Hans Orsolics: "I bin no immer ned tot"

22. Juni 2008, 14:17
185 Postings

Der Hansi wird 60 -
Sein Freund Sigi Berg­mann hat ein Buch über den legendären Wiener Boxer geschrieben - ein STANDARD-Interview

STANDARD: Herr Orsolics oder Hansi, was ist Ihnen lieber?

Orsolics: Hansi, alles andere is a Bledsinn. I bin der Hansi.

STANDARD: 32 Jahre nach deinem letzten Kampf kennen dich die Leute immer noch, Journalisten wollen mit dir reden. Hast du eine Erklärung?

Hansi: I hab immer kämpft, hab immer alles geben, hab mi ni obelassn. Des vergessn die Leit hoit nie.

STANDARD: Zu deinem 60. Geburtstag hat Sigi Bergmann ein Buch über dich geschrieben. Hast du es schon gelesen?

Hansi: A Waunsinn, super. Der Sigi hat des eins A gmocht. Des is die ganze Wahrheit, des is des Beste, wos es gibt.

STANDARD: Wie ist dein Verhältnis zum Sigi?

Hansi: Mia san Haberer, i kenn eam 40 Joahr. Er hat mia immer gholfen, hat mi ausm Dreck außezaht, wie i maroni woa. Und des woa oft.

STANDARD: Herr Bergmann, was verdanken Sie dem Hansi?

Hansi: Goar nix.

Bergmann: Blödsinn. Er vermittelt Freundschaft und Menschlichkeit. Der Hansi war einmal Hauptdarsteller auf der größten Bühne Österreichs, dem Fernsehen. Es ist, als würde ein Schauspieler in der Rolle des Hamlet vom Burgtheater seinen Abschied nehmen, um dann als Kulissenschieber weiterzuarbeiten, weil er alles verspielt hat.

Hansi: A Waunsinn normal.

STANDARD: Hansi, du hast einmal gesagt, dass du ein Glückskind bist, weil du noch am Leben bist. Wie meinst du das?

Hansi: Stimmt eh. Derschlogn hättns mi können, daschießn, ohstechn, olles. Im Boxring, auf der Straßn, am Bahnhof, im Wirtshaus. Normal wär i scho längst tot. Meiner Frau kann i olles verdankn, durch sie bin i nach Kalksburg gangen, hab aufghört mit dem Saufen. Des woa a Glück.

STANDARD: Glaubst du an den lieben Gott?

Hansi: Früher scho, i woa Ministrant. Jetzt nimma so.

STANDARD: Hat dich der liebe Gott enttäuscht?

Hansi: Wennst ganz unten bist, denkst da scho, warum hülft dir der Hund net. Aber bös bin i eam sicher net.

Bergmann: Der Hansi hat vor kurzem den Kardinal Schönborn kennengelernt.

Hansi: A Superbursch.

STANDARD: Du hättest dir wohl einiges in deinem Leben gerne erspart. Was waren die schlimmsten Phasen, was die schönsten?

Hansi: Des Schönste, was geben hat, woa, wie i zwamoi Box-Europameister wurn bin. Schlimm woan die Scheidungen, die Wickel mit die Frauen, die Eifersucht, die Scheiß-Tschecherei. Und des Häfen. 14 mal bin i gsessen. Die Zelln woa zwa mal zwa Meta. Do drahst durch.

Bergmann: Es war immer der Alkohol schuld. Er hat nie gestohlen, nie betrogen. Der Richter war bei jeder Verurteilung fast traurig.

Hansi: Stimmt, i woa ja nur fett.

STANDARD: Seit 20 Jahren bist du trocken. Das ist ja auch eine Art Geburtstag, oder?

Hansi: Ja, a Waunsinn.

STANDARD: Das bedeutet, du hast auch als Sportler gesoffen. Wie wird man trotzdem Europameister?

Hansi: Waaß i net. I hab schon als Zwölfjähriger trunken. Alles, Bier, Wein, Schnaps.

Bergmann: Trainer Herbert Janko hat mir gesagt, dass er hunderte Sportler kennen gelernt hat. Aber keiner konnte sich so quälen wie Orsolics.

Hansi: Ja, bis zum Umfalln. Ohne saufen war i Wödmasta wurdn.

STANDARD: Warst du zu leichtgläubig, bist du an die falschen Leute geraten?

Hansi: I glaub scho. Wannst oben bist, hast viele Freind, die schrein Hansi, Hansi. Bist weg von Fenster, patsch, san die Haberer weg. Hast a Geld, sans wieder da, so laung, bis du wieder neger bist. Mei Frau, mei Schwester und der Sigi woan immer do.

STANDARD: Hansi, nach dem Boxen hattest du ein Gasthaus in der Goldschlagstraße. Das war wohl keine gute Idee.

Hansi: Es warat guat gaungen, leider woa i mei bester Kunde.

STANDARD: Du hast oft Stimmen gehört, was haben sie gesagt? Sprechen sie immer noch zu dir?

Hansi: Jetzt sans ruhig, i nimm Pulver. Früher hams lauter Blödsinn gredt. Hau eam nieder, die Frau hat di betrogen und so an Scheißdreck. Hat zu mir aner gsogt, was wüst klaner Blader, kaunst eh net boxen, hab i eahm niederhaun miassn. Er is daun glegen, und i war eingsperrt.

STANDARD: Du hast 1985 eine schöne Platte aufgenommen. "Mei patschertes Leben" wurde ein Klassiker des Austropops. Hörst du das Lied noch ab und zu?

Hansi: Was haaßt hören, i sings. Jedes Wort stimmt, des is mei Leben. Aber es trifft auf viele Menschen zu. Verlurn hab ja net nur i, patschert san die meisten. I beschwer mi net, versink net in Selbstmitleid. Andere ham es schlimmer derwischt.

Bergmann: Er hat nie gejammert. Hätte er mehr Geld gehabt, hätte er mehr verloren. Einmal konnte er sich nicht einmal ein Paar Würstel leisten. Eine Kaffeefirma wollte einen Werbespot machen, sie hätte 300.000 Schilling gezahlt. Der Hansi ist nicht hingegangen, weil er fett war.

STANDARD: Schaust du dir deine Kämpfe hin und wieder an?

Hansi: Wauns im Fernsehn zagt werden, ja, auf Video aber net. I denk man dann: Des woa wirklich i?

STANDARD: Man hat dir vorgeworfen, dass du im Ring keinen Killerinstinkt hattest?

Hansi: Killer woa i kaner, i woa zu waach. Meine Gegner woan jo a nur a arme Sau, i hab sie nie gehasst.

STANDARD: An runden Geburtstagen zieht man Bilanz. Hast du noch Träume?

Hansi: Na. I mecht mei Essen, mei Trinken, meine Zigaretten, mei Gwand. Mehr brauch i net. I hab net vül Ansprüche, i woa immer a bescheidener Mensch.

STANDARD:Wie schaut dein Alltag heute aus?

Hansi: Dreimal die Wochn geh i in die Hausdruckerei vom ORF arbeiten. Dann bin i daham, geh mit mein Hund gassi, i hab a brave Frau. I mog die Natur. I bin hundertprozentig invalid. Der Kopf tuat von die vün Schläg weh. Aber die Ärzte im AKH san super. Früher woan 15.000 Leit in der Wiener Stadthalle, des woa a Waunsinn. Jetzt tua i Maschinen putzn und Papierkisten schleppn. Des is ka Abstieg, i hab immer gearbeitet. I leb net in der Vergangenheit.

STANDARD: Bist du mit dir im Reinen?

Hansi: Ja, i wü mei Ruah, i bin kan bös. Wos soll i bereuen? I hab mindestens drei Leben glebt. Und bin no immer ned tot. So vü Glück gibts ja eigentlich gar net. (Christian Hackl, DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 26. April 2007)

Buchtipp:

Sigi Bergmann Orsolics Hansi, Triumphe und Leiden eines Boxers Seifert-Verlag, 215 Seiten Preis: 22,90 Euro

Zur Person:

Hans Orsolics wurde am 14. Mai 1947 in Wien geboren. Er wuchs in einer Hausmeisterwohnung (ein Zimmer) in Ottakring gemeinsam mit drei Geschwistern auf. "Wir waren ganz arme Leute", sagt er. Der Hansi war kränklich, begann mit dem Boxtraining, scheiterte in der Hauptschule, machte eine Lehre als Rauchfangkehrer. 1965 wurde er Profiboxer, 1967 Europameister im Super-Leichtgewicht (gegen Conny Rudhoff), 1969 im Weltergewicht (gegen Jean Josselin). Seinen letzten Kampf bestritt er 1974 (Niederlage gegen José Duran).
Bilanz: 53 Kämpfe, 42 Siege. Orsolics war alkoholkrank, häufte Schulden an, wurde ausgenützt, saß 14-mal im Gefängnis, meist wegen Körperverletzung (insgesamt zweieinhalb Jahre). Er hat eine Tochter, ist in zweiter Ehe mit Roswitha verheiratet. Seine Schwester Erika kümmert sich um ihn. Orsolics ist seit 20 Jahren trocken und wohnt in Meidling (37 Quadratmeter, ein Boxring misst 36.) Er arbeitet trotz Vollinvalidität in der ORF-Hausdruckerei.

Sigi Bergmann (geb. 1938) ist promovierter Historiker. 40 Jahre war der Opernfan in der ORF-Sportredaktion tätig, als Boxexperte erreichte er Kultstatus. (hac)

  • Sigi Bergmann (links) und Hans Orsolics: Eine Freundschaft, die schon 40 Jahre hält.
    foto: robert newald

    Sigi Bergmann (links) und Hans Orsolics: Eine Freundschaft, die schon 40 Jahre hält.

  • Hansi hat viel gearbeitet. In der Hausdruckerei des ORF putzt er Maschinen, stapelt Kartons. "Kein Abstieg", sagt er.
    foto: robert newald

    Hansi hat viel gearbeitet. In der Hausdruckerei des ORF putzt er Maschinen, stapelt Kartons. "Kein Abstieg", sagt er.

Share if you care.