Paradies der Abenteurer

20. April 2007, 17:44
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Patrick Devilles großartiger Roman: Ein mittelamerikanisches Kaleidoskop der Historie

Plutarch versteht die Erzählung vom Leben und Sterben berühmter Männer als exemplarisches Material auf der Erkenntnissuche über die Bestimmung des Menschen, die Historie und den Geschichtsschreiber selbst. Der französische Autor, den Patrick Deville in Pura Vida. Leben und Sterben des William Walker 1997 durch Mittelamerika reisen lässt, entdeckt nach und nach, dass dort "die bewundernswerten Bravourstücke, der ungeheuerliche Verrat und die mörderischen Treuebrüche" denen der illustren Männer, die Plutarch versammelt hat, "in nichts nachstanden". Diese Weltgegend habe in den zwei Jahrhunderten nach dem Referenzdatum 14. Juli 1789 "mit Helden, Verrätern und Feiglingen nicht weniger gegeizt als die griechischen und römischen Provinzen in der Antike".

Eine entsprechende, eine äußerst ansprechende Darstellung ist Patrick Deville in adäquater aktueller Form gelungen: eine feine narrative Verbindung von Räumen, Zeiten, Ereignissen, eine Kreuzung der Ebenen und Erzählstränge, eine horizontale Struktur, die das Disparate am roten Faden der Thematik und des Vorgehens aufreiht, um die verschlungenen Wege der Geschichte in präzisen Sprachbildern und prägnanten Schilderungen zu konzentrieren, mit Aktualitäten zu konfrontieren. "Ein leichter Wind bewegt die Blätter der Palmen", bringt der am See bei Managua Sitzende die Umgebung näher und bietet zugleich ein Sinnbild seines narrativen Flechtwerkes, "pfeilartige Schatten streichen über die Sonnenschirme, bilden Flechtwerke aus flüchtigen Figuren, die sich überschneiden, auseinanderreißen und sich wieder vereinen."

Der Geschichtensammler verfolgt seit einiger Zeit das Projekt, über Leben und Sterben des William Walker zu schreiben, eines Mediziners und Advokaten aus dem Süden der USA, der Mitte des 19. Jahrhunderts – von Lord Byron begeistert – auszog, um mit einer Hand voll Abenteurer ein Reich zu errichten, kurzzeitig Präsident von Nicaragua war und vor dem Erschießungskommando endete (wie so viele in dieser Region). In das geplante literarische Unternehmen mischen sich allerlei andere Schicksale und besonders eine Gegenfigur, die nicht in Erinnerungen zurückgehen kann: Victor, ein großes "Gespenst" mit knallroter Baseballmütze und dunkler Vergangenheit, hat das Gedächtnis verloren. Er besitzt das Schwarz-Weiß-Foto einer Frau mit langem schwarzen Haar, ein Ebenbild der früh verstorbenen Lieben des hellen und des finsteren Helden, von Simón Bolívar und von William Walker. Derartige Parallelen, wie sie für Plutarch eine konstituierende Rolle spielen, setzt Deville in unterschiedlicher Intensität auf allen Ebenen des Romans.

Die Recherche- und Erzählbewegung entspricht den räumlichen und zeitlichen Sprüngen des Reisenden in Sachen Geschichte(n), der den Eindruck vermittelt, "wie eine Flipperkugel innerhalb der Länder der mittelamerikanischen Landenge hin- und herzufliegen", und der seine Erinnerungsmomente aus ganz Lateinamerika, auch aus dem arabischen Raum herleitet. Die Gleichartigkeiten und Parallelen, die "similitudes", finden sich in jene narrative Ordnung gebettet, die der ungemeinen Vielfalt des Romans eine Einheit verleiht.

Die Episoden aus zwei Jahrhunderten, diese außergewöhnlichen, faszinierenden Gestalten lässt Patrick Deville in den zwei Teilen von Pura Vida seine Schriftstellerfigur in den Hauptstädten – und hier jeweils besonders in einer Bar (Morocco und Paradiso) – zweier angrenzender Länder, zwischen den zwei Ozeanen, die zu so vielen gescheiterten Kanalprojekten und zu geopolitischen Strategien herausgefordert haben, erzählen.

Und zwar an zwei aufeinanderfolgenden Freitagen, unterlegt von lokalen Zeitungsausschnitten des Tages, diesen laut Borges "Museen flüchtiger Bagatellen": am 21. und am 28. Februar 1997 in Managua und in Tegucigalpa. Es geht um Macht und Unterdrückung, immensen Luxus und harte Armut; man liest von Diktatoren, revolutionären Bewegungen und Geheimdiensten, von Kriegen, Folterungen, Brandschatzung, Piraterie, von Kriminalität im Großen und im Kleinen. Und von diesen armen, schönen Ländern, deren Vögel mit ihrem bunten Gefieder und ihren bunten Namen ständig durch den Roman flattern. Allem Schrecken, all dem Sterben steht der idiomatische Ausruf aus Costa Rica gegenüber, "Pura Vida", das "schönste Kompliment, das man dem Leben machen kann".

Illustre Männer und üble Drecksäcke, herrliche und ewige Verlierer, die meisten füsiliert, sind in ein Kapitel "Leben und Sterben" gesetzt: Narciso López, der 1850/51 Kuba erobern wollte; Fidel Castros Kampfgefährte Tony de la Guardia; der 1842 hingerichtete Francisco Morazán, Ex-Präsident von vier verschiedenen Staaten; der zweite Che, "El Che punto cincuenta". Auf der ersten Seite von Pura Vida verweist Patrick Deville auf den Tod von Sandino, den Somoza 1934 ermorden ließ; das "Leben und Sterben" des Visionärs bildet ein zentrales Kapitel in der Mitte des Romans – und dazu passen die Gespräche des Erzählers mit bekannten Schriftsteller-Rebellen und mit den führenden Sandinisten, die 1997 gerade die Wahl verloren haben. Das unübertreffliche Vorbild in der Galerie ist Simón Bolívar, und die beiden Extreme sieht die mittelamerikanische Revolutionsmythologie in "dem Engel und dem Dämon", Che Guevara und William Walker.

Dessen Leben und Sterben liefert den roten Faden, seine ausgezählte Lebenszeit treibt die Erzählung voran. Das zweite Kapitel schildert, wie er 1860 mit seinen letzten Soldaten in den Dschungel von Honduras flüchtet; ihm bleiben noch zehn Tage zu leben. Siebzig Seiten später liest man, wie er sich 1854 zum Präsidenten des kargen nordmexikanischen Sonora ausruft und kläglich scheitert, dann wie er zur Eroberung Nicaraguas ansetzt, dessen Präsident er 1856 wird; vier Jahre bleiben ihm noch zu leben. Wieder siebzig Seiten weiter hat er verloren, kehrt in die USA zurück, um alsbald Honduras anzugreifen; jetzt hat er noch ein Jahr zu leben. Auch die Wege des William Walker erscheinen im Roman wie die Bahn einer Flipperkugel.

Dieses Kaleidoskop der Historie bringt Patrick Deville mit Gesprächen, Taxifahrten, Straßen- und Landschaftsbildern zusammen, die Abenteurerbiografie mit der zeitgeschichtlichen Spurensuche. So gelingt ein – in der sehr guten Übersetzung wiedergegebener – eigener Ton, eine dynamische Erzählung, präzise bis zur genauen Nennung der Wagen- und Waffentypen, mit ruhigen Momenten und wunderbaren Sätzen. Eine virtuose Prägnanz, etwa über den Wandel des Advokaten Walker nach dem Tod der Schönen mit dem langen schwarzen Haar: "1849 stirbt die einzige Liebe im Leben William Walkers an Cholera." Absatz. "Der Redner schweigt. Er schreitet in seinem engen schwarzen Gehrock unter Magnolienblättern, die glänzen, als wären sie lackiert, durch den Park." Und zieht, es ist die Zeit des Goldrauschs, nach Kalifornien.

Deville versteht es, Ereignisse und Orte nahe zu bringen, ein Ambiente in aller Kürze einzufangen, dann ein anderes, zugleich eine Reflexion, und alles von aufgeklärtem Esprit, bisweilen Humor. Pura Vida ist große Literatur: eine unbedingte Leseempfehlung. (Klaus Zeyringer / ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 20.04.2007)

Patrick Deville, "Pura Vida. Leben und Sterben des William Walker". Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock. € 19,90/306 Seiten. Haymon, Innsbruck 2007.

Patrick Deville liest am 24. April um 20 Uhr im Literaturhaus in Salzburg und am 25. April um 19 Uhr in der Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz in Wien.
  • Artikelbild
    buchcover: haymon
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