PISA-Siegerin: "Die Hauptschule ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte"

23. Oktober 2007, 11:01
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Enja Riegel, deren Schule bei PISA 2002 Deutschland-Sieger wurde, im Interview über falsche Elitebegriffe, Schulen für Verlierer und den Schwenk zur Gesamtschule

Enja Riegel ist Reformerin aus Leidenschaft. Als Direktorin führte sie die deutsche Helene-Lange-Schule zum PISA-Sieg. Warum "ihre" Schüler nicht nur gut, sondern gerne lernen, wieso Kinder durch frühe Selektion aufs Abstellgleis geschoben werden und wodurch man die "geballte Aussichtslosigkeit" in deutschen Schulen beseitigen kann, darüber sprach Riegel mit Anita Zielina. Heraus kam eine wütende Anklage gegen das aktuelle Schulsystem und ein glühendes Plädoyer für die Gesamtschule.

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derStandard.at: Waren Sie überrascht, wie gut ihre Schüler 2002 bei PISA abgeschnitten haben?

Enja Riegel: Nein, das hat uns nicht überrascht, weil wir uns vorher erstens mal selbst  immer wieder überprüft haben und außerdem an vielen internationalen Tests teilgenommen haben. Die Helene-Lange-Schule hat ja 10- bis 16-jährige SchülerInnen, und wer die Matura machen will, wechselt auf ein anderes Gymnasium. 50 Prozent machen so ihr Abitur, und wir haben festgestellt: Diese Schüler waren auch an den anderen Schulen konstant an der Spitze der Testleistungen.

derStandard.at: Was war der Grund für das gute Abschneiden?

Enja Riegel: Weil an dieser Schule, wie auch an einigen anderen, anders gelernt wird als in der normalen deutschen Schule. Verschiedenheit von Kindern ist kein Hindernis, sondern eine Freude und Bereicherung. Die Lehrer haben mit der Zeit gelernt, die Unterschiedlichkeit zu nützen, es wird ein Unterricht gemacht, der sehr stark auf die Individualität des Kindes abzielt. Sowohl auf die Hochbegabten, als auch auf die schwachen Schüler. Und es wird ein Unterricht gemacht, der Kindern ganz reale Herausforderungen bietet, mit fächerübergreifenden Projekten, Forschungsarbeiten, Arbeit in Bibliotheken, Präsentation, Interviews und Umfragen. Am Schluss haben sie vielleicht weniger Stoff gelernt, aber sie haben das Lernen gelernt.

derStandard.at: Sie haben es also geschafft, die Schule spannend zu machen?

Enja Riegel: Die Schüler machen die Erfahrung: Es ist anstrengend, aber ich kann etwas leisten, ich kann mir was zutrauen. Das wird so oft vernachlässigt.

derStandard.at:Wieso schaffen Sie das in ihrer Schule, aber offenbar gelingt es nicht überall?

Enja Riegel: Deutschland ist immer wieder im unteren Mittelfeld diverser Tests, das hat mehrere Gründe. Der eine ist: In Deutschland wird zu früh selektiert. Das ist für die guten Schüler schlecht, und es ist für die schwachen Kinder schlecht. Kinder sollten in einer Schule miteinander lernen und gerade von Unterschiedlichkeit profitieren. Das ist in Deutschland schwer durchzusetzen – es gibt da eine Allianz der bürgerlichen Eltern, der Lehrer, aber auch eines Grossteils der Politiker, die der Meinung sind: Je früher wir auseinander dividieren, desto besser für die Schüler, vor allem für die guten. Wir haben das geändert und die Gesamtschule eingeführt - mit unglaublichem Erfolg.

derStandard.at: Die Helene-Lange-Schule war ja nicht immer eine Gesamtschule?

Enja Riegel: Nein, sie war ein ganz normales Gymnasium. Diese Schule war eine verrottete Anstalt, als ich sie übernommen habe, es drohte die Schließung, und deswegen haben wir gesagt: Wir müssen uns jetzt etwas ganz anderes überlegen. Das ist aus der Not geboren. Wir müssen Schule neu denken, ganz anders machen. Wir haben uns überlegt: Was macht eine Schule eigentlich wirklich gut? Und sind so zur Gesamtschule gekommen.

derStandard.at: Unterschiedlichkeit hin oder her – kann eine Schule, die viele Kinder mit migrantischem Hintergrund, wenig LehrerInnen und viele Probleme hat, ohne Zuschüsse und Unterstützung von außen etwas verändern?

Enja Riegel: Nein, kann sie natürlich überhaupt nicht. Diese Schulen sind meiner Meinung nach zum Untergang verurteilt. Wenn sie Schulen entstehen lassen, wo nur die Verlierer, beschädigte und beschämte Kinder zusammen sind, dann kann dort nichts anderes entstehen als Trostlosigkeit und auch Gewalt. Die Kinder wissen: Wenn ich von dieser Schule weggehe, kriege ich keine Lehrstelle – ich werde so arbeitslos wie meine Eltern sind. Wenn sie so eine geballte Aussichtslosigkeit haben, können sie gar nichts machen. Mit ein paar Dutzend Sozialarbeiten kann man diese Jugendlichen zwar still halten, aber man kann nichts grundlegend verändern.

derStandard.at: Wie verändert man also diese Grundlagen?

Enja Riegel: Durch Abschaffung der Hauptschule. Die Hauptschule ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte, weil sie verhindert, dass Kinder, die eigentlich lernen wollen, wirklich etwas lernen. Bildung ist ein Menschenrecht, und dagegen wird verstoßen.

derStandard.at: Da braucht es also große Reformen?

Enja Riegel: Es geht überhaupt nicht darum, dass man in der Hauptschule ein bisschen den Lehrplan ändert, das System muss man von Grund auf reformieren. Das heißt: Alle Kinder bleiben, wie in Finnland, zusammen von Klasse Eins bis Neun. Und dann gehen die einen eben in einen Beruf, und die anderen machen Abitur. Das Ende der frühen Selektion.

derStandard.at: Sie haben einmal gesagt, Elite für alle ist möglich?

Enja Riegel: Ja, dieser Meinung bin ich weiterhin. "Eliteschule" bedeutet nämlich nicht, dass eine kleine Gruppe von Schülern gefördert wird und die anderen nicht. Die wahre Eliteschule ist die, die jedes einzelne Kind zu seinen individuellen Höchstleistungen bringt. Die Helene-Lange-Schule macht ja auch aus schwachen Schülern nicht immer hochbegabte. Jeder lernt soviel, wie er eben kann. Wichtig ist: Man darf kein Kind unter seinen eigenen Möglichkeiten lassen. Auch ein Handwerker, der seinen Beruf hervorrragend macht, ist Elite! Ich denke, wir haben einen zu engen Begriff von Elite, wenn wir dabei immer nur an Hochschulen und Professoren denken.

derStandard.at: Die nächste PISA-Studie steht an, denken Sie Österreich und Deutschland haben dazugelernt?

Enja Riegel: Ich fürchte in Österreich und Deutschland wird sich nicht viel ändern. Zuerst hat man das schlechte Abschneiden ja ein bisschen auf die leichte Schulter genommen, mittlerweile müssen die Schüler ordentlich pauken. Aber es ändert ja nichts an den Grundlagen: Solange wir an unserem System festhalten, wird dieses Land, was die Ausbildung seiner Bürger anlangt, nicht besser werden. Deutschland hat keine Bodenschätze oder sonstige Rohstoffe, ebenso wie Österreich, unsere Rohstoffe sind die Köpfe. Wir können uns nicht erlauben, soviele Kindern von guter Bildung auszuschließen. (derStandard.at/30.4.2007)

Zur Person

Enja Riegel, Jahrgang 1940, war einst selber Schülerin der nach der Frauenrechtlerin Helene Lange benannten Schule in Wiesbaden, die sie von 1982 bis 2003 als Rektorin leitete. Nachdem sie die öffentliche Lehranstalt in eine Gesamtschule umgewandelt hatte, schnitt diese bei der PISA-Studie besser ab als alle anderen deutschen Schulen.

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