Wissenschaft sucht den Superstar

24. April 2007, 18:38
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Von coolen Steinen und einem filibusternden Wissenschaftsminister: Augenschein von FameLab, dem Starmania der Wissenschaft

Neue Forschergesichter braucht das Land! Mit FameLab gibt es dafür den passenden Wettbewerb. Von ausgehöhlten Melanzani, coolen Steinen und einem filibusternden Wissenschaftsminister. Ein Augenschein vom Starmania der Wissenschaft.


"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage", rezitiert Pamela Burger, in ihrer Hand, nein, eigentlich in ihren Armen, ein riesiger Kamelschädel. Ein weiblicher Hamlet in einer Shakespeare-Parodie? Nein, Burger ist Veterinärmedizinerin und versucht mit genetischen Untersuchungen, die Wildkamele vor dem Aussterben zu bewahren. Sie ist eine der zehn Finalisten von FameLab, dem Talentwettbewerb, der am vergangenen Samstag erstmals in Österreich buchstäblich über die Bühne ging. Im großen Saal des Technischen Museums in Wien stehen den jungen Wissenschaftern ein Quadratmeter Raum und fünf Minuten zur Verfügung, um sich von einem technischen Physiker oder einer Verhaltensforscherin zu einer Mischung aus Wissenschaftsmissionar und Stegreifkomiker zu verwandeln. Dazu benützen sie Leuchtstifte, Magenmodelle und langnadelige Spritzen – an Requisiten erlaubt ist nur, was man tragen kann.

Der Biotechnologe Thomas Wirthensohn reinigt braunes Klärwasser mit der "Spaghetti-Methode" und nimmt dann einen kräftigen Schluck aus dem Reagenzglas. Der Mathematiker Michael Hofer erklärt doppelt gekrümmte Formen anhand einer Melanzani, die er kunstvoll halbiert und aushöhlt. Das darüber gestülpte Einkaufsnetz führt uns dann noch vor Augen, wie moderne Architektur und insbesondere die Kunsthalle Graz von geometrischen Methoden profitiert.

Die Stimmung ist – "kreisch!" – blendend, hat doch jeder der Teilnehmer Familie, Freunde und/oder Laborkollegen mitgebracht. Die Veranstalter British Council und das Wissenschaftsbüro Science Communications zählen etwa 400 Besucher. Und die dürfen auch noch mitmachen. Wer denn in einer glücklichen Beziehung lebe, will Isabel Zorn wissen. Ex-Nationalratspräsident Andreas Khol und seine Gemahlin, wegen des teilnehmenden Sohns Johannes da, zeigen jedenfalls auf. "Und die anderen sind glückliche Singles?" Vielleicht helfen uns in Zukunft ja winzige Computer beim Dating, stellt die Sozialwissenschafterin in Aussicht und hält einen rot blinkenden Prozessor hoch.

Nach jedem Kurzauftritt beurteilt die fünfköpfige Jury, zusammengesetzt aus Wissenschaftsjournalisten und Vertretern von Forschungsförderern, ob "Content, Charisma und Clarity" da sind. Die Jury darf loben, denn fast alle haben die Basics der Wissenschaftskommunikation verinnerlicht: Fachbegriffe vermeiden oder erklären, anschaulich und bilderreich sprechen, den Stoff in Geschichten verpacken und deutlich machen, was diese Forschung für den Einzelnen bedeuten könnte. Mit anderen Worten: Für die Mikroorganismen ist das Klärwasser eine Jause, die winzigen Kanäle in einem ein Gramm schweren Mineral sind zusammengenommen 150 Millionen Kilometer lang, so lang wie der Abstand zwischen Erde und Sonne, und die Ziege geht zum Tierarzt, weil sie vom vielen Brotfressen Magenschmerzen kriegt.

Lange Beratung

Während die Zuschauer per Applausstärke den Publikumspreis vergeben, zieht sich die Jury zu Beratungen zurück. Und die dauern. Also verfügt Moderatorin Carolina Inama noch ein Stechen um den Publikumspreis, den Kamelschädelträgerin Burger um Dezibelbreite für sich entscheidet. Jedoch – immer noch keine Jury. Inama zückt ihren letzten Trumpf: "Herr Wissenschaftsminister, wollen Sie nicht noch etwas sagen?", worauf Johannes Hahn, eigentlich zur Verleihung des Preises da, seine Filibusterfähigkeiten unter Beweis stellen darf.

Schließlich muss die Jury regelrecht zurück auf die Bühne gezerrt werden, erst auf dem Weg vom Beratungszimmer habe man sich einigen können. And the winner is: Robert Krickl, der wortgewandt die Anwendungsbreite des Minerals Zeolith vorführt, etwa die Kühlung eines Bierfasses, das draußen schon wartet. Krickl schlägt die Hände vors Gesicht und kann, wie sich das für einen überwältigten Sieger gehört, nur stammeln: "Unglaublich, mir fehlen die Worte." Der Wiener Geologe gewinnt, nein, keinen Plattenvertrag, sondern eine Reise nach England. Anfang Juni findet im Rahmen des Science Festival in Cheltenham das europäische FameLab statt. Sieger aus zehn Nationen werden dort gegeneinander um die Wette popularisieren. Fazit: das aus Großbritannien importierte Format "FameLab" funktioniert auch hierzulande. Dass die Minipräsentationen affirmativ sind und mitunter wie eine Werbeeinschaltung für neue Technologien anmuten – geschenkt. Nur wenn es um Therapien gegen Krebs geht, sollte man mit Hoffnung schürenden Versprechungen zurückhaltend sein. Für Vertiefung und kritische Auseinandersetzung gibt es andere Formen der Vermittlung. Die Begeisterung, die die FameLaboranten für ihre Arbeit auf der Bühne versprühen, hat jedenfalls mehr als nur Unterhaltungswert.

Die Forschung erhält so in der Tat ein sympathisches Antlitz, aber auch die Forscher selbst beginnen umzudenken. Sich mit den Medien einzulassen ist mittlerweile keine anrüchige Anbiederung mehr. FameLab könnte also in beide Richtungen wirken, in Öffentlichkeit und Wissenschaft hinein. Zeilinger et al. in Ehren, aber Österreichs Wissenschaft kann hinsichtlich ihrer Außenwirkung ein paar frische Gesichter vertragen. Dass mit dem 25-jährigen Krickl der jüngste Teilnehmer gewonnen hat, der auch im Publikum eines Christina-Stürmer-Konzerts nicht sonderlich alt ausschauen würde, ist daher zu begrüßen. Und dass der sehr lässig angezogene und nur wenig rasierte Biomediziner John Dangerfield ein Jurymitglied zu der Bemerkung veranlasste, dass er gar nicht wie ein Wissenschafter aussehe – auch gut.

Und jetzt noch ein Wunsch fürs FameLab 2008 (ob es das geben wird, steht noch nicht fest). Geisteswissenschafter waren keine mit dabei, eingeladen zu den Auditions waren sie. Haben denn etwa die Anglisten der Öffentlichkeit nichts zu sagen? Man kann doch Hamlet nicht den Tierärzten überlassen. (Oliver Hochadel/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.4. 2007)

  • Nach dem ersten Freudentaumel: Sieger Robert Krickl, ein Geologe, der die Anwendungsbreite des Minerals Zeolith vorführte,
beim Fototermin mit Wissenschaftsminister Johannes Hahn.
    foto: standard/fuchs

    Nach dem ersten Freudentaumel: Sieger Robert Krickl, ein Geologe, der die Anwendungsbreite des Minerals Zeolith vorführte, beim Fototermin mit Wissenschaftsminister Johannes Hahn.

  • Ein künftiger Popstar der Forschung muss natürlich vor seinem Auftritt geschminkt werden.
    foto: standard/fuchs

    Ein künftiger Popstar der Forschung muss natürlich vor seinem Auftritt geschminkt werden.

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