Kunst an der Schmerzgrenze

2. April 2008, 18:43
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Mitte der 1970er entwickelten die britischen Antimusiker Throbbing Gristle die "Industrial Music", ein aus Alltagsgeräuschen gespeister Stil

Zwischen Körperexperiment und maschinellen Sounds: In Krems werden sie uns heftig an diese Gründerrolle erinnern.

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Dass vereinbarte Interviews mit Throbbing Gristle letztlich ohne Angabe von Gründen doch nicht stattfinden, mag zum einen daran liegen, dass sich die Band 26 Jahre nach ihrem damaligen Ende im Streit nach ersten wiedervereinigten Auftritten 2004 und dem ursprünglich für September 2006 angekündigten und erst jetzt erschienenen Comeback-Album Part Two – The Endless Not kolportierterweise schon wieder zart auseinandergelebt hat. Nach ihren beiden Abenden am kommenden Wochenende in Krems beim donaufestival wurden Auftritte bei der Kunstbiennale im Juni in Venedig zur Sicherheit erst einmal abgesagt. Man munkelt nach "TG2" auch bereits von "TG3" – - ohne die Mitwirkung des sich seit geraumer Zeit Richtung eines "pansexuellen" Wesens nach dem äußeren Vorbild seiner Lebensgefährtin umoperieren lassenden Genesis P-Orridge.

Wie auch immer: Der Auftritt aller vier beim donaufestival ist definitiv fixiert!

Andererseits standen die 1981 aufgelösten britischen Throbbing Gristle als "pulsierender Knorpel" vulgo "erigierter Penis" im Unterhaltungsgewerbe mit der Betonung auf Hören mit Schmerzen und Schauen mit Widerwillen mit ihrer bewusst im Zeichen des Dilettantischen stehenden Kunst wider das Virtuosentum und Verbindliche schon immer auch entschieden für eines:

Die ursprünglich von der multimedialen, vom Wiener Aktionismus, der Fluxus-Bewegung und der (literarischen) Cut-up-Technik eines William S. Burroughs beeinflusste und aus der Performancegruppe Coum Transmissions hervorgegangene "Band" von dezidierten Nicht- oder Antimusikern, bestehend aus Mastermind Genesis Breyer P-Orridge, dem ehemaligen Pornomodel Cosey Fanni Tutti und den beiden Klanginstallateuren Peter "Sleazy" Christopherson und Chris Carter, repräsentiert eine radikale Abkehr von jedweder Konvention im Kunstbetrieb. Es begann 1977 mit dem im Eigenverlag auf dem Label Industrial Records in Kleinstauflage produzierten ersten Album The Second Annual Report of Throbbing Gristle. Noch heute berufen sich nachfolgende kommerzielle Resteverwerter und Trivialisierer von Throbbing Gristle wie Nine Inch Nails oder Marilyn Manson und hunderte andere Bands zwischen freier Lärmimprovisation, "Intelligent Techno" und Verschubbahnhof auf eines. Auf jenseits afroamerikanischer Wurzeln, dafür auf harscher, experimenteller Rudimentärmusik und Geräuschen des Alltags aus Fabriken, Baustellen und Verkehr beruhendem, mit dem Horror der fleischlichen Lust arbeitenden Kunstlärm sollte hier das Destillat der Verzweiflung aus der Moderne gezogen werden.

Ende der 1970er-Jahre schufen Throbbing Gristle vor allem auch als Live-Band damit die – selbst in Opposition zur Verweigerungshaltung des von Genesis P-Orridge schon seinerzeit als im Endeffekt mit Gitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang als konservative Musik bezeichneten Punk – "Industrial music for industrial people". Kombiniert wurde diese mit herzlos programmierten Sequencern und Rhythmusboxen und gequält geschrieenen, parolenhaften Texten auf der Suche nach Provokation zwischen plakativen Nazi-Symbolen und Grenzbereiche der Erduldung auskundschaftender Körperkunst – sowie schließlich auch mit unerbittlich hochgefahrener, infernalischer Lautstärke. Antimusik im vorzugsweise roten (Risiko-)Bereich.

Nach weiteren Veröffentlichungen wie D.O.A. (The Third And Final Report of Throbbing Gristle), 20 Jazz Funk Greats oder Heathen Earth und provokanten Song-Fragmenten wie Hamburger Lady, Zyclon B Zombie, Something Came Over und der gnadenlos brutalen Techno-Vorstudie Discipline ("Marching Music for Psychic Youth!") ging das Quartett 1981 wegen privater Eifersüchteleien auseinander. Cosey Fanni Tutti trennte sich von Genesis P-Orridge und wechselte zu Chris Carter. Throbbing Gristle verkündeten rechtzeitig vor ihrer Akzeptanz seitens eines größer werdenden Publikums trotzig: "The mission is terminated."

Genesis P-Orridge gründete mit Peter Christopherson die lose (und konventionellere), allerdings während der 80er-Jahre zunehmend von gelungenen Arbeiten wie Force The Hand Of Chance in nicht nachvollziehbaren Okkultismus und musikalische Rock-Banalität (Godstar) driftende Band Psychic TV, bevor Christopherson sein legendäres Projekt Coil in Angriff nehmen sollte. Und Cosey Fanni Tutti und Chris Carter machten solo sowie als Duo Chris & Cosey weiter. Allesamt aber sollten niemals wieder den heute allgemein geltenden Status als große Gründerväter einer Gegenkultur namens Industrial Music erreichen.

Beim donaufestival wird die Band an zwei Abenden nicht nur von ihr geschätzte Kollegen wie KTL, Alan Vega, Rechenzentrum oder die Boredoms als Gäste laden. Neben neuem Material generiert man am zweiten Abend auch gemeinsam mit einem Chor unter der Leitung der isländischen Dirigentin Hildúr Gudnadóttir wieder einmal den großteils frei improvisierten Live-Soundtrack zu Derek Jarmans altem Film In The Shadow Of The Sun. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 24.04.2007)

>> 29. & 30. 4., Halle 1. 21.00
  • Die Industrial-Music-Veteranen Throbbing Gristle, Cosey Fanni Tutti, Peter "Sleazy" Christopherson, Chris Carter und Genesis P-Orridge gastieren am Wochenende in Krems.
    foto: mute

    Die Industrial-Music-Veteranen Throbbing Gristle, Cosey Fanni Tutti, Peter "Sleazy" Christopherson, Chris Carter und Genesis P-Orridge gastieren am Wochenende in Krems.

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