Akupunktur - Wenn die Lunge im Ohr liegt

19. Dezember 2007, 14:42
35 Postings

Die Ohrakupuntur kann aufhörwilligen Rauchern eine Unterstützung sein - Michaela Bijak erklärt im derStandard.at- Interview wie Rauchentwöhnung mit Nadeln funktioniert

"Lunge", "Hunger", "Sonne", "Antiaggression" - das sind die Punkte, die bei der Ohrakupunktur zur Rauchentwöhnung gestochen werden. "Aber es kommt immer auf den festen Willen an", betont Michaela Bijak, Ärztin für Allgemeinmedizin mit Akupunkturdiplom im Gespräch mit Marietta Türk. Wissenschaftlich ist die Wirkung der Akupunktur bei der Rauchentwöhnung nicht nachgewiesen, helfen kann sie trotzdem.

derStandard.at Welche Formen der Akupunktur werden bei der Raucherentwöhnung angewandt?

Bijak Hauptsächlich kommt die Ohrakupunktur zur Anwendung. Es kommen sowohl Dauernadeln als auch normale Körpernadeln in Frage. Das mache ich hauptsächlich vom Patienten abhängig. Dauernadeln bleiben mehrere Tage bis maximal zwei Wochen im Ohr - wenn der Patient damit einverstanden ist, bevorzuge ich diese Form. Es gibt aber auch eine sehr wirkungsvolle Methode mit Körpernadeln zur Suchttherapie, da müsste dann aber mehrmals pro Woche therapiert werden. Die Liegedauer der Nadeln beträgt dann 45 Minuten.

Leider hören viele Patienten mit dem Rauchen erst auf, wenn schon Symptome wie Raucherhusten oder Durchblutungsstörungen eingetreten sind. Diese lassen sich dann mit traditioneller Körperakupunktur im Sinne der Traditionellen Chinesischen Medizin mitbehandeln.

derStandard.at Warum wird bei der Suchtentwöhnung generell die Ohrakupunktur eingesetzt?

Bijak Wegen der engen Verbindung zum Gehirn setzt eine rasche Information ein. Außerdem lässt sich der ganze Körper im Ohr repräsentiert darstellen und damit auch beeinflussen. Zusätzlich sind eine ganze Reihe von psychisch wirksamen Punkten bekannt.

derStandard.at: Was genau geschieht bei der Akupunktur zur Rauchentwöhnung?

Bijak Aus der Embryologie heraus besteht eine sehr enge Verbindung von Ohr und Gehirn. Beim Einstechen der Nadel in die entsprechenden Ohrstellen wird eine Information direkt an das Gehirn gesendet und je nach gestochenem Punkt verschiedene Organe angesprochen. So verwende ich gerne den Punkt "Lunge" im Ohr, um eine bessere Durchblutung der Lunge zu erreichen.

Oft passiert es dann, dass die nächste gerauchte Zigarette nicht mehr "schmeckt". Außerdem gibt es psychisch ausgleichend wirksame Punkte im Ohr, wie zum Beispiel den Punkt der Begierde, den Antiaggressionspunkt und die "Sonne", um die Unlustgefühle, die beim Verzicht auf die gewohnte Zigarette entstehen, zu mildern.

derStandard.at: Laut wissenschaftlichen Studien hat die Akupunktur keine signifikant erfolgreichere Wirkung als der reine Entschluss, das Rauchen zu beenden. Warum kann sie dennoch hilfreich beim Entwöhnungsprozess sein?

Bijak: Wenn man mit dem Rauchen aufhören möchte, treten sehr häufig Unlustgefühle auf. Schafft man es durch Ablenkung oder reine Willenskraft, diese psychovegetativen Erscheinungen zu managen, umso besser. Aber viele Menschen brauchen eine Unterstützung im Sinne einer Stimmungsaufhellung oder zur Beruhigung, je nach dem, und hier kann die Akupunktur ansetzen. Der Wille zum Entzug muss aber auf alle Fälle gegeben sein.

Optimal ist es, wenn der Patient schon bei der ersten Behandlung versucht hat, zumindest einen Tag nicht zu rauchen. Dann können die schon vorhandenen psychischen Probleme sofort gebessert werden. Der Betroffene muss dann nicht mehr wieder zur Zigarette greifen um sich zu entspannen und der Teufelskreis wird durchbrochen.

derStandard.at: Wo ist der Platz der Akupunktur bei der Einbindung in ein ganzes Behandlungskonzept zur Rauchentwöhnung?

Bijak: In einem Anamnesegespräch werden zunächst einmal das bisherige Rauchverhalten und schon bisher durchgeführte Versuche zum Entzug eruiert und auch eventuell schon vorhandene gesundheitliche Probleme angesprochen. Der Betroffene wird von mir noch sehr bestärkt in seinem Entschluss mit dem Rauchen aufzuhören und ich weise gezielt noch einmal auf alle die gesundheitlichen Folgen hin, die das Weiterrauchen mit sich bringen würde.

Die Wirkung der Akupunktur soll dann den gewünschten Entspannungseffekt bringen, die Unruhe mildern oder auch dazu beitragen mit Stress besser umgehen zu können. Erfahrungsgemäß wirkt die Akupunktur auf so genannte Neurotransmitter, die im Gehirn erzeugt werden und den entspannungs- und durchblutungsfördernden Effekt bewirken. Da auch die Tätigkeit des "Rauchens an sich" wegfällt, wissen viele Menschen dann nicht, was sie mit ihren Händen anfangen sollen. So zeige ich den Menschen auch einige isometrische Übungen, die einerseits die Hände beschäftigen sollen, andererseits auch zur Entspannung beitragen.

derStandard.at: Welche konkreten körperlichen und psychischen Symptome können durch die Akupunktur gemildert werden?

Bijak: Unruhe, Nervosität, Aggression, Husten, Verschleimung und Stuhlverstopfung. Nikotin wirkt stuhlregulierend, daher entsteht oft nach dem Wegfallen des Nikotins eine hartnäckige Verstopfung.

derStandard.at: Wie funktioniert die relativ neue Methode der Laserakupunktur?

Bijak: Die Laserakupunktur gibt es schon seit vielen Jahren als Rotlichtlaser anstelle von Nadeln. Der Vorteil liegt in der Schmerzlosigkeit, aber Nadeln wirken intensiver. Laser wird vor allem bei Kindern angewendet, nicht in der Suchttherapie.

derStandard.at: Stimmt es, dass durch die Akupunktur beim Betroffenen ein "pelziges" Gefühl auf der Zunge entsteht – die Zigarette nicht mehr schmeckt?

Bijak: Optimal wäre es, wenn man nach der ersten Akupunktur gar nicht mehr rauchen würde. Von denen, die es dann aber wieder probieren, wird oft berichtet, dass die erste Zigarette gar nicht schmeckt. Mit der Zeit stumpft durch das Rauchen die Geschmacksempfindung ab.

Durch eine bessere Durchblutung des Nasen-Rachenraumes (aus chinesischer Sicht gehören die Nase und die Luftwege allgemein zum Organ: Lunge) wird die Geschmacksempfindung verbessert. Zigaretten schmecken normalerweise ohne die Gewöhnung einfach nicht gut. Viele Raucher berichten ja, dass ihnen die allererste Zigarette gar nicht geschmeckt hat. Man raucht ja wegen der entspannenden Wirkung des Nikotins und nicht wegen dem guten Geschmack.

derStandard.at: Wie lange muss generell behandelt werden und welche Erfolge beobachten Sie dabei?

Bijak: Bei der Verwendung von Dauernadeln behandle ich je nach Bedarf: die Nadeln halten von einigen Tagen bis zu maximal zwei Wochen. Ich bitte die Betroffenen nach einer Woche um eine Rückmeldung, ob die Nadeln noch vorhanden sind, und je nach dem wird ein neuerlicher Termin vereinbart. Am besten wiederholt man die Behandlung drei bis vier Tage nachdem die Nadeln herausgefallen sind.

Es gibt nur ganz wenige Menschen, die nach vier Behandlungen immer noch rauchen. Dann beende ich die Therapie und hinterfrage die Motivation. Einige sind nach ein paar Monaten (vor allem nach psychisch belastenden Lebenssituationen) rückfällig geworden, dann kann man die Behandlung wiederholen.

derStandard.at: Existiert der so genannte "Hungerpunkt", der Essattacken verhindern soll?

Bijak: Beim Hungerpunkt handelt es sich um einen Punkt knapp vor dem Ohr, der allgemein Gelüste reduzieren soll (siehe Skizze). Über das in der Schokolade vorhandene "Glückshormon" kann das "Naschen" auch zur Entspannung beitragen. Da die Akupunktur auch auf diese "Botenstoffe im Gehirn" (Serotonin) Einfluss nimmt, braucht der Körper kein zusätzliches "Glückshormon" mehr, Naschen ist nicht mehr notwendig.

Siehe: Interview: Hypnose ist eine Heilmethode

Links:

Österreichische Gesellschaft für Akupunktur

Österreichischen Wissenschaftlichen Ärztegesellschaft für Akupunktur: ÖWÄA

  • Zur Person
Michaela Bijak ist Ärztin für Allgemeinmedizin seit 1993. Das Akupunkturdiplom der Österreichischen Ärztekammer hat sie ebenfalls seit 1993. 

Seit 1990 arbeitet sie als Ärztin im Kaiserin Elisabeth Spital in Wien, in der Akupunkturambulanz des Spitals seit 1995. In der eigenen Praxis wendet sie Akupunktur seit 1993 an. Bijak ist seit mehr als zehn Jahren Referentin der ÖGA (Österreichische Gesellschaft für Akupunktur). Außerdem ist sie Redakteurin der Deutschen Zeitschrift für Akupunktur.
    foto: bijak

    Zur Person
    Michaela Bijak ist Ärztin für Allgemeinmedizin seit 1993. Das Akupunkturdiplom der Österreichischen Ärztekammer hat sie ebenfalls seit 1993.

    Seit 1990 arbeitet sie als Ärztin im Kaiserin Elisabeth Spital in Wien, in der Akupunkturambulanz des Spitals seit 1995. In der eigenen Praxis wendet sie Akupunktur seit 1993 an. Bijak ist seit mehr als zehn Jahren Referentin der ÖGA (Österreichische Gesellschaft für Akupunktur). Außerdem ist sie Redakteurin der Deutschen Zeitschrift für Akupunktur.

  • Artikelbild
    illustration: dr. bucek
Share if you care.