher auch nach einer Trennung ihre Vaterrolle leben.

    Kühbauer: Ganz sicher, diese Männer werden immer mehr. Auch die Botschaft der gemeinsamen Obsorge heißt ja, dass beide Elternteile sich zuständig fühlen und sich kümmern wollen. Ein aktiver, liebevoller Vater zu sein ist nicht mehr mit einem Outing behaftet. 30 Jahre Frauenbewegung und die neue Männersozialisation haben viel bewirkt. (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD-Printausgabe, 19./20.04.2007)

    Zur Person:

    Gottfried Kühbauer (Jg. 1950), ist Lebens- und Sozialberater, Paarberater, Mediator und leitet das "Institut für umfassende Trennungs- und Scheidungsbegleitung".

    Link:

    Website Gottfried Kühbauer

    • Gottfried Kühbauer: Männer müssen lernen, mit Ohnmacht umzugehen
      foto: oeit

      Gottfried Kühbauer: Männer müssen lernen, mit Ohnmacht umzugehen

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