Überraschender Rückzug

26. April 2007, 15:40
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Mut zur Lücke beweist das von Auktionshäusern und Kunsthändlern genutzte Art-Loss-Register

180.000 Einträge, die nur über dezidierte Meldungen erweitert werden, aber nicht mit anderen relevanten Datenbänken verknüpft sind. Ein aktueller Fall.

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Wien - Prinzipiell kann Otto Hans Ressler mit der Performance der in der Vorwoche "im kinsky" versteigerten Antiquitäten zufrieden sein. 53 Prozent des Angebotes wechselte am 18. April den Besitzer. Bloß ein Objekt war erst gar nicht ausgerufen worden: Das um 1500 in Kärnten ausgeführte Relief, die auf 15.000 bis 25.000 Euro taxierte "Enthauptung der Heiligen Barbara" wurde zurückgezogen.

Der simple Grund: Es handelt sich nachweisbar um Raubkunst, konkret um eines von zahlreichen Kunstwerken aus der von den Nationalsozialisten beschlagnahmten Sammlung Jenny Steiner. Hintergrundinformationen publizierte Sophie Lillie 2005 ("Was einmal war - Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens", Wien 2005). Die Sammlung war 1938 durch das Finanzamt Innere Stadt per Exekution eingezogen worden, der Großteil ab 1940 vom Dorotheum versteigert.

In einer ebenfalls bei Lillie publizierten und mit 3. Oktober 1938 datierten Aktenvermerk findet sich die Anmerkung: "Folgende Reliefs befinden sich noch im Besitze der Steiner: Heilige Barbara, Enthauptung ..." In der öffentlich zugänglichen deutschen Online-Datenbank "Lost Art" findet sich ein Eintrag, samt einer Schwarz-Weiß-Abbildung des Reliefs. Warum das Schnitzwerk dann überhaupt zur Auktion gelangen sollte?

Nun, "im kinsky" hat den Bereich Provenienzforschung ausgelagert: Erst nach der Ausarbeitung der Kunstwerke, sobald die Kataloge in Druckform vorliegen, werden diese Art Loss zur Überprüfung geschickt. So auch dieses Mal. Aber das Kölner Team um Uli Seegers wurde nicht fündig, schlicht deshalb, weil das Relief in deren 180.000 Einträge umfassenden Datenbank nicht als verlustig gemeldet ist. Großer Aufwand

"Wir haben nur die Gemälde aus der Sammlung Jenny Steiner", begründet Seegers, "andere Kunstgegenstände wurden uns nicht gemeldet." Die Lücke ergibt sich aus dem Umstand, dass eigentlich auch die Bilder nicht im klassischen Sinne von den Betroffenen, also den Erben nach Jenny Steiner "gemeldet" wurden. Vielmehr behalf man sich mit der Publikation von Sophie Lillie. "Sämtliche dort abgebildeten und identifizierten Objekte haben wir übernommen", lautet die Erklärung. Ein Einverständnis für die Übernahme ihrer Arbeitsleistung, versichert Lillie, wurde allerdings nie eingeholt.

Die Grenzen des Urheberrechts wurden klar überschritten, "wenn die Arbeitsleistung systematisch zum eigenen wirtschaftlichen Vorteil genutzt werden", so Rechtsanwalt Alfred Noll. Nicht immer checkt Art Loss aber auch öffentliche Datenbanken. Bei Anfragen für Einzelobjekte selbstverständlich, aber bei Auktionshäusern wäre der Aufwand zu groß, so Seegers. "Wir nutzen Art Loss vorwiegend zur Absicherung", betont Andrea Jungmann, Chefin der Sotheby's-Repräsentanz in Wien. Internationale Häuser haben jedoch ebenso wie das Dorotheum eine eigene Abteilung, die sich mit Provenienzforschung beschäftigt. "Art Loss ist ein Fluch wie ein Segen", merkt Henrik Hanstein (Kunsthaus Lempertz) an.

Einerseits sieht er sich von der Sorgfaltspflicht befreit. Andererseits wird die Qualität der Einträge kaum hinterfragt, und er nennt eine Warhol-Lithografie als Beispiel, eine jener Art, die es in 250er-Auflagen gibt. "Wir hatten eine solche Serigrafie, Art Loss die Meldung von einer gestohlenen", so Hanstein. Die Grafik bei Lempertz wurde beschlagnahmt, obwohl es sich um ein anderes Blatt gehandelt hat, wie sich herausstellte.

Im Palais Kinsky sieht man vorläufig keinen Handlungsbedarf und wird Art Loss weiterhin mit der Überprüfung beauftragen. Wenn etwas durchschlüpft, reagiert man eben. Wie auch bei dem Relief, das nach einem Schreiben von Alfred Noll, dem Rechtsvertreter der Erben nach Jenny Steiner, in den Safe wanderte. Dort bleibt es nun bis zur Klärung mit dem Einbringer, der das Relief 1988 bei einer Auktion in München ersteigert und daran - gemäß dem deutschen Recht - nach Ablauf einer zehnjährigen Frist konkretes Eigentum erworben hat. (Olga Kronsteiner / DER STANDARD, Printausgabe, 26.04.2007)

  • Das Relief "Enthauptung der Hl. Barbara" wurde zurückgezogen. Es stammt aus der von den Nationalsozialisten beschlagnahmten Sammlung von Jenny Steiner.
    foto: kinsky

    Das Relief "Enthauptung der Hl. Barbara" wurde zurückgezogen. Es stammt aus der von den Nationalsozialisten beschlagnahmten Sammlung von Jenny Steiner.

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