Zum Wasser gelassen

5. Juli 2007, 18:15
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Schon vor dem Beginn des America's Cup unternahm Valencia größte Anstrengungen, wieder näher ans Wasser zu rücken

Valencias Traditionen segeln heute auch mit zeitgenössischer Kunst und Architektur um die Wette. Mit Staunen erlebt man selbst als Wiederkehrender, wie sich die drittgrößte Stadt Spaniens herausgeputzt hat, dennoch prägt die Metropole nach wie vor der Reiz der Kontraste. Während bunte Jugendstilbauten die Altstadt übersäen, pulsieren im Hafen Lifestyle und eine junge Lokalzene. Und auf halber Strecke wird man bereits im futuristischen Museumsbezirk von gigantischen Paradebauten und Pools begleitet. Das Element Wasser zieht sich dabei wie ein roter Faden durch Valencia.

Auf der Plaza de la Virgen etwa, wo der Turia-Brunnen plätschert, geht jeden Donnerstag ein kurioses Schauspiel über die Bühne. Seit nunmehr 1000 Jahren tagt hier unter freiem Himmel das historische Wassergericht, um das knappe Gut unter den Bauern des Umlandes gerecht aufzuteilen. Acht schwarz gekleidete Herren bestimmen über die römischen Wasserkanäle Valencias, ihre mündlichen Entscheidungen sind unanfechtbar und werden bis heute von Madrid akzeptiert.

Valencia schaffte es allerdings auch umgekehrt, eine Überschwemmungskatastrophe in eine Chance zu verwandeln. Nachdem 1957 der Rio Turia das Zentrum verwüstete, wurde der Stadtfluss noch außerhalb der Stadt einfach umgeleitet. In das trocken gelegte Flussbett pflanzte der valencianische Stararchitekt Santiago Calatrava seine "Ciudad de las Artes y las Ciencias". Der international vielbeschäftigte Architekt schlug mit diesem Bezirk erneut eine Brücke zwischen Wasser und Altstadt - allerdings in Richtung Meer. Und wenn ein Prophet Calatrava heißt, so genießt er sogar im eigenen Lande und in der eigenen Stadt Ansehen. Denn Calatravas Kunst- und Wissenschaftsstadt ist wesentlich beteiligt an der magischen Anziehungskraft, die Valencia heute auf den Besucher ausübt. Dabei ist es auch ein Wechselbad der Gefühle. Am Fuße dieser Architektur-Monster fühlt man sich wie eine Ameise, hin- und hergerissen zwischen der Faszination scheinbar schwereloser Betonbögen und der Bedrohlichkeit einer viel zu großen Welt.

In diesem Museumsgelände wiederum erinnert das Wissenschaftsmuseum an ein weißes Dinosaurier-Skelett - gleich daneben erstrahlt das Hemisfèric und zwinkert einem mit seinem gläsernen Riesenauge zu. Es beherbergt ein gut besuchtes Imax-Kino und thront wie die übrigen Bauten auch in einem türkisen Wasserbad. Gleich nebenan liegt nun der Opernpalast wie ein Ozeandampfer vor Anker, Calatravas jüngster Spross in seiner Heimatstadt. Dieser futuristische und überdimensionale Bau vereint verschiedene Konzert- und Opernsäle mit allerfeinster Technik, um Gäste wie Anne-Sophie Mutter oder die Wiener Philharmoniker gebührend empfangen zu können.

Diese Kunststadt versucht Architektur, Kultur und Natur mit allen ihren Widersprüchen zu verknüpfen. So strömen durch die einstige Flusslandschaft heute wenigstens die Museumsbesucher, und das Kunstgelände ist gleichzeitig eine beliebte Joggingmeile der Valencianer geworden.

Für das Oceanogràfic in der Kunst- und Wissenschaftsstadt zeichnete allerdings ein anderer spanischer Architekt, Félix Candela, verantwortlich, thematisch bleibt er aber ebenso nahe am Wasser. Das Herzstück dieses Baus ist eine riesige Muschel, umspült von teils unterirdischen Bassins mit Robben und Walen. In diesen "begehbaren Weltmeeren" mit ihren Pools und Parks fließen 42 Millionen Liter Salzwasser, die von Valencias Küste hierher geleitet werden. Trockenen Fußes "taucht" man hier durch die Ozeantunnels, flirtet mit Haien und Rochen und bekommt recht schnell Appetit auf Fisch. Das unterirdische Restaurant Submarino serviert jedenfalls ausgezeichnete Paella inmitten eines riesigen Aquariums.

Mit dem Port America's Cup ist auch hinter der ausufernden Museumslandschaft ein völlig neues Hafengelände aus der Taufe gehoben worden. Vergnügungsmeilen mit gestylten Shops und Lokalen wurden frisch aus dem Meeresboden gestampft, und ein weißes Haus namens Foredeck ziert hier bereits als Wahrzeichen die Promenade.

Nur vier Kilometer liegen zwischen Meer und der Altstadt mit ihrem Mercado Central, einer Jugendstil-Markthalle, die zu den größten Europas gehört. Mit Wasser - und nicht mit Milch - wird die Horchata zubereitet, erfährt man hier, verwirrenderweise wird sie nämlich oft als Erdmandelmilch übersetzt. Die Valencianer jedenfalls lieben dieses Getränk aus Erdmandeln, die nur hier wachsen. Aber Valencia ist wirklich mit allen Wassern gewaschen, denn was sich hier Aqua de Valencia nennt, besteht aus Orangensaft und Cava, spanischem Sekt. Und selbst der ganz gewöhnliche Orangensaft ist hier besonders, denn frisch gepresst aus den Früchten der Orangenstadt Valencia macht er absolut süchtig. Das behaupten vor allem die zugereisten Manager, die für den America's Cup hier seit Jahren arbeiten und sich tagtäglich damit dopen.

Noch heute spielt das knappe Wasser in den Reisfeldern südlich der Stadt eine große Rolle, wie man am schmackhaftesten im Jugendstil-Restaurant Canyar hinter der Stierkampfarena erfährt. Wer sich erst einmal dazu entschlossen hat, der wandelnden Speise- und Weinkarte namens Miguel zu vertrauen - denn eine andere gibt es hier nicht - wird ohne Zweifel zufrieden in die Nacht hineinsegeln. (Doris Maier/Der Standard/Rondo/27.4.2007)

Anreise: z.B. mit Flyniki/Airberlin via Palma de Mallorca ab Linz, Salzburg und Wien.
Portal der Stadt: Valencia Tourismus
Weitere Infos: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Walfischgasse 8, 1010 Wien, Tel. (01) 5129580 Architekt dieser gelungenen Auffrischung ist freilich der für Brückenschläge bekannte Sohn der Stadt: Santiago Calatrava
  • Artikelbild
    foto: turisvalencia.es
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