Buchautor Stella im STANDARD-Interview: "Italienern fehlt es an Staatsgefühl"

11. Juni 2007, 13:02
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Den Bürgern Italiens sage das Staatsganze nichts – auch weil die Kirche den Staat lange desavouiert habe, meint der "Corriere"-Journalist

Standard: Herr Stella, ein ös-terreichischer Leser erhält bei Durchsicht ihres Buches vermutlich den Eindruck, dass Sie kein EU-Land beschreiben.

Stella: Ja, leider. Das ist traurig, aber nicht zu leugnen. Ein kompliziertes Land, das es ertragen muss, von einer unersättlichen Kaste ausgeplündert zu werden. Einer der Gründe dafür liegt im mangelnden Staatsgefühl der Italiener. Sie haben eine starke Bindung zu ihrer Heimatgemeinde, aber der Staat ist für sie immer ein Fremdkörper geblieben. Daran trägt die Kirche eine wesentliche Mitschuld, die nach dem Fall des Kirchenstaats und der Einigung Italiens alles getan hat, um das neue Staatswesen zu verunglimpfen.

Standard: Warum konnte sich die "selbstgefällige Kaste", deren Privilegien Sie anschaulich schildern, in der italienischen Gesellschaft so breitmachen?

Stella: Dazu hat auch der Werteverfall beigetragen. Die Politik des Landes war lange von den gegensätzlichen Weltanschauungen der Christdemokraten und Kommunisten geprägt. Mit dem Ende der Ideologien und dem Untergang der mächtigen Democrazia Cristiana ist das politische System zusammengebrochen.

Dieses Vakuum hat eine neue Politikerklasse zur Machtergreifung genutzt. Der Aufstieg Silvio Berlusconis verkörperte bildhaft einen neuen Typus, dem es nicht um das Gemeinwohl, sondern vordringlich um eigene Interessen geht.

Standard: Warum ist es auch einem integren Präsidenten wie Carlo Azeglio Ciampi in sieben Jahren nicht gelungen, den unglaublichen Personalstand und die Kosten des Quirinalspalastes zu reduzieren?

Stella: Für Ciampi hatten andere Anliegen Vorrang. Die Versöhnung der Italiener, die Vaterlandsliebe, die Überwindung der Nord-Süd-Gegensätze. Er hat zwar sein eigenes Gehalt reduziert, aber im Quirinal hat er den Funktionären leider freie Hand gelassen.

Standard: Letzte Woche wurde in Italien die fünfte Linkspartei gegründet. Wohin führt diese Entwicklung?

Stella: Es ist absolut verrückt. Jeder will in Italien seine persönliche Partei. Kleinparteien wie jene von Alessandra Mussolini oder die Kommunisten von Oliviero Diliberto haben nach meiner Auffassung nichts mit demokratischem Pluralismus zu tun. Doch die Einführung einer vernünftigen Sperrklausel wird gerade von diesen Parteien erbittert bekämpft.

Die Lage ist entmutigend: Die Linke ist enttäuscht und zerstritten, die Lega Nord hat in zehn Jahren kein einziges ihrer Ziele erreicht, das katholische Lager ist tief gespalten und der kommunistische Kammerpräsident Fausto Bertinotti nutzt ein Staatsmaschine, um auf ein Privatfest nach Paris zu fliegen.

Standard: Ministerpräsident Prodi hat jetzt eine Senkung der explodierenden Kosten für die Politik angekündigt. Glauben Sie an die Reformierbarkeit dieses Systems?

Stella: Nein. Ich glaube vor allem nicht daran, dass dieses perverse System von innen reformiert werden kann. Die vielen Nutznießer haben ja daran kein Interesse. Nur ein traumatischer Schock könnte zu einer Reform führen. Doch der ist nicht in Sicht. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.5.2007)

  • Zur Person: Der "Corriere"-Journalist Gian Antonio Stella (53) ist Verfasser zahlreicher Sachbücher und eines Romans. Er gehört zu den meistgelesenen Autoren Italiens.
    foto: stella

    Zur Person: Der "Corriere"-Journalist Gian Antonio Stella (53) ist Verfasser zahlreicher Sachbücher und eines Romans. Er gehört zu den meistgelesenen Autoren Italiens.

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