Der Bauch denkt vor

4. Mai 2007, 17:22
3 Postings

In vielen Bereichen des Lebens entscheidet die Intuition mehr als die Logik - Von Stefan Löffler

Von klein auf kriegen wir beigebracht, nicht das zu tun, was uns als Erstes einfällt, sondern was am vernünftigsten ist. Wenn Kinder sich ein Geschenk aussuchen dürfen und spontan mitteilen, welches sie wollen, wird manchen Eltern unwohl: Denk doch erst einmal nach!

Mit der gut gemeinten Aufforderung tun sie ihrem Kind wahrscheinlich keinen wirklichen Gefallen. Das legt zumindest ein Experiment des amerikanischen Sozialpsychologen Tim Wilson nahe: Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen durften sich eines von fünf etwa gleichwertigen Geschenken aussuchen. Die Hälfte von ihnen sollte ihre Entscheidung begründen, die andere Hälfte nicht. Vier Wochen später wurde nachgefragt. Unter denen, die Gründe nennen mussten, fanden die Forscher erheblich mehr, die ihre Wahl bereuten.

In einer anderen Studie wurden Patienten nach der Erstdiagnose Behandlungsoptionen vorgelegt und gefragt, welche ihnen spontan am meisten zusagt. Führten die weiteren Untersuchungen und Gespräche zu der Therapie, die ihnen von vornherein am besten gefallen hatte, bekundeten die Patienten nach Abschluss der Behandlung die höchsten Zufriedenheitswerte.

Anscheinend sind wir glücklich, wenn wir unserem Gefühl Folge leisten dürfen. Aber schöpfen wir dabei am liebsten aus dem Vollen? Probierstände im Kaufhaus machen die Erfahrung: Je mehr verschiedene Aufstriche oder Pralinestückchen angeboten werden, desto mehr Leute genehmigen sich eine Kostprobe. Tatsächlich gekauft wird jedoch am meisten, wenn die Auswahl überschaubar klein bleibt und sechs Sorten nicht übersteigt.

Aus Sicht eines Ökonomen ist es paradox: Sollten nicht mehr Kunden ihre Lieblingssorte finden, wenn die Auswahl größer ist? Dann wird der Ökonom abwinken: Wahrscheinlich ist unser Gehirn überfordert, wenn wir zu viele Möglichkeiten haben. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Mit der Begrenzung der Wahlmöglichkeiten werden diejenigen unter uns davor bewahrt, in die Falle zu tappen, die der amerikanische Psychologe Barry Schwartz als „Maximierer“ bezeichnet.

Maximierer sind so etwas Ähnliches wie Perfektionisten: Menschen, die sich mit der Fernbedienung in der Hand systematisch durch alle Kanäle zappen, bis sie die beste Sendung entdeckt haben, die das ganze Kinoprogramm durchsehen müssen, bevor sie sich zu einer Entscheidung durchringen können, und die vor dem Ladenregal ins Grübeln kommen, wenn ihr gewohntes Produkt vergriffen ist und eine Alternative gefragt ist. Maximierer sind also Menschen, die ihrer eigenen Intuition misstrauen.

Ihren Gegenpart nennt Schwartz „Satisficer“: Menschen, die im Supermarkt beherzt zugreifen und rasch etwas Interessantes im Fernsehen finden oder auch wieder ausschalten, kurz: Menschen, die ihrer Intuition freien Raum lassen. Laut den Untersuchungen von Schwartz neigen Maximierer zu Selbstvorwürfen und Depressionen.

Satisficer sind zufriedener mit ihrem Leben, blicken optimistischer in die Zukunft, haben eine höhere Selbstachtung. Wer gewöhnlich seinem Bauchgefühl folgt, fördert damit also sein Wohlbefinden.

Die Ökonomie geht von einem Menschenbild aus, das dem Maximierer nahe kommt, nämlich dass wir stets danach trachten, unseren Nutzen zu maximieren. Dass wir das in der Realität selten tun, wird mit Beschränkungen unseres Gehirns und dem Befolgen sozialer und kultureller Muster entschuldigt. Dem hält der Berliner Kognitionspsychologe Gerd Gigerenzer entgegen, dass Rationalität stets eingeschränkt sei und intuitives Handeln daher durchaus rational sein könne.

Selbst wenn es um vermeintliche Wissensfragen geht, schneidet unser Bauchgefühl oft besser ab als Logik, argumentiert Gigerenzer, der seit den Siebzigerjahren erforscht, wie wir zu Entscheidungen kommen, welche Faustregeln wir bewusst oder unbewusst befolgen und wie wir damit abschneiden. Gigerenzer hat Studenten in den USA und Deutschland die gleiche Frage vorgelegt: Welche Stadt ist größer, San Antonio oder San Diego? Nur 63 Prozent der amerikanischen Studenten entschieden richtig, aber hundert Prozent der deutschen Studenten. Müssten Amerikaner es nicht besser wissen? Genau dieses Wissen steht ihnen laut Gigerenzer hier im Weg. Die US-Studenten kennen beide Städte, während die meisten deutschen Studenten von San Antonio noch nie gehört hatten und damit einen guten und in diesem Fall ausreichenden Grund hatten, auf San Diego zu tippen. Ein beschränktes Wissen kann also auch Vorteile bergen.

Diese Wiedererkennungsfaustregel ist auch bei komplexeren Fragen im Spiel. Wie kommt ein Arzt zu einer Diagnose? Er tippt auf die mit den auffälligsten Symptomen des Patienten verbundene Krankheit, die er selbst am häufigsten gesehen hat. Ein Allgemeinmediziner liegt oft schneller richtig als ein Facharzt aus dem gleichen Grund, wie die deutschen Studenten auf San Diego tippten: Weil er von den seltenen Krankheiten, die auch infrage kommen, wenig bis nichts weiß – im Unterschied zum Spezialisten.

In der Akutmedizin bleibt nahezu keine Zeit für die Diagnose. Notärzte müssen die richtige Intuition haben: Ist es ein Herzinfarkt? Welche Wunde muss zuerst versorgt werden? Soll der Patient weiter auf die Intensivstation? Vom schlimmsten Fall auszugehen treibt nicht nur die Kosten in die Höhe, sondern birgt auch Risiken: Intensivstationen sind ein Hort für Infektionen. Am besten verfährt der Arzt – laut Gerd Gigerenzer – mit einem „effizienten Entscheidungsbaum“ nach folgendem Muster: Trifft dies zu, tu das. Trifft es nicht zu, stell die nächste _Frage.

Das instinktive Befolgen einfacher Regeln hat uns die Evolution in die Wiege gelegt. Viele Tiere wählen ihren Partner aufgrund eines einfachen Merkmals: das bunteste Gefieder, der lauteste Balzruf. Bei überraschenden Reizen wird Dopamin ausgeschüttet, um die Aufmerksamkeit zu erhöhen: Das Tier ist bereit, vor dem Feind zu flüchten.

Seit der Antike wurde Intelligenz als männlich, die Intuition als weibliche Domäne gesehen. In psychologischen Experimenten unterscheiden sich die Bauchgefühle von Frauen und Männern heute kaum noch und jedenfalls weniger, als oft geglaubt wird. Derweil ist nämlich das Ansehen der Intuition auch gestiegen.

Es gibt freilich auch Eingebungen, denen wir nicht trauen sollten. Wenn die Roulettekugel einige Male auf Schwarz gefallen ist, halten es die meisten Menschen beim nächsten Wurf für wahrscheinlicher, dass Rot kommt. Auf einem solchen Fehlschluss basieren die meisten „Systeme“, mit denen Glücksspieler das Casino besiegen wollen.

Im Basketball dagegen macht der verbreitete Glaube in die „hot hand“ eines Spielers Sinn: Wer bei seinem letzten Wurf getroffen hat, wird in Wurfsituation bevorzugt angespielt. Überhaupt spielt Intuition in sportlichen Spielen eine wichtige Rolle: In Sekundenbruchteilen muss ein Fußballer wissen, wie er die Verteidigung überraschen kann. Für bewusstes Entscheiden bleibt keine Zeit.

Schachmeister finden im Blitzspiel mit wenigen Sekunden Bedenkzeit überwiegend die gleichen Züge wie in einer langen Partie. Dagegen stellen sich Manöver, über die sie länger als zwanzig Minuten brüten, überdurchschnittlich oft als Fehler heraus. In einem Experiment mit Golfern wurde ermittelt, dass zwar Amateure profitieren, wenn sie ihre Schläge in aller Ruhe überlegen dürfen, aber Profis unter Zeitdruck besser spielen, als wenn sie aufgefordert sind, jeden Schlag genau zu planen. Nachdenken kann eine Last sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 5./6. 5. 2007)

Buch-Tipp
Gerd Gigerenzer, „Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition“.
Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober.

€ 20,60/288 Seiten. C. Bertelsmann, München
Share if you care.