Bacher: ORF ist in Lebensgefahr

27. Juli 2007, 17:49
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Der dreifache Generalintendant sieht sein Lebenswerk zerbröseln - Reform fördere Pläne für die Privatisierung von ORF 1

Gerd Bacher ist "wirklich verzweifelt", klagt er im Gespräch mit dem STANDARD. Der längstdienende Generalintendant des ORF sieht sein Lebenswerk zerbröseln - und das durch die jüngste Programmreform des ORF.

Die ÖVP schießt sich wie berichtet auf die Anstalt, ihre alles andere als durchschlagende Programmreform und ORF-General Alexander Wrabetz ein - den "Hauptverantwortlichen" für die Quotenmisere, betonen im STANDARD-Interview unisono der Mediensprecher der ÖVP, Franz Morak, und der Fraktionschef der Bürgerlichen im Stiftungsrat, Franz Medwenitsch.

Neue Privatisierungsdebatte

Bacher sieht hinter den Angriffen eine neue Privatisierungsdebatte dräuen. Und nicht nur er: Noch aus der Zeit von ORF-Generalin Monika Lindner wissen weiland hochrangige Anstaltsinsider von stetem Interesse des Riesen Raiffeisen an ORF 1 zu berichten. Gespräche habe es auch über den Anteil der Bawag an ATV gegeben, aber das erschien den Giebelkreuzlern doch zu wenig lohnend.

"Wenn nur die Parteien den ORF zerlegen wollen, ist das noch keine Gefahr", sagt Bacher: "Wenn aber der ORF dazu Vorschub leistet, dann wird es ernst." Der Altgeneral spielt auf das Ende der "ZiB"-Durchschaltung an - und auf den geringen Erfolg der Alternative in ORF 1, "Mitten im Achten", "Szene" & Co.

"Hetzjagd"

Zudem sieht Bacher eine "Hetzjagd" von Zeitungsverleger auf den ORF, die schon lange Radio- und Fernsehkanäle übernehmen wollten.

VP-Mediensprecher Franz Morak deutete Überlegungen zur Privatisierung von ORF 1 zuletzt im Gespräch mit dieser Zeitung an. Auf Nachfrage sagt er: "Programmlich ist das de facto schon passiert. Aber das war weder Ziel der Reform, noch wäre es wünschenswert."

Während Morak in Sachen Privatisierung beschwichtigt, schwingt er bei einem viel näher liegenderen Anliegen des ORF die Keule: Weder 2007 noch 2008 oder 2009 werde es mit der ÖVP eine Gebührenerhöhung geben. Blockieren kann die ÖVP eine Erhöhung aber nicht. Die Mehrheit der Wrabetz-Koalition würde dafür reichen.

"Müssen sparen"

Bei der Klausur des Stiftungsrates am kommenden Samstag wollte ORF-General Alexander Wrabetz eigentlich seine mittelfristige Finanzvorschau vorlegen. Und damit seinen Antrag auf Wertanpassung der Gebühren im kommenden Jahr vorbereiten. Denn, so ein hochrangiger Insider über die ORF-Entwicklung: "2007 ist alles im grünen Bereich. Sollte aber 2008 keine Gebührenerhöhung kommen, müssen wir sparen."

Dazu rät auch Stiftungsrat Medwenitsch: "Wrabetz ist gut beraten, eine Gebührenerhöhung ad acta zu legen. Dafür ist nicht der richtige Zeitpunkt, wenn das Programm Zuseher verliert." Er erwartet im Budget für 2008 vielmehr Maßnahmen auf der Kostenseite.

Das wird nicht leicht in einem Jahr mit Großevents wie den Olympischen Sommerspielen in Peking und, noch mehr, der Fußballeuropameisterschaft im eigenen Land. Ein Jahr davor hat der ORF die TV-Rechte noch nicht fixiert. Angesichts der Preisvorstellungen der UEFA und ihrer Vermarkter ist er damit immerhin international nicht alleine. <> "Vernichten"

SPÖ-Stiftungsrat Heinz Lederer verteidigt die Programmreform des ORF in einem Gastkommentar für den STANDARD. Aus seiner Sicht führen Privatisierungspläne und Gebührenverweigerung zusammen: "Wer die Gebührenfrage mit der Reform vermischen will, wie das beispielsweise Vizekanzler Wilhelm Molterer versucht, macht deutlich, dass ihm ein unabhängiger, aktiver und kreativer ORF kein Anliegen ist." Er spielt auf den Einfluss Molterers auf den Küniglberg unter der vorigen Führung an, wenn er von der Haltung schreibt: "Was ich nicht beherrschen kann, muss ich vernichten."

Die SPÖ ist für eine Privatisierung von ORF 1 unter einem General Alexander Wrabetz kaum zu gewinnen. (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 9.5.2007)

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