Sachertorte in Tapojärvi

25. April 2007, 10:42
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Arnim Grabenweger ließ sich ein Rentier schlachten und berichtet, was man sonst noch am Polarkreis zu sich nimmt

"Is there foam in it?" Heutzutage werden einem beim Versuch, ein Flugzeug zu besteigen, die seltsamsten Fragen gestellt. Da müsste ich jetzt eigentlich schnell bei der Firma Aida anrufen, was die so in ihre Sachertorten packen. Alternative: Ich versuche, meine Unsicherheit über die Zutaten zu überspielen und antworte der Dame freundlich, dass da kein Schaum ist.

Wär’ ja auch blöd, wenn die Torte nach zwei Dritteln des Reisewegs in Helsinki zurückbleiben müsste. Muss sie nicht: Sie wird ihrer Bestimmung als Gastgeschenk zugeführt. In Tapojärvi, ein paar hundert Kilometer nördlich des Polarkreises, werden wir von den Eltern eines Freundes freundlich aufgenommen.

Der Lachs aus Eigenfang und das geräucherte Rentier zum Frühstück bilden am nächsten Morgen neben dem Haferbrei mit Moltebeeren eine solide Grundlage für den ersten Langlauftag. Dann heißt es umziehen: Wir bedanken uns bei Vater und Mutter (mit denen man mangels einer gemeinsamen Sprache leider kaum über das Essen fachsimpeln kann) und beziehen unsere Hütte in Äkäslompolo. In Tapojärvi haben wir noch einige tiefgefrorene Maränen - aus dem See vor dem Haus – mitgehen lassen. Und unterwegs noch eingekauft, was man halt so braucht zur Selbstversorgung: Würstel der Marke "Wilhelm" für die Langlaufrunden zum Beispiel.

Wo das Ren geschlachtet wird

Rentierteile kaufen wir nicht im Supermarkt. Ein Besuch beim Rentierzüchter steht an, mit einer kleinen Präsentation des Verarbeitungsprozesses: Geschlachtet wird im Freien. Ein Problem mit der Kühlkette besteht Anfang März ohnehin nicht. Kein Anblick für Vegetarier: Die von Fell und Kopf befreiten Rentiere hängen ordentlich auf Haken. Rund 60 Kilo inklusive Knochen bleiben da über von einem Kalb. Ihre noch lebenden Artgenossen stehen recht ungerührt daneben (grasen wäre angesichts der gut einen Meter hohen Schneeauflage das falsche Verb).

Wir kriegen auch Hunger: Ein paar gutaussehende Steaks und ein gutes Kilo Geschnetzeltes nehmen wir mit. Die Steaks schmecken nach mehrtägiger Marinierung bei einem carnivoren Nordic-Aprés ausgezeichnet. Das Geschnetzelte, mit Zwiebel gedünstet, ist ohnedies „läppisches“ (wie unser einheimischer Freund, der ganz ausgezeichnet Deutsch spricht, zu sagen pflegt) Nationalgericht. Artentechnisch ist das Ren übrigens ein domestizierter Hirsch: Schmeckt auch so.

Zum Dessert gibt es Juustoleipä., "Käsebrot": Ein Käse in Pfannkuchenform, im Backrohr erwärmt, mit Vanilleeis und Moltebeeren nicht gerade ein leichter Nachtisch. Aber ein Fixpunkt bei jedem Finnland-Urlaub und vor allem wegen des Quietschgeräusches, das der Käse beim Kauen von sich gibt, eine Erfahrung.

Ein Verdauungsschnapserl gefällig? Gern. Nur: Der Genuss alkoholischer Getränke bedarf der Planung. Der nächste "Alko", die staatliche Monopolverschleissstelle mit Wein und Schnaps, ist immerhin 25 Kilometer entfernt. Bier mit schönen Namen wie Lappisches Gold (Lapin Kulta) oder Bär (Karhu) gibt es auch im Supermarkt. So wie Fischeier, zum Beispiel Rogen von der Maräne, den wir mit selbst gemachten Buchenweizenblinis verputzen. Gehört zum Langlaufen (siehe Bratwurst, Quelle deiner Kraft) eben dazu.

Für die letzte Nacht kehren wir zurück zu unseren Gastgebern. Das Abendessen bringt Fischeier in Sauerrahm (finnisch smetana), Lachs und Elchgeschnetzeltes. Und ein Wiedersehen mit einer alten Bekannten: Zum Abschluss werden wir mit Sachertorte mit Schlag (und ohne Schaum) bewirtet. Der Weihnachtsmann lebt kulinarisch nicht so schlecht, 200 Kilometer weiter südlich, ohne Sachertorte halt. Oder hat er einen Vertrag mit einem österreichischen Zulieferer?

  • "Schmeck's" ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.
    foto: grabenweger

    "Schmeck's" ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

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