Pauls Mama bloggt ihren Start-Up

18. April 2008, 12:07
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Eine deutsche Gründerin lädt die Internet-
Community ein, ihr beim Start-Up zuzuschauen und daran mitzuwirken - ein Interview

Wenn alles ausgelagert wird, warum nicht auch die eigene Unternehmensgründung? Werbefachfrau Nina-Julia Kunath hat die Online-Community eingeladen, an ihrem Start-Up mitzuwirken - und zwar nicht mit Geld, sondern mit Ideen.

Eine Familien-Plattform soll es werden, auf der registrierte UserInnen Themen diskutieren, sich vernetzen, Gemeinsamkeiten suchen und nach Belieben auch Offline-Beziehungen entwickeln können. Die Geschäftsidee entstand und wuchs parallel zu Frau Kunaths Schwangerschaft. Nach der Geburt ihres Sohnes Paul stand auch bald der Arbeitstitel fest: Die Domain paulsmama.com wurde als Testfläche registriert, um die Gründungsidee vorzustellen und UserInnen einzuladen, ihre Vorschläge bezüglich Inhalte, Design und technische Features zu posten. Online-Diskussionen über Grafik oder Finanzierung sind bereits im Gange, und noch Ende Mai soll die erste Testversion online gehen. Im Gespräch mit Maria Sterkl erzählt Kunath, wie sie zur Gründerin wurde, warum es sie nicht stört, von ihrem Ehemann finanziert zu werden, und wie das Portal zu seinem Namen kam.

derStandard.at: Wie entstand die Idee zu paulsmama.com? Hatten Sie davor schon einmal daran gedacht, sich selbstständig zu machen?

Kunath: Ich habe schon oft darüber nachgedacht, mir fehlte aber die Idee. Die kam mir erst, als ich schwanger war: Ich suchte im Internet nach Möglichkeiten, mich mit Frauen in der gleichen Situation zu unterhalten, fand aber kein passendes Angebot. So beschloss ich, selbst eines zu schaffen.

derStandard.at: Ihr Portal soll stark durch Ideen der Internet-Community geprägt werden. Funktioniert das gut? Gibt es Bereiche, wo Sie sich die Zusammenarbeit mit den UserInnen anders vorgestellt haben?

Kunath: Es war mir bewusst, welches Risiko ich eingehe, über die Gründung im Blog live zu berichten. Es gab einige unqualifizierte Einträge, meist von anonymen Autoren. Aber insgesamt habe ich viele wertvolle Hinweise von Lesern bekommen - so wurde der Name von den Usern online gewählt. Jeder Leser konnte einen Vorschlag einsenden, der dann zur Abstimmung gestellt wurde. Offenbar hat den Lesern aber der Arbeitstitel "PaulsMama" am besten gefallen.

derStandard.at: Apropos Namenswettbewerb: Sie haben versprochen, der beste Vorschlag würde mit 1000 Euro belohnt. Nun sind Sie selbst die Gewinnerin, und Ihr Ehemann und Miteigentümer hat sich den zweitplatzierten Vorschlag bereits als Domain gesichert. Ergibt das nicht eine schiefe Optik?

Kunath: Ich war selbst überrascht, dass PaulsMama gewonnen hat, aber die User haben so entschieden. Dass mein Mann den zweitplatzierten und auch noch einige mehr Namen gesichert hat, ist doch nachvollziehbar. Was wäre, wenn der zweitplatzierte Name gewonnen hätte und sich schnell jemand anderes die Domain gesichert hätte?

derStandard.at: Was soll das Portal bieten?

Kunath: Die Mitglieder können sich untereinander verbinden, eigene Netzwerke aufbauen. Jeder kann seine Fotos reinstellen und der eigenen Familie zugänglich machen. In Gruppen kann man sich zu unterschiedlichen Themen austauschen und neue Menschen kennenlernen, die die gleichen Interessen haben oder aus der gleichen Region stammen. Später sollen die User Restaurants, Geschäfte, Ärzte usw. bewerten oder ihre eigene Geschenkewunschliste pflegen können. Wir werden genau hinhören, was sich unsere User wünschen und werden versuchen, diese Funktionen zügig zu implementieren.

derStandard.at: Bisher kamen aber hauptsächlich Tipps für die grafische Gestaltung, die Namensgebung, die Finanzierung. Warum werden die Inhalte der Website nie diskutiert?

Kunath: Wir haben das versucht und versuchen es auch weiter. Es kamen zu diesen Beiträgen aber keine Kommentare. Offenbar sind Themen wie Name oder Design einfach besser geeignet, um User-Meinungen zu erhalten.

derStandard.at: Was unterscheidet Sie von anderen deutschen Familien-Netzwerken wie Mamily.de oder netmoms.de?

Kunath: Die beiden genannten Netzwerke sind nur auf Mütter ausgerichtet. Wir wollen die ganze Familie ansprechen, also auch die Väter, die Omas, Opas, die Tanten und Onkel.

derStandard.at: Wie soll das gehen? In einer Gesellschaft, die Frauen als hauptverantwortlich fürs Kindererziehen sieht, brauchen Männer wohl besondere Anreize, um sich überhaupt für derartige Netzwerke zu interessieren. Bereits der Name "paulsmama" geht an diesem Ziel vorbei.

Kunath: Der Name sagt nichts über die Zielgruppe, sondern nur etwas über mich als Gründerin aus. Das ist riskant, aber mir wurde immer wieder bestätigt, das sei der richtige Name. Ich kann aus eigenen Erfahrungen sagen, dass sich Männer auch vielen neuen Fragen stellen, wenn sie Vater werden. Sie werden stolz die Fotos ihrer Schützlinge hochladen, um sie Freunden und Verwandten zu zeigen. Bei PaulsMama geht es nicht nur um Stillen und Wickeln. Es geht darum, die ganze Familie zu vernetzen und gemeinsam Spaß zu haben.

derStandard.at: Wie hoch ist Ihr Eigenanteil am Kapital, wer schoss den Rest zu?

Kunath: Derzeit finanzieren mein Mann und ich den gesamten Betrag, das sind 100.000 Euro. Das wird für den Start und die ersten Monate reichen. Aber wir werden uns für weitere Investoren öffnen, sobald wir weiter expandieren werden.

derStandard.at: Ohne das Geld Ihres Mannes könnten Sie den Start-Up nicht durchführen. Finden Sie nicht, dass das ein schlechtes Signal an potenzielle Gründerinnen sein könnte – da die meisten von ihnen keine finanzkräftigen Familienmitglieder haben und auf den herkömmlichen Weg zur Bank angewiesen sind?

Kunath: Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich durch meinen Mann einen Vorteil habe. Aber warum setze ich damit ein schlechtes Signal? Ich möchte etwas eigenes aufbauen und bewegen, ich bin nicht dafür verantwortlich, dass die Banken so schwerfällig Kredite zur Verfügung stellen.

derStandard.at: Welche Einnahmen kann ein solches Portal bringen? Hoffen Sie auf Werbegelder?

Kunath: Bitte haben Sie Verständnis, dass ich in einer so frühen Phase noch keine detaillierten Angaben zu den Einnahmen machen möchte.

derStandard.at: Ist das Interesse an der Website groß? Wie viele registrierte UserInnen erwarten Sie sich im ersten Jahr?

Kunath: Mehr als 1000 Interessierte haben ihre E-Mail Adresse hinterlassen, um über den Start informiert zu werden. Wir planen im ersten Jahr auf ca. 50.000 Mitglieder zu kommen, mittelfristiges Ziel sind mehrere Hunderttausend Mitglieder. (derStandard.at, 21.5.2007)

  • Vom Arbeitstitel zum Start-Up: PaulsMama
    screenshot: paulsmama.com

    Vom Arbeitstitel zum Start-Up: PaulsMama

  • Entwürfe der Grafikerin werden der Web-Community präsentiert. Die kritisiert und schlägt Verbesserungen vor, Frau Kunath dankt
    screenshot: paulsmama.com

    Entwürfe der Grafikerin werden der Web-Community präsentiert. Die kritisiert und schlägt Verbesserungen vor, Frau Kunath dankt

  • Namensgeberin des Portals mit kindlicher Bezugsperson
    foto: paulsmama.com

    Namensgeberin des Portals mit kindlicher Bezugsperson

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