Molterer: "Wirke manchmal etwas stachelig"

12. Dezember 2007, 07:58
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Der Vizekanzler über seine Sandkistenträume, sein rotes Sorgenkind Josef Cap und jene Momente, in denen er die Kontrolle verliert

Wilhelm Molterer ist ab Samstag neuer Chef der ÖVP.

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STANDARD: Herr Vizekanzler, sind Sie abergläubisch?

Molterer: Nein. Ich bin gläubig.

STANDARD: Dass Ihre Wahl zum ÖVP-Parteichef am 13. Parteitag stattfindet, weckt also keine Vorahnungen?

Molterer: Mir ist das Datum wurscht.

STANDARD: Aber Sie sind jetzt dort, wo Sie immer hinwollten?

Molterer: Nein. Ich habe in der Sandkiste etwas anderes zu tun gehabt. Ich habe mit Begeisterung Burgen gebaut.

STANDARD: Sie träumten also nicht, wie SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer, schon als Kind vom Kanzleramt?

Molterer: Nein, es waren die klassischen Wünsche, Pilot etwa. Parteiobmann der ÖVP zu sein ist nichts, was man anstrebt. Das kommt auf einen zu. Und dann muss man sich die Frage stellen: Traut man sich's zu? Dann gibt es nur mehr ein Ja oder Nein. Ich habe Ja gesagt.

STANDARD: Aber unbelastet sind Sie nicht: Ihr älterer Bruder war Landwirtschaftskammerpräsident, Ihr Onkel und Adoptivvater Nationalratsabgeordneter. Eigentlich sind Sie das typische Produkt politischer Familiensozialisation.

Molterer: Das stimmt. Ich bin von meiner Kindheit an politisch geprägt. Bei uns war es selbstverständlich, dass man sich zur Verfügung stellt. Man genügt sich nicht selbst, sondern ist Teil einer Gemeinschaft.

STANDARD: Weniger romantisch formuliert: Sie sind ein Mann des Systems.

Molterer: Ich bin fest überzeugt: Politik muss man lernen, wie jede andere Tätigkeit auch. Das ist Voraussetzung dafür, dass man reüssiert.

STANDARD: Nachteile sehen Sie nicht?

Molterer: Es gibt Risken. Ich versuche, sie für mich zu minimieren, indem ich mir andere Lebenswelten freihalte - als Korrektiv. Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich manchmal etwas stachelig wirke. Es tut mitunter weh, dass Politik so gnadenlos geworden ist, es keine Grenze mehr zwischen Politik und Privatheit gibt - außer man zieht sie selber. Wer das, wie ich, nicht macht, wird überrollt.

STANDARD: Gleichzeitig haben Sie sich für Karl-Heinz Grasser eingesetzt, das genaue Gegenteil: Bei ihm verschmolz Privat und Politik. Warum?

Molterer: Weil jeder für sich wissen muss, wie er es für richtig hält.

STANDARD: Aber was ist besser für die Politik?

Molterer: Das kommt darauf an, wie man Politik versteht. Auch ich weiß, dass Inszenierung wichtig ist. Ich bin ja nicht ganz jungfräulich. Ich habe für mich entschieden, wie ich es mache.

STANDARD: Beschreiben Sie Ihr Verhältnis zu Wolfgang Schüssel.

Molterer: Wir sind dicke Freunde.

STANDARD: Kritiker in Ihrer Partei sehen in ihm den "Überdrüber-Generaldirektor".

Molterer: Diese Diskussion gefällt mir sehr. In der Geschichte der ÖVP gab es so einen Übergang noch nie, das stimmt. Alleine dass sich SPÖ-Klubobmann Josef Cap jeden Tag über ihn aufregt, zeigt, dass seine Wahl zum Klubchef absolut richtig war.

STANDARD: Aber können Sie nicht erst dann frei agieren, wenn er abtritt?

Molterer: Ich sehe das völlig anders. Ich schwebe ja nicht im luftleeren Raum. Als ÖVP-Obmann bin ich gut beraten, mich mit meinen Mitstreitern im Klub, den Ländern und den Interessenvertretungen abzustimmen. Ich führe die Partei so, wie ich es für richtig halte.

STANDARD: Dass heißt: Wenn Sie sagen, "Lieber Wolfgang, ich will, dass du gehst', dann macht er das? Oder ist das seine alleinige Entscheidung?

Molterer: Es ist Entscheidung der Abgeordneten. Er ist ihr Leithammel, wenn man so will. Es war meine Bitte an ihn, für diese Legislaturperiode Klubobmann zu sein - und dabei bleibt es.

STANDARD: Sie lassen also starke Leute neben sich zu - Andrea Kdolsky ist ja eine ihrer Stellvertreterinnen?

Molterer: Entschuldigung: Das ist das Lässigste, was es gibt.

STANDARD: Kommen wir zum Eurofighter: Ist es für Sie richtig, dass die Expertise Helmut Koziols geheim bleibt?

Molterer: Das war ja das Eigenwillige: Wir machen im Ministerrat auf Vorschlag Darabos eine gemeinsame Vorgangsweise aus, dann wird vom Verteidigungsminister zu einer Pressekonferenz eingeladen, die die beschlossene Vertraulichkeit verletzt. Da war die Irritation groß.

STANDARD: Gutes Stichwort: Wie geht es Ihnen mit der SPÖ?

Molterer: In der Regierung haben wir inzwischen eine relativ gut funktionierende Zusammenarbeit. Große Sorgen macht mir Josef Cap. Das ist das wirkliche Problem. Er hat noch immer die rot-grüne Minderheitsregierung im Hinterkopf. Gleichzeitig scheint es die Strategie zu geben, zwei Firmen zu spielen. Auf Dauer wird das nicht funktionieren. Ich erwarte, dass er sich asymptotisch der Kooperation nähert. Ganz wird das wohl nie der Fall sein.

STANDARD: Rückblickend: Was hätten Sie seit Oktober 2006 anders gemacht?

Molterer: Vielleicht hätten wir manchen zeitlichen Verlauf etwas anders setzen müssen. Es hat sehr lange gedauert, bis wir - beide - in eine vertrauensvolle, wirklich intensive Koalitionsverhandlungsphase gekommen sind. Wahrscheinlich war diese Zeit notwendig. Das haben viele nicht verstanden.

STANDARD: War der Widerstand gegen die U-Ausschüsse nicht übertrieben?

Molterer: Alles muss auf den Tisch, das habe ich immer gesagt. Dass die U-Ausschüsse nicht zur Steigerung der Harmonie beitragen, liegt auf der Hand. Wir gehen jetzt professionell damit um, ein Demokrat nimmt Entscheidungen zur Kenntnis.

STANDARD: Sie haben schon viele Rollen gehabt in Ihrer politischen Karriere, Sie waren der liberale Konservative, der strenge Klubobmann - was werden Sie jetzt sein?

Molterer: Ich werde viel zuhören - ausgestattet mit einem großen Sensorium für das, was kommt. Ich will die Volkspartei zum Angreifen und zum Erleben, aber gleichzeitig klar machen, wofür sie steht. Ich will Diskussionen nicht nur zulassen, sondern sie fordern - am Ende des Prozesses muss aber eine Entscheidung stehen. Partei heißt auch, erkennbar sein und eine Linie haben.

STANDARD: Sie wirken immer so kontrolliert. Können Sie auch loslassen?

Molterer: Ich bin ein Mensch, der versucht, sich und seine Emotionen nicht zu zügeln, sondern damit gut umzugehen. Ich werde kaum laut. Ich gehe, glaube ich, gut mit Kritik um. Und ich habe meine persönlichen Ventile, die eben anders sind: Lesen, Wandern, Spazierengehen.

STANDARD: Wissen Sie, was ein "Avatar" ist?

Molterer: Nein. Es ist schon lustig, was man nicht schon alles gemacht haben soll. Ich habe einmal am eigenen Leib verspürt, wie eigenwillig es ist, in einer Umgebung zu sein, in die man nicht wirklich hinpasst: Bei einem krampfhaften Disco-Besuch im Wahlkampf vor Jahren. Der Erfolg war enden wollend. Es gibt für mich effizientere Methoden, um Leute zu überzeugen. (Barbara Tóth/DER STANDARD, Printausgabe, 21.4.2007)

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    Hat ab Samstag in der ÖVP das Sagen: Vizekanzler Wilhelm Molterer

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