Tostmann lässt sich in kein Korsett zwängen

8. Mai 2007, 19:07
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Trachten-Herstellerin Gexi Tostmann über linke Hände, Ladenöffnung und die 68er-Generation - Ein Porträt

Wien - Sie habe für Zahlen wenig übrig und fürs Schneidern zwei linke Hände, sagt Gesine Tostmann. Die Chefin des gleichnamigen Trachtenmodenherstellers ist in kein Korsett zu zwingen. Während Mitbewerber im Ausland expandierten, machte sie ihren Betrieb schlanker. Heute ist Tostmann jedoch der einzige große Dirndlspezialist, der noch in Österreich produziert. Für die Freiheit, ihr Geschäft aufzusperren, wann sie es für richtig hält, zog sie Mitte der 80er-Jahre bis vor den Verfassungsgerichtshof - bekam Recht und leitete den langen Einkaufssamstag ein.

"Fragen Sie mich nicht, wie viele Dirndl wir herstellen, ich weiß es nicht", sagt Tostmann. Jeder Betriebsberater greife sich angesichts der Firmenbilanz auf den Kopf und rätsle wie sich das alles ausgehe. "Aber es geht sich aus. Immer." Man dürfe eben einfach nicht mehr ausgeben als einnehmen. "Ein Leben voller Luxus zu führen, da würde ich mich eh genieren."

Tostmann beschäftigt 100 MitarbeiterInnen im Salzkammergut und in Wien. Der Umsatz liegt bei vier Mio. Euro. Eingekauft wird das Rohmaterial etwa bei der Wiener Seidenweberei Flemmich. Für den Vertrieb sorgen die eigene Filiale und Partner im Fachhandel. Mitunter gehen die Dirndl bis nach Asien und die USA. Einer der Stammkunden ist ein japanischer Kimonoverein.

Vor gut 15 Jahren habe sie ernsthaft überlegt, das ganze Unternehmen zu verkaufen, sagt Tostmann. In letzter Minute sei sie dann aber davon abgekommen. Um im harten Textilgeschäft zu überleben, verkleinerte sie die Schneiderei innerhalb von zehn Jahren um rund 150 Mitarbeiter, alles über natürliche Abgänge. "Die jetzige Größe ist zwar in der Bürokratie ein wenig aufwändig, aber für uns ist sie die richtige", sagt Anna Tostmann. Die gelernte Juristin tritt seit einigen Jahren als Juniorchefin in die Fußstapfen ihrer Mutter. Den Druck, in den Familienbetrieb einzusteigen, habe sie nie gehabt, sagt sie. Hätte sie dafür eine Modeschule besuchen müssen, hätte sie sich vielleicht sogar dagegen entschieden.

Die Juniorchefin schließt wie Gexi Tostmann eine Verlagerung der Produktion ins billigere Ausland strikt aus. Das Bedürfnis, alles umzukrempeln, habe sie nicht. "Es läuft gut. Zu glauben, man hat die Weisheit mit Löffeln gegessen, ist eine Illusion."

Dass klassische Tracht aus der Mode kommt, glaubt ihre Mutter nicht. Es gebe da Sieben-Jahres-Zyklen, sagt sie. Zeiten des Booms seien für sie eher von Nachteil, denn da starteten große Händler mit der Preisschleuderei.

Was Tostmann kränkt, ist, dass Tracht gern ins rechte Eck gestellt wird. Sie selbst sei eine 68erin und habe ein Leben lang dafür gekämpft, dass die Tracht alle Gesellschaftsschichten anspricht. "Aber ich kann meine Kunden wohl schlecht nach ihrer politischen Meinung fragen." (Verena Kainrath/DER STANDARD, Printausgabe 09.05.2007)

  • Vor 15 Jahren wollte Gexi Tostmann ihren Betrieb verkaufen, heute ist davon keine Rede mehr. Tochter Anna führt die Trachtenproduktion in Seewalchen weiter.
    foto: der standard
    Vor 15 Jahren wollte Gexi Tostmann ihren Betrieb verkaufen, heute ist davon keine Rede mehr. Tochter Anna führt die Trachtenproduktion in Seewalchen weiter.
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