Beziehungskrise(n) für alle!

20. April 2008, 18:30
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Film und Fernsehen vertheatern, aber clever! – Auch Ivo van Hoves Inszenierung von Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" folgt diesem mäßig ergiebigen Trend

Wien – "Es gibt über die Jahre hinweg keine Gleichheit in der Art der Kaputtheit von Familien, das erneuert sich wirklich mindestens alle zehn Jahre, wie genau der Horror ausschaut, dem Ehe und Familie unterliegen." – Der deutsche Schriftsteller Rainald Goetz in seinem grandiosen Blog KLAGE auf Vanity Fair.

Goetz bezog sich dabei auf eine aktualisierende Inszenierung der Katze auf dem heißen Blechdach und befand völlig zu Recht: "Nie wieder wird es eine geldgroßbürgerliche Lebenswelt und Familienkultur geben, wie hier im US-amerikanischen Süden der 50er Jahre. Und genau weil der Text der Dialoge von Tennessee Williams wie eine Zeitsonde in dieses Damals führt, ist das Stück interessant."

Genau daran mochte man bei der Wiener Festwochen-Premiere von Szenen einer Ehe denken. Eine Zeitsonde (und dabei von durchaus dokumentarischem Reiz) ist auch Ingmar Bergmans TV-Serie aus dem Jahr 1973, die dieser Inszenierung des belgischen Regisseurs Ivo van Hove und der Toneelgroup Amsterdam zugrunde liegt: Was Liv Ullman und Erland Josephson sich da gegenseitig an Verletzungen zufügen, an welchen Definitionen von Partnerschaft sie leiden und was ihnen Bergman an zum Teil sehr didaktischen Paartherapie-Dialogen auf den Leib schrieb – das alles ist ohne spezifisches Zeitkolorit bestenfalls spekulativ ("Ehehölle!") abspulbar. Relevanz und Kraft bezieht es aber aus einem sehr zeitgebundenen gesellschaftlichen Zusammenhang, aus Verdrängungs- und Vermittlungsmustern, die sich ganz spezifischer Argumente und Floskeln bedienten – wobei man berücksichtigen sollte, was das in den 70er-Jahren bedeutete: mit deprimierenden Close-ups verquälter Kleinbürgermienen ein Millionenpublikum zu faszinieren.

Beengtheiten

Kurz: Man bewegt sich mit einem Stoff wie diesem auf dem Terrain des Kostümmelodrams. So, wie zum Beispiel Henry James’ Figuren sehr wesentlich aus den Korsetten zu begreifen sind, die sie im 19. Jahrhundert beengen, sind Bergmans Protagonisten Marianne und Johann ohne ihr konkretes Umfeld und ohne die damit verbundenen Zwänge nicht "lesbar". Dieser Mangel, der im Theater derzeit gerne mit der Behauptung einhergeht, man erschließe für die Bühne immerhin neue und – wie hip! – "filmische" Stoffe: Er zieht sich von Beginn an durch van Hoves Inszenierung, an der man auch vortrefflich den Unterschied zwischen klug und clever belegen kann.

Klug (aber vielleicht nicht hip genug) wäre es, mit adäquaten Darstellern und einer sorgfältigen Strichfassung reale Verhältnisse abzubilden, aus denen man dann immer noch allgemeinere Erkenntnisse ableiten könnte. Clever hingegen ist es, die Beteiligten und das Publikum erst gar nicht mit Hintergründen und sonstigem Ballast zu überfordern – sondern einfach einmal zu behaupten: Ab jetzt alles anders! Es wird also in der ersten Hälfte des mit einer Gesamtdauer von vier Stunden durchaus überlangen Abends das Publikum in drei Gruppen aufgeteilt. Jeder dieser Gruppen wird in einer kreisrunden Bühnensituation ein Segment, eine Szene zugewiesen, von der aus man sich schließlich im Uhrzeigersinn weiter durch die Szenen einer Ehe bewegt.

Viel Lärm um wenig

In jeder der drei Szenen werden Marianne und Johann von anderen Schauspielern verkörpert (was wohl signalisieren soll, dass ihre Krise auf viele, um nicht zu sagen: alle, übertragbar wäre). Und weil in einer billigen Sperrholzkonstruktion der Lärm aus den jeweils anderen Szenen herüberbrandet, ergibt sich noch ein weiterer "Bonus": Man kann sich nur bedingt darauf konzentrieren, was denn da jeweils gespielt, geschimpft und geredet wird. Stattdessen wird manch einem vielleicht zum ersten Mal bewusst, dass das alles "gemacht", also "künstlich!" ist. Und wenn die Schauspieler ihre Szene, sobald eine Gruppe/Karawane vorbeigezogen ist, wieder von Neuem beginnen (ziemlich hölzern übrigens, was auch an mangelnder Gewöhnung an die deutsche Sprache liegen kann), darf man sich fragen, ob nicht das Theater sich überhaupt fortwährend wiederholen muss, wie auch das Leben, und so weiter und so fort.

Mochten nun in der Pause Teile des Publikums sich noch anerkennend darüber austauschen, wie originell dieses Konzept doch sei, so folgte in der zweiten Hälfte ein böses Erwachen. Oder nein, richtiger: lähmende Müdigkeit.

Zum zirzensischen Kreisrund hat sich die Bühne geöffnet, um die nun alle Besucher herumsitzend die letzten Kämpfe von Raubtieren beobachten durften, denen offenbar der Dompteur abhanden gekommen ist. Dreimal Marianne gegen dreimal Johann, drei Ehen (in) einer Szene sozusagen, es wird gekeift und gerauft und es werden Scheidungsurkunden zerfetzt, bis am Ende eine Tochter ihre Mutter – "Gut, dass wir endlich miteinander reden!" – fragt, warum man früher mit der Institution Ehe besser leben konnte, und ein Mann zu seiner Ex-Frau sagen darf: Er könne nicht anders, er sei halt ein ewiges Kind. Na ja, nicht alles aus der Feder von Ingmar Bergman ist großartig ...

Bereits im Vorjahr scheiterte Ivo van Hove bei den Festwochen mit dem Unterfangen, John Cassavetes’ Film Faces zu dramatisieren. Hier bewegt er sich einmal mehr auf der Höhe einer Zeit, die mit mittleren Lagen und entsprechend kurzem Anlauf ihr Auslangen findet. Früher spöttelte man im Konfektions-Kino entlang literarischer Vorlagen mitunter, dass das ein treffender Ausdruck sei: ein Buch ver-filmen. Und jetzt? Jetzt werden halt Filme ver-theatert ... (Claus Philipp/ DER STANDARD, Printausgabe, 15.05.2007)

Weitere Aufführungen in der Halle E im Museumsquartier am 15., 16. und 17. Mai.
  • Lebensabschnittspartner im Zwielicht: Hadewych Minis (li.) und Roeland Fernhout (re.) in Ivo van Hoves Bearbeitung von Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe".
    foto: festwochen/van der burght

    Lebensabschnittspartner im Zwielicht: Hadewych Minis (li.) und Roeland Fernhout (re.) in Ivo van Hoves Bearbeitung von Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe".

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